E-Learning

Digitale Kompetenz statt digitaler Demenz

"Die digitalen Helfer sind für die Jugendlichen selbstverständlich", erklärt Dr. Martin Ebner von der TU Graz. Und Guido Brombach, Bildungsreferent beim DGB, beschreibt, was hinter dem Begriff "Educaching" steckt. Über den Erfolg und die Entwicklung von E-Learning äußern sich beide im Interview.

23.10.2012 Artikel
  • © bikl.de

"Wir müssen die Generationenkluft überwinden"

Manche bezeichnen Jugendliche, die mit Internet und Tablet aufwachsen sind, als digitale Natives oder als "Generation Wisch". Was sind die Erwartungen dieser Generation an Schule, Weiterbildung und Betriebe?

Martin Ebner: Ich glaube, dass sich die Erwartungen der Jugendlichen im Grunde wenig von denen unserer oder von vorangegangener Generation unterscheiden. Der Unterschied ist, dass sich die Lernumgebung und die Lern-Infrastruktur geändert haben. Aber das fällt natürlich nur denen auf, die es anders erlebt haben. Genau da liegt das Problem: Unsere Generation - aus der viele Lehrer und Ausbilder kommen - hat ohne digitale Geräte gelernt, wir müssen über ihren Einsatz aktiv nachdenken. Für Kinder und Jugendliche ist es normal, mit dem Mobiltelefon zu jeder Zeit zu fotografieren, etwas nachzuschauen, sich zu orientieren oder direkt zu kommunizieren. Die digitalen Helfer sind für sie selbstverständlich. Aus diesen unterschiedlichen Erfahrungen kommt es zu einer Generationenkluft, die wir überwinden müssen. Wenn digitale Geräte einen Mehrwert in der Bildung möglich machen, dann sollten wir sie als Werkzeuge nutzen.

Viele E-Learning Angebote stellen den Lerner und seine Ziele stärker und individueller in den Vordergrund als das manche klassische Schul- Kurs- oder Seminarsituation leisten kann. Welche Voraussetzungen sollten wiederum die Lerner mitbringen, damit E-Learning sinnvoll und erfolgreich angewandt werden kann?

Martin Ebner: Grundsätzlich einmal die Bereitschaft etwas zu lernen. Denn Lernen ist ein Prozess, der eigentlich unabhängig vom Medium ist und der von einen selbst durchlaufen werden muss. Auch der Lernerfolg selbst ist nicht abhängig vom Medium, wie schon lange bewiesen ist und auch laufend wird. Wenn man jedoch digitale Medien für den Lehr- und Lernprozess einsetzen will, wird vor allem eines immer wichtiger – Medienkompetenz. Der Umgang mit Medien, das Verständnis über die Wirkungsweise von Medien und auch ein grundsätzliches technisches Know-How über Medien müssen vorhanden sein. Genauso wie man andere traditionelle Unterrichtsmittel lernt, muss ist auch diese Kompetenz geschult und gelernt werden. Eine der wichtigsten Forderungen ist es, mit Kindern früh an Medien zu arbeiten und den pflichtbewussten Umgang zu lehren. Die technische Entwicklung geht sehr schnell voran und ich sehe es als Pflicht an, die Erziehung auf diesem Sektor adäquat zu gestalten.

Was raten Sie klassischen Bildungsanbietern in den Bereichen Hochschule, Berufsbildung und Weiterbildung, wie sie auf die neuen Anforderungen der digital Natives reagieren können?

Martin Ebner: Das Wesentlichste ist Offenheit gegenüber Veränderungen, keine Berührungsängste gegenüber dem Einsatz digitaler Helfer und die Suche nach Mehrwerten, die mit digitaler Hilfe entstehen können. Moderne Informationstechnologien lösen nicht alle Probleme, aber wenn sie gezielt eingesetzt werden, können sie unseren (Lern-)Alltag erleichtern. Es geht nicht darum, zwanghaft nach Möglichkeiten zu suchen, aber manches geht heute mit der modernen Technologie einfacher und schneller. Ich benutze zum Beispiel in meinem Arbeitsalltag ein Smartphone, mit dem ich für meine eigene Dokumentation Folien und Tafelbilder abfotografiere - das wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Gemeinsam Dokumente während einer Besprechung erstellen ist auch etwas, was erst die Technologie der letzten Jahre mit sich gebracht hat. Genauso sollten meiner Meinung nach Bildungseinrichtungen damit umgehen: Wo gibt es Mehrwerte und wie kann ich diese nutzen? Wie kann ich Prozesse effizienter und effektiver gestalten?

