Kritik an Vorab-Veröffentlichung von PISA-Ergebnissen

Baden-Württembergs Kultusminister Helmut Rau MdL hat die Vorab-Veröffentlichung einzelner Ergebnisse der schulartbezogenen Auswertung der PISA 2003-Studie am Montag (31. Oktober) in Stuttgart scharf kritisiert.

31.10.2005 Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-Württemberg

"Diese Indiskretionen schaden einer an der Sache orientierten Debatte. Was unsere Schulen nicht brauchen, ist ein Dauerzustand öffentlicher Aufgeregtheit. Unsere Schulen brauchen Zeit, um die bildungspolitischen Reformen im Unterrichtsalltag umzusetzen." Der Kultusminister erinnerte daran, dass zwischen der Veröffentlichung der Ergebnisse der Bundesländer bei PISA 2000 und dem Testzeitpunkt für die Nachfolgestudie 2003 weniger als ein Jahr gelegen habe. In der Bildungspolitik gebe es jedoch keinen Schalter, mit dessen Hilfe schnelle Ergebnisse erzielt werden könnten.

Zu den bekannt gewordenen Einzelergebnissen sagte Rau: "Die Entkoppelung von sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist die Legitimationsfrage an die Bildungspolitik. Der Schlüssel zur Reduzierung der Risikogruppe und damit zu mehr Chancengerechtigkeit liegt in der intensiven Frühförderung in Kindergarten und Grundschule." Bei der Beurteilung der Chance, auch als Arbeiterkind ein Gymnasium zu besuchen, liege Baden-Württemberg nach den vorab veröffentlichten Ergebnissen offenbar näher bei Sachsen als bei Bayern, hob der Kultusminister hervor. Mit dem Orientierungsplan für frühkindliche Bildung und Erziehung sowie dem Projekt "Schulreifes Kind" unternehme Baden-Württemberg gezielte Schritte, um die Chancengerechtigkeit zu verbessern. Hinzu kämen die bereits bestehenden Förderklassen und -gruppen im Grundschulbereich sowie der bedarfsgerechte Ausbau von Ganztagsschulen.

Rau wies auch darauf hin, dass der baden-württembergische Grundsatz "Kein Abschluss ohne Anschluss", der ein zentrales Qualitätsmerkmal des Schulsystems des Landes sei, bei PISA überhaupt nicht berücksichtigt werde. Der vorab veröffentlichte Wert für die relative Wahrscheinlichkeit des Gymnasialbesuchs in Baden-Württemberg erfasse deshalb nicht, dass ein Drittel aller Realschüler im Land auf dem Weg über die Beruflichen Gymnasien zum Abitur komme. Dies sei jedoch wichtig, um die Ergebnisse über den Zusammenhang zwischen Schulerfolg und sozialer Herkunft in Baden-Württemberg sachgerecht einordnen zu können.

Eine klare Absage erteilte der Kultusminister erneuten Forderungen nach Strukturreformen im Schulsystem. Gerade Nordrhein-Westfalen habe mit der Gründung von Gesamtschulen den Zusammenhang von Schulerfolg und sozialer Herkunft durchbrechen wollen. Dies sei nachweislich nicht gelungen. Strukturdebatten würden deshalb zu kurz greifen, monierte Rau. "Ernst zunehmende Experten weisen immer wieder darauf hin, dass die Qualität von Schule und Bildung im bestehenden gegliederten Schulsystem nachhaltig verbessert und damit auch mehr Chancengerechtigkeit erreicht werden kann", so Rau.


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