Perspektiven der Hochschulentwicklung - nächste Schritte zu einer neuenn Struktur
Rede des Ministers für Bildung, Wissenschaft und Kultur auf der Fachkonferenz der SPD-Landtagsfraktion in Rostock - Warnemünde zur Zukunft der Hochschullandschaft in Mecklenburg-Vorpommern bis zum Jahr 2020 in Rochock-Warnemünde:
14.01.2005 Pressemeldung Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-VorpommernDie Entwicklung unserer Hochschulen muss sich drei Herausforderungen stellen:
Die wichtigste:
Die Hochschulen müssen gut sein und sich international messen lassen. Was gut ist, entscheidet sich in den Maßstäben des europäischen Hochschulraumes, Stichwort Bologna (Gratulation an die Universität Rostock für ihre Aufnahme in den Kreis der 20 deutschen Modellhochschulen im Bologna-Prozess). Maßstäbe setzt der europäische Forschungsraum, Stichwort Lissabon, die ersten Vorbereitungen für den 7. Rahmenplan der europäischen Forschungsförderung laufen. Maßstäbe setzen unsere Partner Öresund University, Scanbalt, Eurofaculty, Campus Europae. Die Maßstäbe setzt nicht zuletzt die Bundesregierung mit dem Förderprogramm "Spitzenuniversitäten". Qualitätsentwicklung liegt im ureigensten Interesse der Hochschulen, wenn sie überhaupt den Ehrgeiz haben, auch in Zukunft "bei den Großen mitspielen zu dürfen".
Die zweite Herausforderung liegt in der Bevölkerungsentwicklung des Landes. Anfang der 90er Jahre wurden in Mecklenburg-Vorpommern 27.000 Schülerinnen und Schüler in einem Jahrgang eingeschult. Zehn Jahre später ist diese Zahl auf 9.000 gesunken, auf 1/3. Dieser Jahrgang (und die dann folgenden haben nicht wesentlich mehr Kinder) wird in zehn Jahren vor den Türen unserer Hochschulen stehen. Dann haben von den 9.000, wenn alles so bleibt, 3.000 eine Hochschulzugangsberechtigung. Dann werden von diesen 3.000, wenn alles so bleibt, 2.000 ein Studium aufnehmen wollen. Dann werden von diesen 2.000, wenn alles so bleibt, 1.000 ihr Studium in Mecklenburg-Vorpommern beginnen. Zu diesen 1.000 kommen dann noch einmal, wenn alles so bleibt, weitere 1.000 aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland. Prognose: Wir dürfen, wenn alles so bleibt, für unsere sechs Hochschulen in 10 Jahren ca. 2.000 Studienanfänger erwarten. Zum Vergleich: Das gerade laufende Studienjahr hat allein schon nur an der Universität Rostock 1.712 weibliche Studienanfänger.
Wir haben alle Veranlassung darauf hinzuarbeiten, dass die Zahl der Studierenden in Mecklenburg-Vorpommern über 20.000 bleibt. Attraktive Hochschulen wirken dem Bevölkerungsschwund entgegen, sie holen junge Menschen in das Land, wenn sie wirklich gute Hochschulen sind. Die Qualität der Hochschulen liegt also im ureigensten Interesse der Hochschulen selbst.
Die dritte Herausforderung heißt Haushalt. Staatliche Hochschulen hängen am staatlichen Tropf des Landeshaushaltes und von dem muss man wissen, dass er
- endlich ist,
- keine neuen Kredite zulässt,
- keine wesentlichen Verschiebungen aus anderen Ressorts erlaubt,
- nur zur Hälfte aus eigenen Mitteln finanziert wird und wesentlich von den Zuwendungen anderer Bundesländer lebt, die
- nun allerdings innerhalb der nächsten 14 Jahre auslaufen werden. Das bedeutet: Die bisherigen Ressourcen werden uns in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen.
Auf diese Herausforderung müssen wir mit Reduktionen im Hochschulhaushalt reagieren und mit dem Versuch, die eigenen Einnahmen (Weiterbildung, e-learning) zu verbessern. Eine weitere Initiative besteht darin, die Alumni, die erfolgreichen Absolventen der Hochschulen, mit freiwilligen Beiträgen zur Weiterentwicklung ihrer alten Hochschule zu motivieren. Im Wesentlichen sind wir aber aufgefordert, selbst mitzuwirken an höheren Steuereinnahmen des Landes, die Wirtschaftskraft des Landes selbst zu stärken aus den Potenzialen der Hochschulen und der Wissenschaft.
Der Weg ist schon vorgezeichnet:
Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle hat in Mecklenburg-Vorpommern zwei ökonomische Entwicklungskerne festgestellt: Den Bereich Offshoretechnik/Schiffbau und den Bereich Biotechnologie. Nur zwei ökonomische Entwicklungskerne, aber beide sind angesiedelt in den Hochschulen des Landes. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes muss auch ein Interesse der Hochschulen sein.
