Kreative Wortschöpfer

Sieben Journalisten wurden Ende Februar vom Bildungsverlag Klett Sprachen mit dem "PONS PONS – Preis für kreative Wortschöpfer" ausgezeichnet. Die Laudatio, die hier in gekürzter Form nachzulesen ist, hielt der Literaturkritiker und Autor Andreas Nentwich.

17.02.2004 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Was macht Neologismen, verblüffende Wortkombinationen, Wort- und Silbenspiele preiswürdig? Ich glaube, dass sie wie der Blitz bei uns einschlagen, uns einleuchten, bevor wir begriffen haben. Sie müssen den Klang des in ihnen Verfremdeten mit sich führen, um jenes kleinen Stromschlags willen, den ein Wiedererkennen auslöst, bei dem haarfein etwas nicht stimmt.

Jede Neuschöpfung, Umschöpfung, Bedeutungsübertragung muss im Augenblick so zwingend erscheinen, als habe es sie immer gegeben, zumindest, als hätten wir sehnlich auf sie gewartet, ja eigentlich sie selber erfinden müssen. Ganz sicher weiß man ja nie, ob so ein Wort nicht vielen gleichzeitig einfällt: Doch nur einer oder eine verhilft ihm kühn zum medialen Siegeszug. Und ob´s uns nun ein Licht aufsteckt oder ins Gelächter befreit, ein komplexes Geflecht von Vorstellungen, Vorgewusstem und Emotionen im Nu entwirrend: Zünden wird es nur, wenn es uns die plötzliche Kürzestverständigung über eine Sache oder Person ermöglicht, für die wir noch keine Begriffe hatten. Die glorreichen Sieben des Jahres 2003: GROSSER GERNEKLEIN, VICHYWASCHI, GLOBAL PRAYER, ESPRESSIONISMUS, TYRANNOSAURUS LEX, HERTHA BSE, SCHOLZOMAT.

Scholzomat

Der SCHOLZOMAT bringt einen persönlichen Habitus auf den Punkt, überrumpelt uns mit der Formel für unser vages Unbehagen an ihm. Sie lautet: Serialität, Perfektionismus, Auswechselbarkeit. So wird ein Typus im politischen Geschäft benennbar, vielleicht überhaupt erst identifizierbar. Olaf Scholz wird viel Anstrengung darauf verwenden müssen, ihn zu vergessen, wenn er vor die Öffentlichkeit tritt. Aber der Generalsekretär der SPD ist ein politischer Dickhäuter und hat das Wort mit gutem Humor aufgenommen, sagt Jan Ross, Redakteur der "Zeit" und Konstrukteur des SCHOLZOMATEN.

Hertha BSE

Als minimalistische Variante von Wortschöpfung, in diesem Jahr gleich viermal vertreten, darf die Wechselbalgerei der Buchstaben gelten: Aus Hertha BSC mach´ HERTHA BSE. Und wir wissen sofort: Da ist so viel Wirrnis und Unvermögen, dass das Rettende kaum noch vorstellbar ist. Der Erste, dem die diagnostische Prägnanz von BSE in Verbindung mit Hertha sofort einleuchtete, war Hans-Peter Buschheuer, Chefredakteur des Berliner Kurier. Entdeckt hatte er ihn auf einer Herrentoilette. Er hievte den Joke kühn ins Blatt und setzte damit dem Berliner Witz ein Denkmal.

Tyrannosaurus Lex

Aus Tyrannosaurus Rex, dem furchtbarsten Raubtier aller Zeiten, schlägt sich sein hochkultureller Nachfahr, ein brillant-unschlagbares Raubtier des Gesetzes: Jacques Vergès, Verehrer der Tyrannen von Hitler bis Pol Pot und Advokat der Barbies und Milosevics, kultiviert bis zur Dekadenz, unzugänglich jeder Moral aus einbekannter Lust am Bösen. Als mir Alexander Smoltczyks "Spiegel"-Porträt dieses Mannes jetzt wieder vor Augen kam, war die Erinnerung sofort da. Etwas so Gespenstisches habe ich selten gelesen. Jeder Satz überträgt den fassungslosen Schauder des Autors vor einem heiter-kultivierten Immoralisten, der gern auch Hitlers Leben eine ästhetische Dimension gegeben hätte. Als Vergès Interesse bekundete, Saddam zu vertreten, hat Smoltczyk das Porträt für SPIEGEL-ONLINE aktualisiert. "Ich beginne meine Texte immer mit der Überschrift, damit ich weiß, worum es geht", schreibt er. Ein paar assoziative Verkettungen und der Schatten des TYRANNOSAURUS LEX legte sich über den Bildschirm: TYRANNOLAURUS LEX – L statt S.

