Welche Werte brauchen Kinder?

(ht). Die Werteerziehung scheint in Deutschland zur Gretchenfrage zu geraten. Geht es nicht ohne die Religion? Die christliche Religion sollte jedenfalls der zentrale Bestandteil des "Bündnisses für Erziehung" sein, das glücklos scheiterte. Das Folgeprojekt "Kinder brauchen Werte" versucht es jetzt mit weniger göttlichem Beistand.

24.08.2007 Artikel
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In einem sind sich die Deutschen erstaunlich einig: Sie wünschen sich eine stärkere Orientierung an grundlegenden Werten in der Erziehung. Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, Hilfsbereitschaft und Anstand sind wieder gefragt. 87 Prozent der Deutschen begrüßen daher die Initiative der Bundesfamilienministerin, eine gesellschaftliche Wertedebatte anzustoßen. Allerdings ging der erste Versuch gehörig daneben. Gemeinsam mit den christlichen Kirchen rief sie zum "Bündnis für Erziehung" auf. Der Vorstoß erntete mächtig Gegenwind. Zu einseitig, nicht repräsentativ für alle, so brauste eine Welle der Kritik auf. Dabei muss man wissen: Die Initiative geht eigentlich auf ihre Vorgängerin zurück. Die SPD-Familienministerin Renate Schmidt zielte mit ihrem Gesetz zum Ausbau der Betreuung in Kindertagesstätten nicht nur auf ein quantitatives Plus. Sie wünschte sich zugleich eine Qualitätsverbesserung in der frühkindlichen Förderung. Als Partner gewann sie dafür die evangelische und katholische Kirche. Nicht von ungefähr: Caritas und Diakonie stellen fast drei Viertel der Kindertagesplätze in Deutschland.

Das "Bündnis für Erziehung"

Die programmatische Plattform, die daraus entstand, bildete am Ende die Grundlage für das "Bündnis für Erziehung". Tenor des lesenswerten Papiers: "Neben wirtschaftlichem Wachstum ist auch soziales Wachstum erforderlich." Das wolle man aktiv gestalten. Als Kulisse und Antrieb dafür dient die Erfahrung vieler Eltern, die sich in der Erziehung "verunsichert fühlen" und "ein beliebiges Nebeneinander von Werten" erleben. Dem stellt die Plattform ein seitenstarkes Programm entgegen: Unterschiedliche Vorschläge für mehr professionelle Unterstützung von Familien werden skizziert und Wege zu einer besseren Aus- und Fortbildung von Fachkräften aufgezeigt. Im besonderen Fokus steht, die Kompetenzen von Eltern zu stärken. Erziehung zu Respekt, Toleranz und Verständigung bestimmen die Werteorientierung. Und auch religiöse Bildung wird gefordert, weil sie Werte vermittelt und auf Sinnfragen antwortet. Sie wird sogar für dringlicher denn je erachtet, da bereits unter Kindern Glaubensüberzeugungen aufeinander prallen, auf die Erwachsene oft nur unzulänglich reagieren können.

"Zum Tischgebet, bitte!"

Schmidts Nachfolgerin im Amt, Ursula von der Leyen, ging mit dem Bündnis im letzten Jahr an die Öffentlichkeit. Allerdings fehlte das erarbeitete Papier bei der Präsentation. Das mag den entfachten Sturm der Entrüstung besser verständlich machen. Die Zentralräte der Juden und Muslime fühlten sich ausgegrenzt. Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften sahen sich missachtet. Die Kritiker unterstellen den christlichen Kirchen, die Deutungshoheit über die Werteerziehung in Deutschland anzustreben. "Zum Tischgebet, bitte", lautete einer der bissigsten Kommentare gegen die Initiative.

"Kinder brauchen Werte"

So folgte eine Gegenerklärung der ausgesparten Verbände und Religionsvertreter, die zum Folgeprojekt führte. Wieder mit Unterstützung der Familienministerin gründeten sie das neue Bündnis: "Kinder brauchen Werte". Das wird maßgeblich vom Bundesforum Familie gesteuert. Darin versammeln sich fast alle gesellschaftlichen Kräfte, insgesamt über 100 Organisationen. Über zwei Jahre hinweg soll dieses Forum die "Debatte führen, wie werteorientierte Erziehung im Alltag verankert werden kann", strich die Ministerin bei der Auftaktveranstaltung am 5. Juni in Berlin heraus.

Der Sprecher des Forums, GEW-Vorstandsmitglied Norbert Hocke, geht ins Detail: "Wir werden die Diskussion von unten her anpacken. Wichtig ist, dass alle Gruppen und Religionen miteinander reden. Auch die Kinder und Jugendlichen sollen so zu Wort kommen." Mit Blick auf die Kollegen in den Tagesstätten wehrt er ein Programm von oben ab: "Die sind schon genug überfrachtet." In zentralen Arbeitsgruppen wie in landesweiten Workshops mit Fachkräften wird die Diskussion nun fortgesetzt. Hocke kann sich als Ergebnis der Mammutdebatte die Verständigung auf die goldene Regel vorstellen, die in allen großen Religionen gilt: "Was du nicht willst, was man dir tu´, das füg auch keinem anderen zu."

Praxisferne und religiöse Begleitung

Indes verstummt die Kritik nicht. Friedrich Schweitzer, Professor für Religionspädagogik und Co-Autor der Bündnis- Plattform, vermisst im Folgeprojekt die Perspektiven für eine bessere Praxis in den Kitas. Zugleich sieht er die Bedeutung religiöser Hintergründe bei der Vermittlung von Werten wieder verwischt. "Dabei zeigen unsere empirischen Studien, dass gerade hier die größten Defizite herrschen. Interreligiöse Bildung und Verständigung nehmen eine zentrale Rolle ein beim Umgang mit anderen Kulturen."

Ein Altmeister der deutschen Pädagogik, Hartmut von Hentig, warnte unterdessen schon vor Jahren in seinem Buch "Ach, die Werte!" vor einer Überbetonung dessen, was Werte zu leisten imstande sind. Die gesellschaftlichen Umbrüche, in deren Folge sich gewohnte Regeln auflösen und das Zusammenleben grundlegend verändern, können nicht dadurch bewältigt werden, dass man nach den alten Werten ruft. Vielmehr muss die Erziehung auf diese Herausforderungen vorbereitend reagieren. In Hentigs Worten bedeutet das knapp: "Die Person stärken, die Sachen klären."

Kompakt

Toleranz zwischen den verschiedenen Religionen ist kennzeichnend für eine moderne Gesellschaft. Schon im Kindergarten spielen deshalb religiöse Fragen eine immer wichtigere Rolle. Initiativen zur Werteerziehung bei Kindern, die sich auf nur eine Religion stützen, greifen zwangsläufig zu kurz. Nur die gezielte Auseinandersetzung mit dem Anderssein gibt Kindern Orientierung und Halt.


Erstveröffentlichung: Klett-Themendienst


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