Dicke haben´s schwer
(bikl.de/idw) Übergewicht und Adipositas gelten als die größten gesundheitspolitischen Herausforderungen der Zukunft. In den USA wird Übergewicht mittlerweile als Todesursache Nummer 1 noch vor dem Risikofaktor Rauchen geführt. Auch hierzulande werden, spätestens seitdem die ehemalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast das Thema zur Chefsache erklärt hatte, Übergewicht und Adipositas nicht länger als ein medizinisches oder ästhetisches Problem, sondern als ein gesellschaftliches Problem angesehen. Die beiden Bremer Sozialwissenschaftler Henning Schmidt-Semisch und Friedrich Schor empfehlen einen gelasseneren Umgang mit dem Problem.
20.11.2007 ArtikelIn ihrem Sammelband "Kreuzzug gegen Fette. Sozialwissenschaftliche Aspekte des gesellschaftlichen Umgangs mit Übergewicht und Adipositas" plädieren sie für einen weniger alarmistischen und dafür umso reflektierteren Umgang mit dem Phänomen "dicker Bauch".
Dramatisierung der Übergewichtsthematik
Die Beiträge des Bandes verfolgen den gesellschaftlichen Diskurs um Übergewicht und Adipositas ideengeschichtlich bis ins antike Griechenland zurück, um zu verdeutlichen, wie die gesellschaftliche Thematisierung von Übergewicht und Adipositas in der gesamten abendländischen Geschichte zur Kontrolle der Körper genutzt wurde. Auf die aktuelle Debatte bezogen merken sie an, dass die Darstellung von Adipositas als Epidemie und Gesundheitsrisiko Nummer 1 nicht nur umstritten ist, sondern häufig auch konkret benennbaren ökonomischen und gesellschaftspolitischen Interessen dient. Dies wird u. a. im Kontext der jüngeren Debatten über eine vorgebliche "Kultur der Armut" deutlich, in der Adipositas zunehmend zum sichtbaren Ausdruck aller jener Verhaltensweisen wird, die man den "neuen Unterschichten" zum Vorwurf macht. Kritisiert wird von den Autoren des Bandes zudem, dass die aktuelle Dramatisierung der Übergewichtsthematik zu einer auch in psychosomatischer Hinsicht problematischen Verstetigung von Schlankheitsidealen insbesondere bei Mädchen und jungen Frauen führen kann.
Dicke Schüler werden stigmatisiert
Eine Studie der Universität Tübingen hatte jüngst herausgefunden, dass dicke Kinder von Gleichaltrigen oft als faul und weniger intelligent eingeschätzt werden. Zudem sind fettleibige Gleichaltrige vielen Kindern nicht sympathisch. Für die Studie waren rund 450 Schüler im Alter von 10 bis 15 Jahren befragt worden. Auch werden adipöse Kinder selten als Spielkameraden bevorzugt. Dabei stellten die Wissenschaftler kaum Unterschiede zwischen den Einschätzungen Hauptschülern und Gymnasiasten fest. Den Grund für das negative Bild dicker Kinder sehen die Forscher im hohen Stellenwert von Fitness und Schlankheit in der heutigen Gesellschaft. Fettleibigen werde eine mangelnde Bereitschaft unterstellt, an sich zu arbeiten. Deshalb würden sie als faul gelten und stigmatisiert.
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- Zentrum für Sozialpolitik
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