Espressionismus

Und es braucht nicht mehr als ein S für ein X, um uns vorzumachen, wie aus Expressionismus ESPRESSIONISMUS wird, aus fiebrigem Aufbruch die löffelchenrührende Lebensart der deutschen Eindrittelgesellschaft auf dem Vulkan ihrer Krisen. Tobias Schönflug freilich denkt ganz vom Kaffee her: Bohnenkaffee, Instantpulver, "Herzfreund" – für ihn sind´s Leidensstationen einer großen Durststrecke auf dem Weg zur "High-End-Variante" Espresso. DER NEUE ESPRESSIONISMUS betitelte er seine launige Vorstellung der sieben besten Espressomaschinen in "Maxim" und gibt damit einem friedliebenden Volk den Begriff von sich.

Global Prayer

"Der Papst ist vor allem ein großer Beter." So begründete Dr. Dirk Hermann Voß, Verleger der "Katholischen Sonntagszeitung" und Herausgeber der Wochenzeitung "Die christliche Familie", die besondere Wirkung Johannes Pauls II. auf Angehörige nichtchristlicher Religionen. In diesem Zusammenhang, nämlich im Chat mit einem n-tv-Moderator, bezeichnete der Publizist den Begriff GLOBAL PRAYER als eine der genialsten Wortschöpfungen im Zusammenhang mit dem Heiligen Vater. Ein Global Player der christlichen Friedensbotschaft gegen die Global Player der Gewalt im Namen gleich welchen Gottes.

Vichywaschi

Als minimalistische Variante der Wortschöpfung habe ich oben den Buchstabentausch bezeichnet. Vielleicht voreilig, denn minimalistisch verdient jeder Eingriff genannt zu werden, den wir gerade noch so bemerken: VICHYWASCHI. Vor drei Jahren haben 100 Überlebende der Vernichtungslager in den USA Klage gegen die französische Staatsbahn eingereicht. 72.000 Juden und Tausende politisch Verfolgter sind unter dem Vichy-Regime in ihren Güterwaggons transportiert worden. Klagen, und sei´s um einen symbolischen Franc, wurden abgewiesen mit dem bürokratischen Bescheid, dass die Staatsbahn als staatliches Monopolunternehmen Immunität genieße wie ein souveräner Staat. Ein erster Erfolg der Kläger vor dem Berufungsgericht in Manhattan war Anlass für Alex Rühle, den komplexen Fall in der "Süddeutschen Zeitung" zu entflechten. Was unterm Strich von der defensiven Strategie der französischen Behörden zu halten ist, steht zwischen den Zeilen eines Artikels von engagierter Sachlichkeit und darüber: BEQUEMES Wischiwaschi – VICHYWASCHI.

Großer Gerneklein

Der Staat, könnte man auch sagen, als GROSSER GERNEKLEIN. Wie alle, die ihre Rolle in großen bösen Spielen zur Ohnmacht umprägen, bis sie gar selbst als Opfer dastehen. Wie heißt es nun eigentlich? Kleiner Gernegroß oder GROSSER GERNEKLEIN? Schnell gewinnt das auf den Kopf gehängte Bild ein vertrautes Ansehen. Gemünzt ist es auf den Mediengiganten "Random House" und seine Politik, so lange in immer neuen Kombinationen aufzukaufen und abzustoßen, bis das Paket die größtmögliche Kleinheit oder kleinstmögliche Großheit hat, um von den Kartellwächtern abgenickt werden zu müssen. Hannes Hintermeier, stellvertretender Feuilletonchef der FAZ, lässt in seinem Artikel über Random House und das Kartellamt das Imperium zur Schweiz schrumpfen. Ein PONS PONS für den GROSSEN GERNEKLEIN.

Andreas Nentwich

Autor

Andreas Nentwich
Jahrgang 1959, arbeitete mehrere Jahre als Pressereferent in einem Buchverlag. Seit 1997 ist er als Literaturkritiker und Autor für mehrere große Zeitungen, u.a. für "Die Zeit", tätig.

Hintergrund

(as). Am 22. Januar 2004 wurde in der Berliner Kalkscheune zum vierten Mal der Medienpreis "PONS PONS – Preis für kreative Wortschöpfer" verliehen. Der Bildungsverlag Klett Sprachen zeichnete in diesem Jahr sieben Journalisten aus. Alle hatten 2003 eine besonders originelle Wortschöpfung kreiert und in der deutschsprachigen Presse veröffentlicht.

Ausgewählt wurden die Wörter erstmals von einer Jury, in der mit Dagmar Deckstein (SZ) und Peter Littger (Cicero) auch Preisträger des letztjährigen PONS PONS sitzen.

Philipp Haußmann (bei Klett zuständiger Geschäftsführer für PONS), der wie in den vergangenen Jahren die Trophäen überreichte, kündigte an, dass der PONS PONS auch für das Jahr 2004 vergeben wird: "Ab sofort können Journalisten ihre kreativen Wortschöpfungen des laufenden Jahres bei uns einreichen."

Ansprechpartner

Ernst Klett Verlag GmbH
Anja Vrachliotis
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Rotebühlstraße 77
70178 Stuttgart
Telefon: +49 711 6672-1166
E-Mail: pr@klett.de
Web: www.klett.de/


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