Nicht reif für die Ausbildung?

„Jeder zweite Schüler taugt nicht für die Lehre“ oder „Generation kann nix“, so wird gern zum Thema Ausbildungsreife lamentiert. Der Tenor: Die Jugendlichen können kaum rechnen und schreiben, obendrein sind ihnen Tugenden wie Leistungsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein weitgehend abhanden gekommen. Sind die jungen Menschen tatsächlich nicht auf die Anforderungen in der Berufsausbildung vorbereitet oder will die Wirtschaft mit solchen Argumenten vom Lehrstellendefizit ablenken? Die Meinungen gehen auseinander.

09.01.2006 Artikel

Das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) hat im Herbst 2005 knapp 500 Berufsbildungsexperten aus Betrieben, Schulen, Kammern, Verwaltung und Verbänden zu diesem Thema befragt. Und tatsächlich: Die Einschätzungen der befragten Experten sind in etlichen Punkten nicht allzu weit entfernt von der Meinung des Stammtischs.

Haben doch knapp 90 Prozent der Ausbildungsexperten die Erfahrung gemacht, dass die Fähigkeiten in der deutschen Rechtschreibung, im schriftlichen Ausdruck und im einfachen Kopfrechnen bei den Auszubildenden nachgelassen haben.

Mangelnde Konzentration

Auch von der Konzentrationsfähigkeit, vom Durchhaltevermögen, der Sorgfalt und Höflichkeit der Jugendlichen waren die Befragten wenig angetan. Entsprechende Defizite beklagten sie schon beim bloßen Wissen um die Bedeutung von Arbeitstugenden. So hielten es frühere Bewerbergenerationen allein schon deshalb genauer mit der Pünktlichkeit, weil sie deren Bedeutung für das betriebliche Gefüge besser kannten. Uneinig waren sich die Befragten allerdings darüber, ob das Problem der mangelnden Ausbildungsreife übertrieben dargestellt wird und damit von fehlenden Ausbildungsplätzen abgelenkt werden soll. Wirtschaftsvertreter hielten von dieser These eher nichts, Gewerkschaftsvertreter stimmten eher zu.

Alle sind gefordert

Die Jugendlichen müssen besser auf die Ausbildung vorbereitet werden, da waren sich alle einig. Aber wie? Es geht nur gemeinsam, so die einhellige Meinung. Eltern sollten ihren Kindern stärker grundlegende Werte vermitteln, die Schule müsse die Jugendlichen stärker fördern, die Unternehmen sollten bei der Auswahl mehr als bisher die individuellen Entwicklungspotenziale der Azubis berücksichtigen und mehr schwächere Jugendliche ausbilden. Und die Jugendlichen selbst sollten stärker als bisher Verantwortung für das eigene Leben übernehmen.

Mehr Kooperation

Ministerien, Verbände und Unternehmen widmen sich seit geraumer Zeit dem Thema Ausbildungsreife. So empfahl die Präsidentin der Kultusministerkonferenz den Schulen mehr Praxisnähe, denn „Projekte wie Schülerfirmen, Betriebspraktika oder Mentorenprogramme können den Jugendlichen mehr Einblick in die Arbeitswelt vermitteln“. Eine Praxis, die bei vielen Unternehmen bereits gang und gäbe ist. So hat der Deutsche Industrie- und Handelskammertag in einer Umfrage bei rund 7.500 Unternehmen festgestellt, dass mehr als die Hälfte dieser Firmen mit Schulen kooperiert – vor allem durch die Bereitstellung von Schülerpraktika. „Hier müssen wir noch stärker ansetzen – nicht zuletzt, um gegenseitige Vorbehalte abzubauen“, so DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun.

Modellprojekte

Auch der Bund fördert bereits seit längerem Projekte zur Verbesserung der Ausbildungsreife. Allein im Jahr 2003 haben etwa 243.000 Jugendliche an solchen Maßnahmen teilgenommen. Dabei werden in enger Kooperation mit Betrieben praxisorientierte Lernphasen schon vor der Berufsausbildung in den regulären Unterricht integriert. In einem bundesweiten Modellprojekt kümmern sich außerdem 16 Kompetenzagenturen um besonders benachteiligte Jugendliche. Sie sollen den Sprung in eine Ausbildung oder Qualifizierungsmaßnahme schaffen.

Auch positive Entwicklungen

Trotz aller Klagen über mangelnde Ausbildungsreife kamen bei der Umfrage des BIBB nicht nur negative Einschätzungen zutage. Die Experten konstatierten den Jugendlichen nämlich deutlich bessere IT- und Englischkenntnisse und mehr Selbstsicherheit als noch vor 15 Jahren. Auch die Kommunikations- und Teamfähigkeit der Jugendlichen wurde gelobt. Allesamt Fähigkeiten, die nicht nur für die neuen Berufsbilder dringend gebraucht werden.


Weiterführende Links

  • 'Ausbildungreife'
  • Bundesinstitut für Berufsbildung
  • Expertenbefragung Ausbildungsreife
  • Dokumentation Fachtagung zur schulischen Berufsvorbereitung

Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden