Lerne lieber weiter

Qualität, Mobilität, Zugang: So will die Europäische Union das intellektuelle Potenzial Europas wecken. EU-Bildungskommissar Ján Figel über die aktuellen Trends in der europäischen Bildungspolitik. Aus: [BILDUNGaktuell Ausgabe 02/2006](http://bildungaktuell.at/media/BILDUNGaktuell\_02\_2006.pdf).

31.03.2006 Artikel
  • © europa.eu.int

Vor genau 30 Jahren hat die damalige Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit dem Beschluss über ein Aktionsprogramm den Startschuss für die bildungspolitische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene gegeben. 15 Jahre später wurde die Bedeutung der Bildungspolitik für die europäische Integration im Vertrag von Maastricht auch formal anerkannt. Bildungspolitik ist nach wie vor in erster Linie eine Sache der Mitgliedstaaten. Aber gerade seitdem der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs bei seinem Treffen in Lissabon im Jahr 2000 die Bedeutung der Wissensgesellschaft für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Union hervorgehoben hat, haben die Mitgliedstaaten auch die politische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene intensiviert.

Lebensbegleitendes Lernen

Im Rahmen der Lissabonstrategie zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung besteht Konsens darüber, dass der Schlüssel für eine innovative und wettbewerbsfähige Wissensgesellschaft in der Förderung des lebensbegleitenden Lernens liegt. Die Bildungspolitik muss einen Beitrag dazu leisten, dass unsere Länder im intensiven internationalen Wettbewerb bestehen, wir steigenden Ansprüchen an die Qualität und Flexibilität der Arbeit gerecht werden und den demographischen Wandel meistern. Junge Menschen müssen adäquat auf die Arbeitswelt vorbereitet werden und jede Frau und jeder Mann muss die Chance erhalten, die einmal erworbenen Kenntnisse und Kompetenzen jederzeit aktualisieren und weiterentwickeln zu können. Dazu brauchen wir leistungsfähige Universitäten und Schulen ebenso wie eine qualitativ hochwertige berufliche Bildung. Wir müssen exzellente Qualität ebenso fördern wie faire Zugangschancen.

Die europäische Bildungspolitik hat heute zwei sich ergänzende Säulen: Zum einen die weithin bekannten Programme "Sokrates" für die allgemeine Bildung und "Leonardo da Vinci" für die berufliche Bildung, durch die die Mobilität von Auszubildenden, Studierenden und Lehrpersonal sowie die grenzüberschreitende Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen finanziell gefördert wird. Da diese Programme Ende dieses Jahres auslaufen, wird momentan gerade intensiv über das Nachfolgeprogramm für den Zeitraum 2007-2013 verhandelt.

Mobilität zwischen Bildungssystemen

Zum anderen gibt es ein politisches Arbeitsprogramm mit dem Titel "Allgemeine und berufliche Bildung 2010" (Klick!). Die Zusammenarbeit im Rahmen dieses Arbeitsprogramms soll vor allem die Mobilität zwischen den verschiedenen Bildungssystemen erleichtern sowie Anregungen für die Modernisierung der nationalen Systeme geben. Die EU Bildungsminister haben hierzu gemeinsame Ziele definiert. Im Zentrum stehen dabei die Erhöhung der Qualität und Wirksamkeit der Bildungssysteme, die Erleichterung des Zugangs zu den Bildungssystemen sowie ihre Öffnung gegenüber der Welt. Die Bildungsminister haben sich aber nicht nur auf gemeinsame Ziele geeinigt, sondern auch auf statistische Indikatoren und Referenzwerte ("benchmarks"), mit deren Hilfe die erreichten Fortschritte beobachtet werden können. Und zuletzt wird über den Austausch guter Praxis und die Entwicklung von Empfehlungen eine Basis geschaffen, auf die die Mitgliedstaaten bei der Entwicklung ihrer eigenen Politik zurückgreifen können.

"Europass"

Auf dieser Basis konnten in relativ kurzer Zeit konkrete Ergebnisse erzielt werden. So gibt es inzwischen Schlussfolgerungen bzw. Entschließungen des Rates zu europäischen Grundsätzen für die Anerkennung von nicht formalen und informellen Lernprozessen, über die Entwicklung der lebensbegleitenden Beratung sowie die Qualitätssicherung im Bereich der beruflichen Bildung. Seit Januar 2005 gibt es den "Europass", mit dessen Hilfe es den Bürgerinnen und Bürgern erleichtert wird, ihre Qualifikationen und Kompetenzen auch auf europäischer Ebene transparent darzustellen. Und unter österreichischer EU-Präsidentschaft wird gerade intensiv über eine Empfehlung über Schlüsselkompetenzen für das lebensbegleitende Lernen sowie eine Empfehlung über eine Qualitätscharta für grenzüberschreitende Bildungsmobilität diskutiert.

