„Lust, einfach zuzuschlagen!?“

(jk) Täglich wird in den Medien über Ausschreitungen, Schlägereien, Vergewaltigungen, Kriege oder Terroranschläge berichtet. Gewalt gehört auf nationaler und internationaler Ebene, auf der Straße, in der Schule und leider häufig auch zu Hause zum Alltag.

04.04.2006 Artikel
  • © schule-bw.de


Ob vorsätzlich oder im Affekt: 12,5 Prozent der Eltern schlagen ihre Kinder oder erziehen sie auf andere Weise mit Gewalt. Dies ermittelte Dr. Kai-D. Bussmann, Professor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, anhand einer Elternbefragung über die Auswirkungen des Gesetzes zur Ächtung der Gewalt in der Erziehung.

Die Berichte der Jugendlichen selbst sagen allerdings aus, dass 21,3 Prozent von ihnen betroffen sind. Das heißt: Zwei bis drei Millionen Kinder sind mindestens einmal in ihrem Leben durch ihre Eltern misshandelt worden.

„Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig“, schreibt das Bürgerliche Gesetzbuch seit November 2000 vor. Doch wie die Zahlen zeigen, sehen viele Eltern nach wie vor keinen anderen Ausweg als Ohrfeigen, „Klapse“ oder einen Schlag mit dem Stock. In ihren Augen ist das oft nicht mal ein Einsatz von Gewalt, sondern eine „Erziehungsmaßnahme“.

Tabuthema „Häusliche Gewalt“

Peter Grandl, Geschäftsführer der PR- und Werbeagentur proxenos, hat diese Erfahrung sprichwörtlich am eigenen Leib gemacht und seine Erlebnisse in einem Kurzfilm verarbeitet: „Das letzte Wort“ ist ein 25-minütiger Film über zwei Brüder, die den willkürlichen Wutausbrüchen ihres gewalttätigen Vaters hilflos ausgeliefert sind. Eine anschließende Dokumentation, moderiert von Cordula Stratmann (bekannt aus der Fernsehsendung „Schillerstraße“), spricht das Thema Gewalt in der Familie sensibel, aber sehr offen an. Das Institut für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht (FWU) vertreibt den Beitrag (Film und Dokumentation) an Schulen, um hier auf das Thema aufmerksam zu machen. „Der Schlag ins Gesicht und der Gürtel aufs nackte Hinterteil kommt in den besten Familien vor – und … interessiert niemanden. Es ist nicht einmal ein Tabu-Thema – es ist gar kein Thema!“, beklagt Grandl die häufig anzutreffende Verharmlosung von häuslicher Gewalt.

Der Bekanntheitsgrad des Paragraphen zur gewaltfreien Erziehung steigt, jedoch nicht bei Jugendlichen. Das zeigt, dass gerade die Opfer der Gewalt besser aufgeklärt werden müssen. Die Schule ist ein wichtiger Ort, um die Kinder über ihre Rechte zu informieren und Anlaufstellen zu nennen, an die sich Betroffene anonym wenden können.

Gewalt löst Gewalt aus

Frust, Stress, Überforderung, Hilflosigkeit – es gibt viele Gründe für den Verlust der Selbstbeherrschung. Häufig kennen die Erwachsenen die gewaltsame Erziehungsmethode aus eigenen Kindheitstagen. „Mir hat das auch nicht geschadet“, mag der ein oder andere Vater denken. Doch der Schaden ist da, das zeigt allein die Tatsache, dass sich die Eltern an die Schläge in ihrer Kindheit erinnern. Die Folgen von gewaltsamer Erziehung sind, wenn nicht gar physischer, doch immer seelischer Art: Die Kinder leiden unter einem Verlust des Urvertrauens und des Selbstbewusstseins, sie werden von Schuldgefühlen geplagt und zeigen häufig Störungen im Sozialverhalten.