Wie ist es denn um die Qualität unserer Hochschulen bestellt?
Wenn man sich mit der Qualität eines Schokoladenpuddings beschäftigt, dann kann man den Milchfettgehalt heranziehen, die Sturzfähigkeit, die Appetitlichkeit der Farbe. Aber wesentlich ist: "The proof of the pudding is the eating".
Bei der Qualitätsbewertung der Hochschulen lautet die wesentliche Frage: Was halten denn die Studierenden von ihren Hochschulen, welche Rolle spielen die Hochschulen in der Forschung? Und hier ist die Situation vielversprechend. Auf der einen Seite haben wir so viel Studenten wie nie zuvor in Mecklenburg-Vorpommern und diese Studenten stellen ihren Hochschulen in Umfragen zu Studienbedingungen regelmäßig ein hervorragendes Zeugnis aus (CHE-Ranking).
Aber die Situation der Hochschulen ist noch nicht gut: Obwohl die Hochschulen diesen studentenfreundlichen Ruf haben, geht doch eine Vielzahl von Landeskindern zum Studium in andere Bundesländer, auch für Fächer, die in den hiesigen Hochschulen angeboten werden. Die Quote der Studenten, die ihr Studium hier abbrechen, ist hoch, die Zahl der Absolventen vergleichsweise niedrig. Im Zusammenhang mit dem Förderprogramm "Eliteuniversitäten des Bundes" werden unsere Hochschulen nicht genannt.
Im Wintersemester 2002 haben 27.778 Studierende aus ganz Deutschland an den Hochschulen von Mecklenburg-Vorpommern studiert, aber 32.168 Studierende mit einer Hochschulzugangsberechtigung aus Mecklenburg-Vorpommern haben sich an den Hochschulen in den anderen Bundesländern aufgehalten. Das heißt: Wir haben 4.390 Studierende weniger aufgenommen bei uns als abgegeben an andere Bundesländer. Das ist ein Landeskinder-Export von 13 %.
Zum Wintersemester 2002 hatten wir landesweit 5.841 Studienanfänger, aber nur 2.599 Absolventen in den Hochschulen. Das ist eine Absolventenrat von 44,5 %, mehr nicht.
Im Sommersemester 2003 hatten wir in der Fächergruppe Sprach-, Kultur-, Sportwissenschaften an den hiesigen Hochschulen 43 % Studienfachwechsler, im Bundesdurchschnitt sind es 29 %. In den Fächern Erziehungswissenschaften und Psychologie entschieden sich 50 % der Studierenden zu einem Fachwechsel, bundesweit sind es 27 %.
Woran liegt das?
Nach Auffassung des Wissenschaftsrates heißt der wesentliche Grund: Unsere wissenschaftlichen Institute sind zu klein, überhaupt fast durchgängig die kleinsten an deutschen Hochschulen. Sie haben zu wenig Personal und eine zu geringe finanzielle Ausstattung.
Dies schwächt ihre Leistungsfähigkeit in Lehre und Forschung. Im Unterricht gelingt ein Einstieg und ein Überblick. Vertiefungen können nur partiell vorgenommen werden. Den Lehrkräften bleibt keine Zeit für Forschung. Die kleinen Institute sind sehr personenabhängig, unglückliche Berufungsentscheidungen können die Leistungsfähigkeit des ganzen Fachgebietes in dieser Hochschule in Gefahr bringen. Die überlasteten Mitglieder des Lehrkörpers haben natürlich auch keine Zeit, viele neue Kontakte zu knüpfen, ein Netzwerk, das dann auch den Studierenden zu gute kommt.
Die Folge: Die Studierenden kommen erst gar nicht in diese Institute, sie suchen sich ihre Ausbildung außerhalb des Landes. Wenn sie doch hier ihr Studium beginnen, dann wechseln sie frühzeitig das Fach. Zu wenige schaffen den Weg bis zu einem erfolgreichen Studienabschluss. Auf diese Weise kommt keine Einrichtung in den Kreis der Spitzenhochschulen.
Lösungsansatz: Mehr Finanzen?
Bei den Grundmitteln liegen wir zwar nur bei 75 % des Bundesdurchschnittes, wenn man unseren Mitteleinsatz pro Einwohner betrachtet, aber gemessen an unserem Bruttoinlandsprodukt, erreicht die finanzielle Ausstattung unserer Hochschulen 110 % des Bundesdurchschnittes. Eine eindeutige Prioritätensetzung! Über unsere wirtschaftlichen Verhältnisse hinaus! Wir werden in Zukunft deutlich weniger Mittel zur Verfügung stellen können.
