Baden-Württemberg

VBE warnt: Das Grauen auf dem Bildschirm kann zur Sucht werden

"Warum investieren Firmen so viel Geld in die TV-Werbung, wenn das Fernsehen angeblich so wenig Einfluss auf die Zuschauer ausübt?", fragt der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Würt­temberg und ermuntert Eltern, sich viel mehr dafür zu interessieren, was ihre Kinder auf dem häuslichen Bildschirm anschauen, und - falls nötig - den Ausschaltknopf des Gerätes zu drücken.

27.09.2010 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Nicht jede Sendung, die den Stempel "Kinderfernsehen" trägt, ist auch wirklich für Kinder geeignet. Während manche Filmbeiträge pädagogisch wertvolles "Schulfernsehen" sind, bereichern nachmittägliche Talk- und Gerichtsshows der Privaten den kindlichen Wortschatz nicht gerade mit den Begriffen, die im Un­terricht gern gehört und benötigt werden.

Bedingt durch die Vielzahl der zur Verfügung stehenden Medien, ist Gewalt für Kinder und Jugendliche heute überall präsent. Der Gewöhnungseffekt führt auf der einen Seite zu einer gewissen Abstumpfung, senkt aber bei dafür emp­fänglichen Schülern auf Dauer die innere Hemmschwelle, selber Gewalt anzu­wenden. Die Folgen sind in den Klassenzimmern, auf Pausenhöfen und Schul­wegen sowie im Freizeitverhalten der Schüler zu beobachten. Selbst Handys, die einst ausschließlich der Kommunikation dienten, werden heute missbraucht, um Pöbeleien, Erniedrigungen oder Gewalttaten digital festzuhalten. Schüler geben diese Filmszenen per Rundsendefunktion an andere weiter oder prahlen damit im Internet, ohne sich dabei auch nur annähernd im Unrecht zu fühlen.

Das Angebot für Kinder an medialem Mord und Totschlag allein im Fernsehen ist in der Tat reichhaltig und beängstigend. Kriminalfilme, die früher ausschließ­lich im Abendprogramm liefen, werden selbst vom öffentlich-rechtlichen Fern­sehen als Wiederholung am Nachmittag gezeigt, zu einer Zeit, zu der die meis­ten Kinder und Jugendlichen vor dem Bildschirm sitzen.

Genügte in Filmen des Grusel-Altmeisters Alfred Hitchcock noch die Andeu­tung einer Gewalttat, um Spannung zu erzeugen - wie in der legendären Dusch­szene in "Psycho", werde heute in Nahaufnahme und Zeitlupe gezeigt, wie das Messer ins Fleisch des Opfers dringt, moniert der VBE-Sprecher.

Das mediale Grauen und die Gewalt können bei dafür empfänglichen Kindern und Jugendlichen regelrecht zur Sucht werden - mit all den Folgen, die auch bei anderen Süchten zu beobachten sind, denn so mancher Schüler konsumiert den Nervenkitzel gleich mittels mehrerer Medien wie TV, Video, DVD, PC-Spiele, Handy, Internet, CD, Zeitschriften, Bücher.

Nicht alle Fans von brutalen Gewaltfilmen und Killerspielen drehen irgend­wann einmal durch, aber alle jugendlichen Amokläufer haben in der Regel zuvor exzessiv medialen Horror "genossen".

Nach Gewalttaten - wie auch jetzt in Lörrach - wird immer sehr schnell nach mehr Verboten und noch strengeren Gesetzen gerufen. Bereits nach wenigen Tagen verebbt jedoch die allgemeine Aufregung, und erst das nächste "Schock-Ereignis" rückt dann die Problematik wieder in den Fokus des öffentlichen In­teresses.

"Aber alle noch so ausgefeilten Gesetzesinitiativen laufen ins Leere, wenn Eltern ihre Kinder weiterhin unbeaufsichtigt vor dem Fernsehapparat als `Babysitter´ sitzen lassen, ohne ihnen vertrauter Ansprechpartner für das Gese­hene zu sein", warnt der VBE-Sprecher. "Nachts im Schlaf versucht die kind­liche Psyche, die brutalen Bilder zu verarbeiten, die tagsüber via Bildschirm un­kommentiert aufgenommen worden sind. Dabei nistet sich dann schleichend die Gewalt in den Köpfen der Schüler ein." Das könne weder im Interesse der Ge­sellschaft noch der Eltern dieser Kinder sein.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden