Die Stärke der Stille
(Harald Koisser) Weiter, höher, schneller – das Tempo im Joballtag muss auch mal gedrosselt werden. Dafür gibt es aber kein Management-Tool. Ein Plädoyer für Stille und Langsamkeit.
06.07.2007 ArtikelWie sollte man nicht ja zu der Erkenntnis sagen, dass unsere Lebenswelten – Arbeit, Freizeit, Familie – in einer sinnvollen Balance stehen müssen? Das ist so einsichtig, als lehrte man die Menschen, dass sie schlafen müssen, um wach sein zu können; dass sie entspannen müssen, um wieder anspannen zu können. Dieser Antagonismus ist ein Grundprinzip des Lebens an sich. Das eine kann nicht ohne das andere sein. Aber wahrscheinlich ist es schon so weit: Wir wissen nicht mehr, wie es geht. Die Arbeitswelt ist auf Beschleunigung programmiert und wer vom Gas geht, droht zu verlieren. In der postindustriellen Welt gibt es Erholung nur noch in Form von Erschöpfung.
Stress wurde von der Weltgesundheitsorganisation zur größten Gesundheitsgefahr des 21. Jahrhunderts erklärt, wobei diese Gefahr mittlerweile alle Bevölkerungsschichten und Berufsgruppen bedroht und nicht mehr auf so genannte Stressberufe beschränkt ist. In diesem Amalgam aus Lärm und Beschleunigung entstehen natürlich Sehnsüchte nach Ruhe, die in Schlagworte wie "Entschleunigung" oder Management-Tools wie "Work Life Balance" gegossen werden. Doch um die richtige Balance zu finden, muss das Management zunächst akzeptieren, dass es sich bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern um Menschen mit völlig unterschiedlichen Erholungsbedürfnissen handelt. "Work Life Balance" wird erst dann möglich sein, wenn man diesen Begriff entsorgt hat und einfach wieder Stille und Langsamkeit zulässt. Es geht doch letztlich um nichts anderes, als dass jeder irgendwann einmal zur Ruhe kommt. Das nervöse Herumdoktern an Konzepten und Maßnahmen zur Realisierung von "Work Life Balance" ist nur die Fortsetzung der Hysterie.
Stille und Langsamkeit hingegen sind bereits Zustände, die sich jenseits der Erfahrungswelt des industrialisierten Menschen befinden. Alles blitzt und lärmt. Werbebotschaften überbrüllen einander und buhlen um die Aufmerksamkeit der Konsumenten. Sensationen und Einmaligkeiten ohne Ende! Weil Stille zu einem fremden, unbekannten Zustand geworden ist, macht sie heute eher Angst. Und dem modernen Manager macht sie gleich doppelt Angst. Als Wirtschaftstreibender darf er Ruhe nicht kennen, denn Beschleunigung und Fortschritt – also Prinzipien der Bewegung – dominieren das Handeln. Horrorvisionen von still stehenden Maschinen und Mitarbeitern werden wach. Wenn es um jemanden still wird, dann ist das immer klagend gemeint. Bloß keine Stille.
Doch Stille ist der Schlüssel sowohl zu persönlichem Wohlergehen als auch für Fortschritt und wirtschaftlichen Erfolg. Die Menschen sind Rhythmus-Pause-Lebewesen, die das Wechselspiel von Anspannung und Entspannung für körperliche und geistige Gesundheit brauchen. Das fallweise Aussetzen des Reizstakkatos ist daher schiere Notwendigkeit. Die Sinne, gerade noch mit der Abwehr von Reizen beschäftigt, können in ihrer Anspannung endlich nachlassen. Durch diese Entspannung entsteht eine Schärfung. Die Wahrnehmung in der Stille ist dann umwerfend. Man hört klarer, sieht klarer und denkt klarer. Der ganze Mensch, der in Stille versetzt wird, fühlt plötzlich, was er sonst nicht fühlt: sich selbst. Nur in Stille kann man Einkehr bei sich selbst halten und über sich und seine Gewohnheiten und Alltäglichkeiten hinausschauen. In der Stille liegt eine enorme schöpferische Kraft. Und das ist zugleich die Antwort, warum wirtschaftlicher Fortschritt nur mit Zeiten der Stille erzielbar ist. Nur in der Stille entstehen neue Gedanken. Gibt es keine Stille und somit keine re.exiven Pausen, so kann das Unternehmen vom Management abwärts nur auf Basis von Routinen handeln. Mit Erfahrung und Routine lässt sich gerade einmal der Status quo aufrechterhalten, aber etwas wirklich Neues kann nicht entstehen. Denken braucht Stille und Zeit.
Stille oder Stillstand sind somit heilsame Zustände. Es braucht sie, damit man nachher umso kräftiger brüllen und ausschreiten kann. Die permanente Bewegung, die wir uns verordnet haben, erschöpft und zerbricht uns nur. Eine Erhöhung der Drehzahl stößt an limitierende physikalische und psychische Faktoren und erzeugt dabei nur noch sinkende Qualität. Jedes System hat seine Jahreszeiten. Zeiten des Säens, Zeiten der Ernte und Zeiten, in denen die Felder brach liegen und ruhen müssen. Das wichtigste Management-Tool ist daher die taktische Pause. Solche Pausen müssen im Alltag der Menschen und Wirtschaftseinheiten klug verteilt und eingehalten werden. Sie sind das Gegengewicht zum Tätigsein und schaffen die so heiß ersehnte und diskutierte Balance.
Erstveröffentlichung: bildungaktuell.at
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- Homepage Harald Koisser
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