Jeder dritte Jugendliche mit einer gewaltbelasteten Erziehung, so stellte die 2003 veröffentlichte Studie „Eine Bilanz nach Einführung des Rechts auf gewaltfreie Erziehung“ fest, berichtete über eigene leichte Tätlichkeiten und jeder Vierte bzw. Fünfte über gravierende Übergriffe. Und hier beginnt das nächste Problem, denn der Teufelskreis ist in Gang gesetzt: Gewalt löst Gewalt aus. Kinder, die zu Hause keinen anderen Umgang mit Konflikten als die Lösung durch Gewalt gelernt haben, zeigen in der Schule häufig aggressive Tendenzen. Die Schulen sind meist hilflos, da die Ursache für die mangelnde Konfliktfähigkeit im Elternhaus liegt. Schlägereien sind auf dem Schulhof Alltag. Die Technische Universität Berlin veröffentlichte im Oktober 2005 Zahlen zu Gewalttaten an Schulen: Ein Drittel von 600 befragten Schülern ist schon einmal „richtig gewalttätig“ geworden, fast die Hälfte hat manchmal „richtig Lust, einfach zuzuschlagen“.

Konfliktlotsen gegen Gewalt in Schulen

Die Schulen sehen sich vor das Problem gestellt, die Ursachen für die Gewalt zu analysieren und womöglich ein Jugendamt einzuschalten. Gleichzeitig müssen sie die Ausschreitungen auf dem Schulgelände in den Griff bekommen. Ein Modell, das immer mehr Schule macht, ist das der Konfliktlotsen. „Sie können Schlägereien verhindern: Die Schüler erarbeiten mit ihren Kameraden gemeinsam Lösungen, um Aggressionen zu vermeiden und Handgreiflichkeiten vorzubeugen“, erklärt Ortrud Hagedorn, Lehrerin und Mediatorin in Berlin. Unter Mitarbeit von Walter Taglieber hat sie ein Mediationsmodell entwickelt, das vor allem an Schulen eingesetzt werden kann („Mediation – durch Konflikte lotsen“, Ernst Klett Verlag, November 2005).

In Berlin funktioniert das Modell an weiterführenden Schulen mit mehr als 500 Konfliktlotsen und an Grundschulen mit über 1000 Lotsen. Die Schulmediatoren, meist Lehrer aus dem Kollegium, wählen mehrere Lotsen aus der Schülerschaft aus, die aufgrund ihrer sozialen Kompetenz als Streitschlichter geeignet scheinen. Von der Auswahl der Konfliktlotsen über ihre Ausbildung bis hin zur Begleitung durch die Schulmediatoren leitet das Buch die Lehrer und ihre Schüler zu friedlichen Lösungen von Streitfällen an.

Ursachen von Gewalt

Natürlich lassen sich Gewalttaten nicht pauschal mit einer schlimmen Kindheit erklären. Die Motive und Gründe liegen meist in einem ganzen Ursachenbündel, erklären sich durch Erziehung, Religion, politische Einstellung, Angst, Frust, Lust oder Machtgefühl, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Das verdeutlicht auch das Unterrichtsmagazin „Gewalt“ (erschienen in der Reihe Spiegel@Klett). Das Heft geht einzelnen Strängen des Ursachennetzes nach, stellt konkrete Beispiele und Erklärungsansätze vor. Auch die Möglichkeiten der Prävention sowie Sinn und Wirkung von Strafen werden diskutiert. Im Unterricht eingesetzt, soll das Magazin Schülerinnen und Schüler der Oberstufe offensiv an das Thema Gewalt heranführen und Diskussionen anregen.

Fazit

Die Allgegenwärtigkeit der Gewalt zeigt, dass die reaktiven Programme und staatlichen Maßnahmen vermehrt durch präventive Modelle ergänzt werden müssen. Die Aufklärung an den Schulen, die bewusste Einbindung der Schüler sowie die Diskussion über den Umgang mit Konflikten sind wichtige erste Schritte.

Service

Programme, Hilfsorganisationen und Medien zum Thema Gewalt

  • „Das letzte Wort – Wie weit gehst du, um ein Kind zu schützen?“
    Filmproduktion von workflow-pictures, erhältlich über das FWU Institut für Film und Bild, Medienzentrenlizenz 190 Euro, Schullizenz 90 Euro.
  • „Mediation – durch Konflikte lotsen“
    Ein Buch mit Arbeitsmaterialien auf CD-ROM von Ortrud Hagedorn.
    ISBN: 3-12-924440-9, Ernst Klett Schulbuchverlag Leipzig/Stuttgart 2005, 19,80 Euro.
  • „Gewalt – Ursachen und Erscheinungsformen“
    Unterrichtsmagazin in der Reihe spiegel@klett.
    ISBN: 3-12-065510-4, Ernst Klett Schulbuchverlag Leipzig/Stuttgart 2005, 5,80 Euro.


Erstveröffentlichung und alle Rechte: Klett Themendienst


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