Chats nicht prinzipiell schlecht für Kinder

(bikl) Kinder und Computer – ein Thema, das viele Eltern und Lehrer beschäftigt. Da fordern – wie jetzt auf der Cebit – Experten den Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen per Gesetz einzuschränken und sehen eine enge Verbindung zwischen schlechten Schulleistungen und hohem Medienkonsum. Andererseits gibt es Initiativen, die bereits den Einsatz des Computers im Kindergarten für gut und wichtig halten. bildungsklick.de fragte den Medienpädagogen Prof. Dr. Stefan Aufenanger nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung und seinen Empfehlungen für Eltern.

16.03.2006 Artikel

Kinder und Computer da gibt es unterdessen etliche sich widersprechende Untersuchungen und Meinungen. Eltern sind verunsichert: Soll mein Kind denn überhaupt an den Computer und wenn, ab welchem Alter? Wie ist denn nun der gegenwärtige Stand der Forschung?

Aufenanger: Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass es auf den ersten Blick keine negativen Einflüsse gibt und es gibt einige Untersuchungen, die zeigen, dass Kinder mit dem Computer kognitiv angeregt werden, dass sie lernen vernetzt zu denken und dass Kinder auch nicht sozial isoliert werden und dass Kinder sehr kreativ und sehr schnell medienkompetent mit dem Computer umgehen.

Probleme eher überbetont


Wenn wir hier von Kinder und Computer sprechen, um welches Alter geht es da eigentlich?

Aufenanger: Es gibt schon Untersuchungen über Vorschulkinder, aber der Schwerpunkt liegt bei den Kindern im Grundschulalter. Und dort sind auch die Ergebnisse positiv, wenn bestimmte Bedingungen gewahrt sind, das muss man einschränkend sagen. Es gibt natürlich Familien, in denen die Kinder frei alles spielen dürfen und die Eltern nichts kontrollieren, dort zeigt sich in gewissen Bereichen auch eine negative Tendenz, zum Beispiel, dass die Kinder zu lange vor dem Gerät sitzen und dann auch nicht mehr mit anderen Freunden spielen – aber das ist eine kleine Gruppe und trifft bestimmte Bereiche, die in der öffentlichen Diskussion eher überbetont werden.

Bessere Schulleistungen


Welche aussagekräftige Studien gibt es in Deutschland?

Aufenanger: Es gibt aktuelle Studien, die sich vor allem auf den Kindergartenbereich beziehen. Das eine sind die Schlaumäuse, das heißt ein Projekt, in dem es darum geht, dass Kinder mit dem Computer lesen lernen. Das ist sehr erfolgreich gelaufen. Wir selbst haben eine Studie mit 130 Kindern im Kindergartenbereich durchgeführt, in der wir zu dem Ergebnis kommen, dass der Computer auf keinen Fall negative Effekte hat im Gegenteil: Es gibt positive Effekte bezogen auf die kognitive Entwicklung und auf die sozialen Kompetenzen der Kinder. Wenn sie nur einen Computer im Gruppenraum haben müssen die Kinder regulieren, wer mitspielen darf. Sie helfen sich auch gegenseitig. Für den Grundschulbereich gibt es Studien, die sich dann auf die IGLU Studie beziehen, das heißt auf die Nutzung des Computers in den Schulen. Dort kann man auch sagen, dass es überwiegend positive Effekte gibt, wenn Kinder sinnvoll den Computer in der Grundschule nutzen; dass dann ihre Schulleistungen zwar nicht in allen Bereichen steigern, aber dass sie sich sehr stark motiviert fühlen, etwa dadurch, dass sie Selbstbewusstsein erlangen. Außerdem können sich auch die Probleme des geschlechtsspezifischen Zugangs nivellieren, wenn der Computer sinnvoll in der Schule eingebettet ist.

Sie sprachen eben von elterlicher Kontrolle. Das heißt, Eltern sollten immer gemeinsam mit ihren Kindern am Computer sitzen?

Aufenanger: Eltern sollten auf jeden Fall am Anfang dabeisitzen, wenn sich die Kinder mit einem Computerprogramm beschäftigen und zwar, damit sie wissen, ob die Kinder angemessen mit dem Computer umgehen können. Das heißt, dass sie nicht nur einfach wild rumklicken und sie möglicherweise auf Internetseiten kommen, die für sie nicht geeignet sind, sondern, dass die Kinder etwas Positives mit dem Computer machen. Außerdem ist es wichtig, dass die Eltern mit den Kindern in ein Gespräch kommen, dass die Kinder merken, „meine Mutter oder mein Vater interessiert sich dafür, was ich mache“. Das ist für den Anfang ganz wichtig. Man sollte dann natürlich den Kindern vertrauen, dass sie auch selbst etwas machen können, sich langsam zurückziehen und nur ab und zu mal wieder reinschauen, im Sinne: „Zeig mir doch mal, was du gemacht hast“ – nicht kontrollierend „Jetzt will ich unbedingt sehen was du machst und dass du ja nichts Böses machst.“

Pädagogisch angeleitet Erfahrungen machen


Computer in Kindergärten sind unterdessen keine absolute Ausnahme mehr – ist das denn überhaupt sinnvoll, oder reicht es, wenn die Kinder das Computern in der Grundschule lernen?

