"Bildung ist Beziehung"
Die größte europäische Bildungsmesse didacta findet vom 28.Februar bis zum 4. März in Stuttgart statt. 641 Aussteller aus 14 Ländern zeigen neue und innovative Produkte für die Bereiche Kindergarten, Schule/Hochschule, Ausbildung/Qualifikation sowie Weiterbildung/ Beratung. Neben der Ausstellung gibt es ein umfangreiches und hochkarätiges Rahmenprogramm mit etwa 1.000 Veranstaltungen. Zu den Highlights gehörte eine Expertenrunde zum Thema "Bildungspläne in der Frühpädagogik". Dort diskutierten die Verantwortlichen für Bildungspläne bzw. Bildungsempfehlungen für Kindergärten und Kindertagesstätten Ziele und Wege dorthin.
02.03.2005 Pressemeldung Didacta Verband e.V. / Verband der BildungswirtschaftDie Diskutanten sind allesamt ausgewiesene Fachleute in der Frühpädagogik: Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilos Emmanuel Fthenakis ist Leiter des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München und hat einen Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen. Xenia Roth, Leiterin des Referats ''Kindertagesstätten'' im Ministerium für Bildung, Frauen und Jugend des Landes Rheinland-Pfalz, ist Diplom-Psychologin und Diplom-Theologin. Dr. Christina Preissing arbeitet am Institut für Situationseinsatz an der Internationalen Akademie (INA) an der Freien Universität Berlin. Der vierte Diskutant ist Prof. Dr. Gerd E. Schäfer, Inhaber des Lehrstuhls für allgemeine Pädagogik an der Universität Köln.
Die drei wichtigsten Ziele für Bildungspläne in der Frühpädagogik, darin waren sich die Fachleute weitgehend einig, sind die Förderung der Wahrnehmung in der Öffentlichkeit, das Schaffen vergleichbarer Bedingungen und die Schaffung einer Grundlage zur Weiterentwicklung. Für Professor Fthenakis ist das tragende Element des Bildungsplans seine Demokratisierung. "Bildung ist Produkt eines Austauschprozesses, weil es keine Trennung von Entwicklung und Bildung gibt. Deshalb müssen die Eltern das Primat der Erziehung auch in Bildungsinstitutionen behalten." Mit dem in Bayern erstellten Bildungsplan habe man mit dem institutionsübergreifenden Ansatz ein Novum geschaffen. Auch Xenia Roth ist die gemeinsame Ausarbeitung der Bildungsempfehlung in Rheinland-Pfalz zusammen mit Eltern und Trägereinrichtungen sehr wichtig. "Dadurch wird auch ein Übersetzungsprozess von Fachleuten zu den Eltern geleistet, der sich positiv auswirkt, denn das schulfähige Kind braucht auch eine kindfähige Schule."
Dr. Preissing hat einen anderen Ansatz. Für sie bedeutet Bildung eine Aneignungsfähigkeit, wie sich der Mensch Wissen aneignet und es damit aktiv beeinflusst. Die Berliner Bildungsempfehlung soll eine normative Grundlage geben. "Für uns ist das Recht des Kindes auf Selbstbestimmung wichtig, und die Anleitung zu Solidarität und Verbundenheit - wir wollen auch ein kollektives Bewusstsein schaffen und kulturelle Zugehörigkeit herausbilden und fördern." Deshalb drehen die Berliner den Spieß um: "Bildungsziele sind bei uns keine Lernziele für die Kinder, sondern Richtlinien für die pädagogisch handelnden Erwachsenen." Prof. Schäfer sieht seinem Bildungsplan in Nordrhein-Westfalen einen egalitären Bildungsanspruch zugrunde liegen. Für ihn ist Bildung das Wissen und Können, das man braucht, um im Alltag bestehen zu können, aber keine Ideen in den Sternen. "Für mich ist Bildung immer auch Beziehung, und zwar mit der Umwelt, Gedanken und den verschiedenen Personen, wobei hier zwischen Erwachsenen und Kindern unterschieden werden muss. Daraus ergibt sich für mich und den Bildungsplan, dass der Alltag in Kindertagesstätten so strukturiert werden muss, dass er die Bildung nicht verhindert."
Professor Fthenakis nennt seinen Bildungsplan eine Orientierungshilfe, einen offenen Plan, der keiner gesetzlichen Verankerung bedarf. "Die Effektivität eines Bildungssystems muss sich daran messen lassen, ob alle Kinder Bildung vermittelt bekommen." Deshalb hat er über eine Evaluation in bayerischen Kindertagungsstätten Daten erhoben, auf deren Grundlage der bayerische Bildungsplan erstellt wurde. Jetzt im Anschluss könnten die Bedingungen formuliert werden, unter denen der Plan umgesetzt werden müsse. Man habe in Bayern bisher rund 600 Veranstaltungen mit 3.500 Erzieherinnen durchgeführt als Beginn einer flächendeckenden Weiterbildungsoffensive.
"Leider", so Xenia Roth, "hat die Politik in Deutschland oft noch kein Verständnis von dem was in der Praxis der Kindertagesstätten geleistet wird und mit sehr geringen Geldmitteln geleistet werden muss." Deshalb sei der Bildungsplan mit der Festschreibung der Rahmenrichtlinien so wichtig. "In Rheinland-Pfalz hat sich inzwischen das Bewusstsein geändert. Durch die demographische Entwicklung freiwerdende Ressourcen werden nicht wie vielerorts abgebaut." Den Trägereinrichtungen würden bei sinkender Kinderzahl gleichbleibend hohe Etats bewilligt. Durch die frei gewordenen Kapazitäten könne die Qualität von Bildungsvermittlung und Erziehung erhöht werden. Dies könnte der Anfang einer Mut machenden Entwicklung sein.
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