PRO & CONTRA Berufsausbildung: Mehr Schule – weniger Betrieb?

Berufsbildungsexperten setzen in Deutschland auch weiter auf das duale System. Aber: Mangelndes Wirtschaftswachstum und hohe Arbeitslosigkeit könnten diese Art der Ausbildung gefährden. „Die Ausbildungsvergütung ist der größte Kostenfaktor in der Ausbildung“, so Arbeitgeberpräsident Dr. Dieter Hundt. Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Manfred Kremer, hält die Höhe der Ausbildungsvergütung allerdings nicht für das entscheidende Problem. Steht das duale System auf dem Prüfstand? Aspekte der beruflichen Ausbildung diskutieren Experten auf dem Forum Ausbildung/Qualifikation auf der didacta in Hannover.

12.01.2006 Artikel

Ausbildung ist finanzierbar

Ist das duale System noch finanzierbar in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit?
Kremer: Da die Betriebe sich bei der Ausbildung in der Regel an ihrem Fachkräftebedarf orientieren und eine Reihe von Untersuchungen in den letzten Jahren deutlich nachgewiesen hat, dass sich das rechnet, lautet die Antwort: Ja, das duale System ist auch in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit finanzierbar. Aber die Betriebe bieten in solchen Zeiten in der Regel nicht für alle Nachfrager Ausbildungsplätze an. Mögliche Alternativen sind dann Vollzeitberufsschulen.

Können niedrigere Ausbildungsvergütungen das duale System retten?
Kremer: Wir haben die Betriebe gefragt, wo sie am meisten der Schuh drückt. Die Ausbildungsvergütung steht nicht an erster Stelle. Die meisten Betriebe sagen: Wir finden keine geeigneten Bewerber. Wobei man natürlich auch sehen muss, wie weit sind die Betriebe bereit, auch Jugendlichen eine Chance zu geben, die nicht in vollem Umfang den Erwartungen entsprechen.

Wie wird die Berufsausbildung zukünftig aussehen?
Kremer: Durch die demographischen Veränderungen wird es für die Betriebe wieder wichtiger werden, Nachwuchs anzuwerben. Ich gehe dann davon aus, dass die Nachfrage nach 2010 hauptsächlich wieder über betriebliche Ausbildungsplätze befriedigt werden kann. Daneben wird es auch Kooperationen mit Schulen oder ähnlichen Einrichtungen geben. Ich glaube nach wie vor, dass der Kern der Berufsausbildung in Deutschland die betriebliche Ausbildung bleiben wird. Die duale Ausbildung traditioneller Art. Man kann sagen, dass das eine moderne Tradition ist.

Kosten hemmen

Ist das duale System noch finanzierbar in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit?
Hundt: Die deutschen Unternehmen engagieren sich trotz anhaltend schwacher Konjunktur in bemerkenswerterWeise für die betriebliche Ausbildung: Jährlich investieren die Firmen 28 Milliarden Euro in die Ausbildung ihres Facharbeiternachwuchses. Dieses Engagement kann nur fortgesetzt werden, wenn die Betriebe hierzu auch wirtschaftlich in der Lage sind. Deshalb müssen die Reformen, die den Wirtschaftsstandort Deutschland stärken, fortgesetzt und intensiviert werden.


Können niedrigere Ausbildungsvergütungen das duale System retten?
Hundt: Die Ausbildungsvergütung ist der größte Kostenfaktor in der Ausbildung und hat sich in manchen Branchen zu einem echten Ausbildungshemmnis entwickelt. Eine Absenkung der Vergütung ist vor allem dort sinnvoll, wo sie die Ausbildung leistungsschwächerer Jugendlicher und Ausbildung über den Bedarf hinaus ermöglicht. Neben den Ausbildungskosten ist die fehlende Ausbildungsreife vieler Schulabgänger weiterhin eines der großen Ausbildungshemmnisse in unserem Land. Hier ist die Politik gefragt.

Wie wird die Berufsausbildung zukünftig aussehen?
Hundt: Für eine zukunftsfähige Berufsausbildung brauchen wir moderne Ausbildungsberufe, die dem betrieblichen Bedarf entsprechen. Das Ausbildungsspektrum muss vielfältiger und differenzierter werden – zum Beispiel mit Angeboten für leistungsschwächere und leistungsstärkere Jugendliche. Zudem ist die künftige Berufsausbildung internationaler auszurichten. Von den Fachkräften werden zunehmend Sprachkenntnisse und interkulturelle Kompetenzen erwartet. Auslandsaufenthalte während der Ausbildung sollten daher intensiv genutzt werden. Schließlich müssen wir weiter daran arbeiten, die Durchlässigkeit unseres Bildungssystems zu erhöhen – dies gilt vor allem zwischen beruflicher und akademischer Bildung.


Weiterführende Links

  • 'Berufsausbildung' und 'dual'
  • Bundesinstitut für Berufsbildung
  • Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände

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