Zweite Chance für ungelernte Arbeitskräfte und Quereinsteiger
Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine kommen derzeit in Baden-Württemberg an. Auch wenn vorerst die humanitären Aspekte im Vordergrund stehen, wird die Frage nach der Aufnahme in den Arbeitsmarkt folgen. In diesem Zusammenhang werden aktuell auch Instrumente zum Thema Kompetenzfeststellung diskutiert und zusammengetragen.
29.04.2022 Baden-Württemberg Pressemeldung Industrie- und Handelskammer Region StuttgartEines dieser Instrumente ist das Projekt ValiKom Transfer. ValiKom Transfer ist ein Validierungsverfahren, mit dessen Hilfe Menschen ihre Berufskompetenzen zertifizieren lassen können, die sie nicht in einer dualen Ausbildung erlernt haben.
„Das ValiKom-Projekt kann uns aktuell sehr helfen, wenn es darum gehen wird, Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu bringen. Ursprünglich entwickelt wurde es als Personalentwicklungsinstrument für diejenigen, die bisher durch alle Raster gefallen sind oder die aus anderen Ländern kommen und ganz andere berufliche Voraussetzungen oder Abschlüsse mitbringen“, sagt IHK-Präsidentin Marjoke Breuning. „Der Fachkräftemangel ist eines der größten Risiken für die Betriebe in der Region. Der leistungsgerechte Einsatz von Menschen, die neu zu uns kommen oder sich umorientieren müssen, ist deshalb besonders wichtig und in unser aller Interesse.“
An dem vom Bundesbildungsministerium geförderten deutschlandweiten ValiKom Projekt beteiligen sich derzeit 17 Industrie- und Handelskammern, 13 Handwerkskammern und zwei Landwirtschaftskammern. Voraussetzung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer ist, dass sie 25 Jahre oder älter sind, über einschlägige Berufserfahrung sowie über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Anmelden kann man sich selbst oder man kann vom Arbeitgeber vorgeschlagen werden. Für Betriebe und Teilnehmer ist das Verfahren kostenlos.
Thomas und Michael Lamparter, Vater und Sohn, sind zwei, die dank ValiKom erfolgreich eine Art zweiten Abschluss gemacht haben. Zusammen arbeiten sie bei der Hans Ziller GmbH, einem Spezialisten für Präzisionsfedern. Das war nicht immer so. Thomas Lamparter ist gelernter Sanitärinstallateur, sein Sohn Michael KfZ-Mechatroniker, der aber wegen Schulterproblemen in diesem Beruf nicht mehr arbeiten konnte. Der Vater hatte die Stelle bei Ziller gefunden und seinen Sohn nachgezogen. Seither produzieren sie dort Federn aus Draht. Nur eines fehlte ihnen bis vor kurzem: etwas mit dem sie ihre Spezialkompetenz nachweisen könnten.
Dieses Manko störte auch Ziller-Ausbildungsleiter Sven Feldenzer. Er ist froh, dass er die beiden Fachkräfte hat. „Aber im Falle eines Falles sollten sie doch etwas in der Hand haben“, ist er überzeugt. Als er von „ValiKom Transfer“ hörte, war er gleich begeistert und fragte bei der IHK Region Stuttgart an. Dort leitet die Wirtschaftswissenschaftlerin Alicia Prochotta das Projekt „ValiKom Transfer". Zunächst beriet sie die Lamparters ausführlich, damit sie ihre Kompetenzen in Bezug zum Referenzberuf „Maschinen- und Anlagenführer“ einschätzen konnten. „Wir bekamen einen Bewertungsbogen, den wir zu Hause ausgefüllt haben“, erinnert sich Thomas Lamparter. Einige Wochen später besprach die IHK-Frau die Ergebnisse mit den beiden. Danach mussten sie ihre Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten in praxisbezogenen Aufgaben vor einem Berufsexperten unter Beweis stellen. Abhängig vom Ergebnis erhalten die Teilnehmer ein Zertifikat, das dokumentiert, ob ihre praktischen Kompetenzen teilweise oder sogar ganz denen des anerkannten Ausbildungsberufs entspricht, wie bei den Lamparters. „Das ist wie ein zweiter Gesellenbrief!“, freut sich Michael Lamparter.
Allerdings sei das kein Selbstläufer, mahnt IHK-Expertin Prochotta. Sie wolle auf keinen Fall falsche Erwartungen wecken. Schließlich liege der Wert des erworbenen Zertifikats gerade darin, dass die Berufskompetenzen realistisch eingeschätzt werden. Unternehmen könnten aber auf das Verfahren aufmerksam machen und geeignete Mitarbeiter zur Teilnahme motivieren, rät Prochotta. Danach können Vorgesetzte bei der Einschätzung der Kompetenzen und bei der Antragstellung helfen.
Ausgehend von einem EU-Ratsbeschluss, Regelungen zur Validierung beruflicher Kompetenzen in den Mitgliedsstaaten einzuführen, arbeiten die Projektpartner seit Ende 2015 daran, ein großes Netzwerk von zuständigen Kammern zu etablieren, um bundeseinheitliche und standardisierte Verfahren anzubieten. Nach derzeitigem Stand soll das ValiKom Transfer Projekt bis mindestens Oktober 2024 so weiterlaufen.
IHK-Präsidentin Breuning: „Eine langfristige und bundesweit verbindliche Verankerung für berufliche Validierungsverfahren wie ValiKom Transfer würde eine gute Perspektive schaffen und Unternehmen bei der Gewinnung von Fachkräften helfen.“
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