Keine Angst vorm „Ernst des Lebens“
„Ach weißt du Mutti, ich kann eigentlich allein zur Einschulung gehen, du musst da nicht mitkommen.“ Ein seltener Satz aus Kindermund. Holger Grenz kann allerdings häufiger über so viel Selbstbewusstsein bei seinen zukünftigen Erstklässlern berichten. Wenn sie von der Kindertagesstätte „Das tapfere Schneiderlein“ in die Evangelische Schule Lichtenberg wechseln, sind diese Kinder optimal vorbereitet. Die Bertelsmann-Stiftung hat deshalb das „vorbildliche Konzept für den Übergang von der Kita in die Schule“ mit dem Kita-Preis „Dreikäsehoch 2005“ ausgezeichnet.
09.01.2006 Artikel„Die Kinder fühlen sich nicht so klein, sie kommen mit geradem Rücken“, berichtet der Schulleiter. Grund für diesen geraden Rücken ist die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Kita und Grundschule. Dazu wurden die pädagogischen Konzepte in einer Kooperationsvereinbarung ebenso abgestimmt wie gegenseitige Besuche und gemeinsame Projekte.
Frühzeitig beginnen
„Wir thematisieren den Übergang nicht erst dann, wenn die Kinder fünf, sechs Jahre alt sind“, erklärt Kita-Leiterin Kerstin Volgmann, „nach dem Motto: Jetzt marschieren wir los und sehen uns die Schule an. Das Entscheidende ist: Wir nehmen die Kinder von Anfang an sehr ernst.“ Etwa in den Arbeitsgruppen, in denen schon die Vierjährigen ihre Lernprozesse eigenständig gestalten können. Dabei erforschen sie ein selbst gewähltes Thema – die Himmelsrichtungen zum Beispiel – und dokumentieren mit den Erzieherinnen ihre Lernschritte. Im letzten Kita-Jahr übernehmen dann oft die Älteren in diesen Gruppen die Tutorenrolle. Eine gute Vorbereitung auf den offenen Unterricht der Grundschule.
Schreien und juchzen
Jetzt beginnen auch die Schulbesuche. „Bei den ersten Besuchen klammern sich einige Kinder noch ganz fest an die Hand der Erzieherin, da laufen auch bei zwei, drei Kindern die Tränen und ein Kind will gar nicht vom Arm runter“, so Volgmann. „Aber beim letzten Besuch laufen die Kinder schreiend und juchzend in das Gebäude.“ Trotzdem bleibt der Wechsel in die Schule ein bedeutsamer Schritt für die Kinder, betont Kerstin Volgmann. Schließlich übernehmen sie eine ganz neue Rolle – sie sind jetzt Schulkinder. „Aber sie haben gelernt, dass man dabei auch einmal Angst haben kann und das ist überhaupt nicht schlimm, denn mit diesen Ängsten können sie umgehen, weil sie ganz viel Erfahrung haben.“
Bildung und Erziehung
Bis alle Kindergärten und Grundschulen so kooperieren wie die beiden Berliner Einrichtungen, wird es wohl noch einige Zeit dauern. Denn das Selbstverständnis von Lehrern und Erziehern ist durchaus verschieden, da macht sich auch Schulleiter Grenz nichts vor. „Erzieher fühlen sich oft von den Lehrern nicht ernst genommen, und Lehrer wollen häufig keine Erzieherfunktionen übernehmen.“ Annäherung ist dringend nötig. Denn „den Alltag mit Kindern kann man nicht auseinander dividieren in die beiden Teile Bildung und Erziehung“.
Weiterführende Links
- 'Übergang' und 'Grundschule'
- Evangelische Schule Lichtenberg
- Kindertagesstätte „Das tapfere Schneiderlein“
- Dreikäsehoch 2005
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