"Digitale Medien eher gemeinsam statt einsam nutzen"

In seiner aktuellen Publikation "Digitale Demenz" spricht Manfred Spitzer davon, dass Internet und Computer im Jugendalter zu einer Verwirrung der Selbstkontrolle und zur Sucht führen. Sie arbeiten viel mit Jugendlichen, um sie in ihrer Medienkompetenz zu stärken. Was können Sie diesem Vorwurf entgegensetzen?

Guido Brombach: Wenn digitale Medien zur Sucht führen, hat das in vielen Fällen auch etwas mit Desinteresse des sozialen Umfeldes zu tun. Ich plädiere dafür, digitale Medien eher gemeinsam statt einsam zu nutzen. Wir alle sind zurzeit auf der Suche nach dem richtigen Umgang mit der Allgegenwart digitaler Medien und formen dazu auch neue gesellschaftlich akzeptierte Praktiken, z. B. der Blick auf das Handy während eines Gesprächs. Digitale Medien zu vermeiden, wo es nur geht, scheint mir der falsche Umgang zu sein. Darüber hinaus gilt es digitale Medien weniger zu konsumieren, so wie den Fernseher, sondern vielmehr gestaltend zu nutzen. Das bedeutet auch ein Umlernen im Vergleich zu unseren bisherigen Mediennutzungsgewohnheiten und setzt einen praxisorientierten Umgang mit Medien voraus.

Mobiles Lernen heißt, man muss nicht nur drinnen vor dem Computer sitzen. Sie entwickeln "Educaching"-Angebote, was verbirgt sich dahinter?

Guido Brombach: Educaching ist die Idee, Bildung außerhalb des Seminarraums zu machen. Die dazu nötige Technik sind (internetfähige) GPS-Geräte. Kurz gesagt hilft das GPS-Gerät, vorher definierte Ort aufzuspüren um sich dort praktisch mit einem Lerngegenstand auseinanderzusetzen. Im Mittelpunkt steht nicht das Gerät, sondern der Ort. Das GPS ist nur das Werkzeug. Educaching erinnert an eine Schnitzeljagd mit digitaler Hilfe. Entscheidend bleibt jedoch, Lerngegenstände in unserem Alltag und nicht nur in einem Lehrbuch zu erarbeiten.

Wie wird sich der aktuelle E-Learning-Trend des mobilen Lernens in den nächsten Jahren weiterentwickeln? Und wie können klassische Bildungsanbieter darauf reagieren?

Guido Brombach: Im schlimmsten Fall werden bewährte Methoden digitalisiert, wobei man damit nicht dem Wesen des digitalen gerecht wird. Im besten Fall entwickeln wir einen weiteren Seitenarm der Pädagogik, die den Charakter des Digitalen (Kopierbarkeit, Durchsuchbarkeit, Gestaltbarkeit um nur einige zu nennen) aufnimmt und adäquate, d.h. vor allem projektorientierte Lernformen etabliert. Für klassische Bildungsanbieter bedeutet das Arbeit und die Erkenntnis, dass digitale Medien in Seminare einbettet werden müssen und nicht umgekehrt.

Zur Person

Dr. Martin Ebner lehrt Medieninformatik an der Universität Graz, Guido Brombach ist Bildungsreferent für den Bereich Computer und Medien beim DGB-Bildungswerk. Beide werden auf der 9. wbv-Fachtagung "Perspektive E-Learning – Bildungshorizonte erweitern" referieren, die vom 24.-25.10.2012 in Bielefeld stattfindet.


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