"Deutschland sozial gestalten!"

Der Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ulrich Thöne, hat die Große Koalition aufgefordert, den Wählerauftrag "Deutschland sozial zu gestalten" endlich Ernst zu nehmen.

21.10.2006 Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Bisher habe die "Reformpolitik" von Union und SPD einen "Scherbenhaufen" hinterlassen. "Die Steuererhöhungen der Großen Koalition treffen vor allem die sozial schwachen und Arbeitnehmerhaushalte. Im gleichen Atemzug denken die Koalitionäre über weitere Steuersenkungen für die Unternehmen nach. Das ist ein gesellschaftlicher Skandal. Jeder Euro mehr, der an die Konzerne fließt, fehlt der Staatskasse – beispielweise für dringend notwendige Investitionen in den Bildungsbereich", stellte Thöne während der Kundgebung am DGB-Aktionstag auf dem Frankfurter Römerberg am Samstag fest.

Angesichts der katastrophalen Ausbildungsplatzsituation machte sich der GEW-Vorsitzende für mehr Lehrstellen stark: "Der Vorschlag des DGB eines Sofortprogramms für 50.000 zusätzliche Ausbildungsplätze muss im Interesse der jungen Menschen so schnell wie möglich umgesetzt werden." Zudem solle ein Maßnahmenpaket geschnürt werden. Dazu gehörten eine Ausbildungsplatzumlage, zusätzliche Lehrstellen, die mehrere Unternehmen im Verbund anbieten, sowie weitere vollqualifizierende Ausbildungsgänge an beruflichen Schulen, die mit einer anerkannten Kammerprüfung abschließen. "1,5 Millionen Menschen, die jünger als 25 Jahre sind, haben keine Ausbildung. 50.000 Jugendliche bekommen keinen Ausbildungsplatz, zusammen mit den Altbewerbern suchen jetzt über 200.000 junge Menschen vergeblich nach einer betrieblichen Lehrstelle. Wir dürfen nicht zulassen, dass immer mehr junge Menschen abgestempelt werden und sich selbst aufgeben", sagte Thöne. Dieser gesellschaftlichen Aufgabe müssten sich Wirtschaft und Politik gerade mit Blick auf die aktuelle Armuts- und Unterschichtsdebatte stellen.

"Bildung soll einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengleichheit in unserer Gesellschaft leisten. Sie soll den Menschen Lebens- und Berufsperspektiven eröffnen. Die Realität sieht leider anders aus: Die Bildungsbereich ist – auch im internationalen Vergleich – völlig unterfinanziert. Während in Deutschland fast jede Fußballarena einen beheizbaren Rasen hat, kriecht an unseren Schulen der Schimmel die Wände hoch", unterstrich Thöne. "Das Geld für gute Kindergärten und Schulen fehlt an allen Ecken und Enden." Im internationalen Vergleich hätten Kindergärten in Deutschland einen geringen Stellenwert. Ähnlich schlecht sehe es mit Ausbildung und Bezahlung der Erzieherinnen aus, sagte der GEW-Vorsitzende. Und: Kita-Plätze für Kinder, die jünger als drei Jahre sind, müsse man mit der Lupe suchen. "Unser Schulsystem sortiert Kinder aus – statt sie zu fördern. Es zementiert die soziale Spaltung in unserem Land: Die Arzttochter geht zum Gymnasium, der Arbeitersohn auf die Hauptschule", hob Thöne hervor. Nur eine Schule, die alle Kinder gemeinsam unterrichtet, jeden mitnimmt und keinen ausgrenzt, böte allen Kindern die gleichen Chancen. Der GEW-Vorsitzende machte sich zudem für mehr Ganztagsschulen stark: "Die Halbtagsschule am Vormittag mit sechs Stunden, sechs Fächern und sechs verschiedenen Lehrern muss Vergangenheit sein."

Der Gewerkschafter betonte, dass Deutschland mehr Akademiker brauche. "Doch was machen Bund und Länder? Sie setzen auf Eliteforschung und vernachlässigen die Lehre. Die Hochschulen leiden unter der Sparwut der Landesregierungen, überall fehlt das Geld: Deshalb werden Studierwillige mit dem Numerus clausus aus den Hörsälen ausgesperrt und mit Studiengebühren vom Studium abgeschreckt! Diese Weichenstellungen sind falsch", sagte Thöne. "Geld gibt es in einem reichen Staat wie Deutschland genug. Holen wir es da, wo es ist."

Info: Die komplette Rede des GEW-Vorsitzenden Ulrich Thöne finden Sie im Anhang und/oder im Internet unter: www.gew.de/Pressemitteilungen.html.

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