Ein anderer Lösungsansatz: Mehr Personalausstattung?
Immer wünschenswert, aber wir haben schon jetzt an den Hochschulen 900 Mitarbeiter mehr im Bestand als die vergleichbaren westdeutschen Länder Schleswig-Holstein und Rheinland-Pfalz. Wir werden in Zukunft unsere landesweite Stellenausstattung erheblich verkleinern müssen.
Dritter Lösungsansatz:
Neue Strukturierung der Hochschulen.
Dies ist der erfolgversprechende Weg. Die Hochschulen definieren auf der Grundlage ihrer gerade verabschiedeten Hochschulentwicklungspläne ihre Schwerpunktsetzungen und ihre Schwachpunkte. Sie verstärken ihre Schwerpunkte aus den freien Potenzialen aufgegebener schwächerer Bereiche oder sie formieren gemeinsame Zentren. Vorbild können hier die Graduate Schools sein, wo in diesem Lande Forschungszentren der Max-Planck-Gesellschaft mit Wissenschaftszentren der Universitäten in einer institutionalisierten Verbindung ihre Qualität in Forschung und Lehre wechselseitig verstärken.
Kennzeichen derartiger Zentren:
Sie werden gemeinsam getragen von mehreren Hochschulen oder Fakultäten, auch in Verbindung mit weiteren Partnern außerhalb der Hochschulen; diese Gemeinsamkeit äußert sich in Verbundberufungen des Lehrkörpers. Die Zentren sind unabhängig von den Fakultäten. Sie führen zur Konzentration an einem Standort und lassen an einem anderen Standort Fachkompetenz für Serviceleistungen innerhalb der Hochschule zu. Sie sind interdisziplinär und selbst organisiert.
Diese Umstrukturierung ist auf verschiedenen Wegen zu erreichen. Anzustreben ist die Kooperation der Hochschulen, die gemeinsam und durch eigene Entscheidung Zentren bilden, z.B. für die Ausbildung von Lehrern, Ärzten, Juristen, Wirtschaftswissenschaftlern, Theologen, Landwirten, Ingenieuren.
Wenn diese gemeinsame Erarbeitung nicht zustande kommt, ist auch ein Konkurrenzweg vorstellbar: Die Hochschulen entwickeln jede für sich ein Konzept für Lehre und Forschung in bestimmten Fächergruppen. Die Landesregierung wird dann überall dort, wo mehrere Angebote auf dem Tisch liegen, eine Entscheidung für einen Einzelstandort fällen. Vorschläge, die nicht zu einer Verstärkung der Hochschule führen oder im Übrigen langfristig undurchführbar scheinen, müssen von der Landesregierung (nicht zuletzt im Interesse der Steuerzahler) abgelehnt werden.
Wenn weder die Kooperation der Hochschulen noch die Konkurrenz der Hochschulen zu einer qualitätsorientierten und haushaltsverträglichen Umstrukturierung führen, dann muss die Landesregierung selbst Veränderungen vornehmen, die sie aus den vorgelegten Hochschulentwicklungsplänen ableitet.
Zielvorstellungen:
Aus Landessicht müssen die Hochschulen Lehre und Forschung anbieten in Wissenschaftszweigen, die wir in diesem Lande benötigen (- oder wo wir unsere Absolventen gerne im In- und Ausland in Leitungsfunktionen sehen würden). Ein zweites Ziel gilt der Stärkung der ökonomischen Entwicklungskerne. Die dritte Orientierung gilt dem Erhalt der kulturellen und geistigen Identität des Landes, soweit die Hochschulen dazu in einem angemessenen Rahmen beitragen können.
Die Landesregierung setzt in diesen Prozessen die Rahmenbedingungen und stellt den Hochschulen den Landeszuschuss zur Feinverteilung. Die bisherigen Ressourcen werden 2020 nicht zur Verfügung stehen. Die Stellenausstattung wird sehr deutlich unter dem heutigen Plafond liegen. Hierzu wird es einen perspektivischen Kabinettsbeschluss Ende Januar geben. Danach werden wir allen Hochschulen verbindlich mitteilen können, welche Personalstellen das Land für welche Fächergruppen zur Verfügung stellen will. (Richtwerte)
An welcher Hochschule dann diese Professuren, z. B. für die Ausbildung von Ingenieuren, Landwirten oder Theologen angesiedelt werden, ist eine Frage, die die Hochschulen vorrangig untereinander klären sollen. Über den Entwicklungsstand dieser Feinverteilung, Schwerpunktsetzung und Profilentwicklung werden wir uns in einem Workshop der Landesregierung mit den Hochschulen am 23. Februar austauschen. Wenn die Hochschulen aus eigenen Kräften nicht in der Lage sind, eigene konkrete Konzepte zu entwickeln, muss die Landesregierung tätig werden.
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