Reform der Hochschulen

Die Europäische Kommission arbeitet zurzeit an einem Vorschlag für einen Europäischen Qualifikationsrahmen, mit dessen Hilfe Anerkennung und Übertragbarkeit von Qualifikationen zwischen verschiedenen Bildungssystemen erleichtert werden soll. Auch damit soll die Mobilität zwischen verschiedenen Bildungssystemen und das lebensbegleitende Lernen gefördert werden. Ein weiterer Schwerpunkt unserer Arbeit liegt in der Reform der Hochschulen. Das Europäische Parlament und der Rat haben vor wenigen Monaten eine Empfehlung über die Qualitätssicherung im Bereich der Hochschulbildung verabschiedet. Mit der Mitteilung vom April 2005 "Das intellektuelle Potenzial Europas wecken: So können die Universitäten ihren vollen Beitrag zur Lissabonner Strategie leisten" hat die Europäische Kommission eine Debatte um die Notwendigkeit von Reformen angestoßen, die sowohl die Organisation, als auch die Finanzierung der Hochschulen einbezieht. Und schließlich hat die Europäische Kommission dem Europäischen Rat kürzlich vorgeschlagen, ein Europäisches Technologieinstitut (ETI) einzurichten, das zum neuen Markenzeichen für Spitzenqualität in den Bereichen Ausbildung, Forschung und Innovation werden soll.

Anstrengungen müssen intensiviert werden

Trotz dieser sehr positiven Entwicklung der Zusammenarbeit auf europäischer Ebene macht der gerade vom Rat und der Europäischen Kommission gemeinsam verabschiedete Zwischenbericht zur Umsetzung des gemeinsamen Arbeitsprogramms "Allgemeine und berufliche Ausbildung 2010" aber auch deutlich, dass die bisherigen Anstrengungen noch erheblich intensiviert werden müssen. Die Zahl der Schulabbrecher ist nach wie vor zu hoch. Es bedarf größerer Anstrengungen, um die Schlüsselkompetenzen der Schülerinnern und Schüler (in diesem Fall insbesondere die Lesekompetenzen) zu verbessern. Auch der Anteil der Erwachsenen, die aktiv an Weiterbildungsmaßnahmen teilnehmen, ist in vielen Mitgliedstaaten weiterhin zu gering, um den vereinbarten Referenzwert im Jahr 2010 zu erreichen. Und nach wie vor gibt es ca. 80 Millionen niedrig qualifizierte Menschen in Europa, für die es immer schwieriger werden wird, Arbeit zu finden und sich voll in die Gesellschaft zu integrieren.

Vor diesem Hintergrund sind der Rat und die Kommission sich einig, dass noch mehr geschehen muss, damit die Bildung ihren Beitrag zur Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung und des sozialen Zusammenhalts voll leisten kann. Die wirtschaftliche und soziale Dimension der Bildung können nicht gegeneinander ausgespielt werden. Qualitativ hochwertige Bildung auf allen Ebenen sowie ein breiter Zugang zu verschiedenen Bildungsangeboten erhöht die Wettbewerbsfähigkeit ebenso wie die soziale Eingliederung potenziell benachteiligter Gruppen.

Zusammenarbeit von Bildungsanbietern fördern

Die bildungspolitische Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union, die vor 30 Jahren sehr bescheiden begann, hat sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Ihre beiden Säulen, die politische Zusammenarbeit ebenso wie die Finanzierungsprogramme, werden sich auch in Zukunft vor allem an den Bedürfnissen der Endverbraucher orientieren. Das bedeutet, dass die Kommission und die Mitgliedstaaten sich in ihrer Arbeit weiter daran orientieren werden, dass einzelnen Bürgerinnen und Bürgern die Mobilität zwischen Staaten, der Übergang zwischen verschiedenen Bildungssystemen sowie der Zugang zur Erstausbildung und zur Weiterbildung erleichtert wird. Wir werden die Zusammenarbeit von Bildungsanbietern fördern und sie dabei unterstützen, Instrumente zu entwickeln, die ihnen z.B. bei der Qualitätssicherung behilflich sind. Arbeitnehmer und Arbeitgeber werden von gut ausgebildeten Menschen und einer besseren Transparenz von Qualifikationen profitieren. Und schließlich lassen sich all unsere Bemühungen darin zusammenfassen, die Qualität der Bildungssysteme zu verbessern. Daher bin ich der österreichischen Präsidentschaft auch sehr dankbar, Qualität zum Motto ihrer aktuellen Ratspräsidentschaft gewählt zu haben.

Diesen und weitere Artikel zum Thema Europa und Bildung finden Sie bei unserem Kooperationspartner bildungaktuell.at: Ausgabe 02/2006.


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