Aufenanger: Wenn man über das Thema Computer im Kindergarten redet, muss eines klar sein: Nicht jedes Kind hat dort einen Computer, es sind meist nur eins, zwei Geräte pro Einrichtung. Die Kinder haben also einen eingeschränkten Zugang, es wird zum Beispiel auch immer geregelt, dass kein Kind länger als 20 Minuten am Computer sitzen darf. Das heißt, es ist nicht so, dass der Kindergarten auf einmal computerisiert ist. Das zweite ist, dass die Erzieherinnen natürlich zu Recht sagen: „Wir machen einen lebensweltorientierten und einen situationsorientierten Ansatz und der Computer spielt in der Lebenswelt von Kindern eine Rolle. Deswegen wollen wir ihnen auch die Möglichkeit geben, pädagogisch angeleitet Erfahrungen damit zu machen.“ Die Bedenken, die es dagegen gibt, die kann ich überhaupt nicht nachvollziehen, weil es ganz, ganz wenige Beispiele gibt, wo vielleicht etwas schief läuft aber in vielen Fällen läuft es sehr, sehr gut.

Ein weiteres großes Thema: Chatten. Sollten Kinder überhaupt chatten, oder ist nicht die Gefahr, dass Kinder in Chaträumen zum Beispiel auf Pädokriminelle stoßen viel zu groß? Was rät der Medienpädagoge den Eltern?

Aufenanger: Bei Internet und Chatten muss man klar Altersgrenzen setzen. Chatten ist sinnlos, bevor die Kinder nicht richtig schreiben können und beim Chatten ist es ganz wichtig, dass man darauf achtet, dass die Kinder in einen moderierten Chat gehen, das heißt, in einen Chat, der betreut ist. Im Altersbereich zwischen acht und zwölf Jahren, da sollten Eltern auf jeden Fall schauen, in welchen Chatraum gehen die Kinder, ist der pädagogisch betreut. Oder wenn die Kinder ins Internet gehen: Welche Seiten besuchen sie? Da ist es auf jeden Fall sinnvoll, über so genannte Kinderportale ins Netz zu gehen, das heißt Seiten, die vorher die Links und die Angebote überprüfen, ob sie auch kindgerecht sind. Hier sind Eltern gefordert, sie müssen sich um diese Angebote bemühen, sich auch dafür interessieren und kontrollieren.

Hat Chatten denn überhaupt einen positiven Effekt?

Aufenanger: Ich denke, zehn bis zwölf Jahre ist das früheste Alter, in dem das Chatten sinnvoll ist. Vorher wissen die meisten Kinder auch gar nicht, was sie schreiben sollen und wie schnell sie die Texte verfolgen sollen beim Chatten. Aber prinzipiell zu sagen, das Chatten ist unsinnig für Kinder, halte ich für falsch. Es gibt gute Kinderchats im Grundschulalter, aber es ist wichtig, immer die Einbindung zu sehen und die öffentliche Diskussion sieht immer nur das Medium und das Kind und nicht das, was darum herum als Lernkultur oder Lernraum passiert. Das muss im Zusammenhang gesehen werden. Wenn der Lernraum positiv ist, dann sind auch die Gefahren der Medien selbst viel geringer einzuschätzen.

Mit anderen Eltern austauschen


Immer wider in der Diskussion: Computerspiele, die nicht für Kinder geeignet sind. Auch hier brauchen Eltern solide Informationen. Wie finden sie gute Software?

Aufenanger: Das Problem mit Software ist zum einen, dass man nicht wie beim Buch reinschauen kann, man muss sich also erst einmal auf Rezensionen oder Berichte verlassen. Es gibt mittlerweile in Computerzeitschriften aber auch Zeitschriften, die sich an Eltern wenden, entsprechende Angebote, wo Computerspiele oder Computerprogramme für Kinder rezensiert werden. Da ist als Basis gut. Es gibt Broschüren, es gibt verschiedene Internetangebote von Webseiten für Kinder, wo entsprechende Programme vorgestellt werden und die großen Verlage haben auch umfangreiche Informationsangebote. Aber viel wichtiger ist es, mit Freunden oder befreundeten Eltern oder auch mit den Lehrern darüber zu reden, was sie für sinnvoll halten und dass man dann selbst abwägen muss, was ist für mein Kind eigentlich am geeignetsten.

Links

Homepage Prof. Dr. Aufenanger
Mehr zu: Kindergarten und Computer

Informationsportale für Eltern und Pädagogen

Internet ABC
Klicksafe
Bildungsinitiative Schlaumäuse


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