ifo Institut: Eltern stützen die öffentlichen Haushalte
(bikl/idw) Bei der Diskussion über familienpolitische Maßnahmen scheiden sich in Deutschland häufig die Geister: Erziehen Eltern ihre Kinder wegen der zahlreichen, öffentlich finanzierten Geld- und Sachleistungen, die sie erhalten, letztlich auf Kosten der Allgemeinheit? Oder stützen sie durch zukünftige Steuern und Sozialbeiträge vielmehr die öffentlichen Haushalte und garantieren deren langfristige Tragfähigkeit?
15.12.2005 ArtikelUm diese Frage zu klären, hat das ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München, im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in einer aktuellen Studie detaillierte Berechnungen zur "fiskalischen Bilanz" eines Kindes im Rahmen des derzeitigen deutschen Steuer- und Sozialsystems angestellt. Die Resultate sind in den Bericht der von Kurt Biedenkopf, Ministerpräsident a.D., geleiteten Kommission "Familie und demographischer Wandel" eingegangen, der heute auf einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt wurde. Zentrales Ergebnis der Studie ist, dass die Erziehung eines Kindes in Deutschland nach geltendem Recht per Saldo mit dem Transfer eines kleinen Vermögens an den Staatshaushalt verbunden ist.
Am Beispiel eines Kindes, das im Jahre 2000 geboren wird und sich hinsichtlich seines Bildungsverhaltens, seiner Erwerbsbeteiligung, der Zahl seiner eigenen Kinder und zahlreicher weiterer Aspekte lebenslang als durchschnittlich erweist, ermitteln die Münchner Wirtschaftsforscher einen Überschuss gezahlter Steuern und Beiträge über die erhaltenen öffentlichen Leistungen in Höhe von rund 77.000 Euro. Dieser Wert beruht auf einer zurückhaltenden Schätzung und berücksichtigt bereits voll die Tatsache, dass nicht alle Kinder im weiteren Lebensverlauf überhaupt erwerbstätig werden, eine Beschäftigung finden und dabei der Sozialversicherungspflicht unterliegen.
Der Überschuss für den Staat resultiert in erster Linie aus den erwarteten Beiträgen des Kindes zur gesetzlichen Rentenversicherung und zur ähnlich konstruierten gesetzlichen Krankenversicherung, auch wenn Kinder aktiv Versicherter dort von Anfang an eigene Ansprüche auf Leistungen haben. Hinzu kommen die erwarteten Einkommen- und Verbrauchsteuerzahlungen, während Steuer- und Beitragsausfälle durch eine Erwerbsunterbrechung der Mutter, familienpolitische Leistungen und das staatliche Bildungssystem die fiskalische Bilanz des Kindes belasten. Die Berechnungen des ifo Instituts ergeben, dass sich der Staat in Deutschland gegenwärtig zwar in nennenswertem Umfang an den Kosten der Erziehung und Ausbildung eines Kindes beteiligt. Insgesamt überwiegen im deutschen Steuer- und Sozialsystem aber klar die hohen und in Zukunft noch weiter steigenden Abgaben zur umlagefinanzierten Deckung der staatlichen Altersvorsorge und der Gesundheitskosten Älterer, die die Kinder ohne weitere Reformen entrichten müssen. Neuere ökonomische Forschungsansätze legen nahe, dass diese Nettobelastung von Familien und Kindern sogar einen Beitrag zur Erklärung des in Deutschland besonders ausgeprägten Geburtenrückgangs leistet.
Die in der Studie ermittelte Nettobelastung jedes Kindes in Höhe von 77.000 Euro stellt daher zugleich eine Art Manövriermasse für zukünftige Reformen der staatlichen Familienpolitik dar, um Rahmenbedingungen für einen langfristigen Wiederanstieg der Geburtenrate in den Bereich des europäischen Durchschnitts zu schaffen. Nahe liegend ist, neben einer Umstrukturierung und Bündelung der existierenden Maßnahmen, bei der Einkommensbesteuerung zu einem Familiensplitting nach französischem Vorbild überzugehen, das in der Politik bereits geplante Elterngeld nach schwedischem Muster einzuführen und vor allem das System der staatlichen Altersvorsorge umzubauen. Während die im Umlageverfahren finanzierten Leistungen für alle Versicherten weiter reduziert werden sollten, ist zum einen ein gezielter Ausbau kinderbezogener Renten, zum anderen eine wirksame Verpflichtung kinderarmer und kinderloser Bürger zu verstärkter kapitalgedeckter Eigenvorsorge erforderlich. Da ein Teil der dabei gebildeten Vorsorgeersparnisse jeweils bei der Geburt eines Kindes frei wird, ergäbe sich daraus ein zusätzlicher, familienpolitisch bedeutsamer Effekt.
Die Studie ist als ifo Forschungsbericht 27 "Die fiskalische Bilanz eines Kindes im deutschen Steuer- und Sozialsystem - Studie im Auftrag der Robert Bosch Stiftung" erschienen und kann unter marquardt( at )ifo.de angefordert werden. Autoren: Martin Werding und Herbert Hofmann.
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