Die Lehrerausbildung: ein bundesrepublikanischer Flickenteppich

Eigentlich sollten die Entscheidungen zur Reform der Lehrerausbildung in den Bundesländern längst gefällt sein. Denn bis 2010 soll die Umstellung auf ein gestuftes Studiensystem aus Bachelor und Master mit europaweit vergleichbaren Abschlüssen abgeschlossen sein. Das ist Ziel des Bologna-Prozesses - auch für die Lehrerausbildung. Aber "die Europäisierung der Lehrerbildung endet häufig am Rande der jeweiligen Universitätsstädte", beklagt der Leiter des Instituts für Schul- und Hochschulforschung an der Universität Lüneburg, Prof. Kurt Czerwenka. Befürchtet wird auch eine Dequalifizierung des Lehrerberufs.

20.12.2007 Artikel
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Tatsächlich sind die Anforderungen an die neuen Lehramtsstudiengänge weder landes-, geschweige denn gar bundesweit einheitlich geregelt, denn sie variieren von Hochschule zu Hochschule. Das beginnt schon bei der Frage, welchen Wert der Bachelor-Abschluss haben soll. Ein Beispiel: Nur gut 50 Kilometer liegen die beiden Universitätsstädte Bielefeld und Osnabrück auseinander. Doch während man im nordrhein-westfälischen Bielefeld den Zwei-Fächer-Bachelor eingeführt hat, der Studenten die Option offen lässt, ob sie anschließend einen Lehrermaster oder ein fachwissenschaftliches Studium absolvieren, setzt man in Osnabrück auf den"Bachelor Grundbildung", der eindeutig auf das Berufsziel Lehrer gerichtet ist.

Lehrer-Bachelor?

Eigentlich aber muss der Bachelor-Abschluss bereits berufsqualifizierend sein, denn nicht alle Studierenden werden die Zulassungsbedingungen für das anschließende Masterstudium erfüllen. "Der Bachelorabschluss muss als erster berufsqualifizierender Abschluss neben dem Zugang zum lehramtsbefähigenden Master auch andere Optionen eröffnen", forderte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) in ihren Empfehlungen zur Zukunft der Lehrerbildung in den Hochschulen vom 21. Februar 2006. Gleichwohl bieten aber Hochschulen mit dem "Bachelor of Education" einen Studiengang an, der ausschließlich auf das Berufsbild Lehrer zielt und keine alternativen Berufsfelder bedient. Es sei denn, man hätte einen "Lehrer light" im Blickfeld, einen also, der mit seinem Bachelor-Abschluss Hilfstätigkeiten im Lehrbetrieb Schule übernimmt. Welche Chancen also diese Bachelorabsolventen, die nicht zum Masterstudium zugelassen werden, auf dem Arbeitsmarkt haben, ist noch ungeklärt. Eine Frage, die durchaus die Gerichte beschäftigen könnte.

Wieviele Punkte dürfen´s sein?

Ein weiterer Unterschied: Dauer und Inhalt des Studiums. Packt der künftige Grundschullehrer - gemäß der Devise "kleine Kinder = kleines Studium" - lediglich ein zweisemestriges Masterstudium auf seinen Bachelor und muss weniger Leistungspunkte (Credit Points) erbringen oder gilt für alle Lehramtsstudiengänge die gleiche Anzahl von Leistungspunkten und somit ein viersemestriges Masterstudium? Beide Modelle gibt es in den Bundesländern. Für den Bundesvorsitzenden des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) Ludwig Eckinger ist nur eines der beiden akzeptabel: "Wir wollen die Gleichwertigkeit unter den Lehrerinnen und Lehrern im Sinne eines gemeinsamen Berufsverständnisses – damit ist völlig klar, dass für einen Grundschullehrer ebenfalls 300 Credit Points gefordert werden müssen. Niemand kann mir erklären, dass das Lehramt an einer Grundschule nicht genau so bedeutend ist, wie das in der Sekundarstufe II. Es ist nur ein anderes Studium mit anderen Schwerpunkten."

Einig ist er sich dabei mit der HRK, die in ihrem Beschluss ebenfalls fordert, dass die Ausbildung für alle Schulstufen gleichermaßen zu einem vollwertigen Master mit 300 Leistungspunkten führen soll.

Noch ein langer Weg

Mit der Einführung der neuen Studiengänge haben Lehrende und Studierende aber noch mit einer ganzen Reihe weiterer Probleme zu kämpfen, die noch längst nicht geklärt sind, weiß Prof. Czerwenka und beklagt, dass für die Lehrenden und Studenten die Studien- und Prüfungsbelastungen so hoch geworden sind, dass sie kaum mehr zu bewältigen seien. "Man hätte die Anzahl der Lehrenden um ein Drittel erhöhen müssen, um die Anforderungen zu gewährleisten, das ist natürlich nicht geschehen." Ein überschneidungsfreies Studium, bei dem die Studenten alle Pflichtangebote in der vorgesehenen Zeit wahrnehmen könnten, sei angesichts der weitgehenden Verschulung nahezu unmöglich.

Dennoch sieht die Kultusministerkonferenz die Entwicklung positiv. "Die länderübergreifende Reform der Lehrerausbildung ist auf gutem Wege. Damit sind wir einen entscheidenden Schritt bei der Harmonisierung und Qualitätsentwicklung der Lehrerausbildung vorangekommen", erklärte KMK-Präsident Prof. Dr. E. Jürgen Zöllner nach der 319. Plenarsitzung der KMK im Oktober 2007. Doch manche Wege sind lang und steinig.

Credit Points

Wenn Studienleistungen und Hochschul-Abschlüsse vergleichbar sein sollen, braucht man Maßeinheiten: Die Credit Points. Gemessen wird nach dem European Credit Transfer and Accumulation System (ECTS), das schon 1989 eingeführt wurde. Die Punkte werden allen Komponenten eines Studiengangs zugeteilt, zum Beispiel Modulen, Praktika oder der Abschlussarbeit. Gemäß des ECTS beträgt das Arbeitspensum von Vollzeitstudierenden während eines akademischen Jahres 60 Credit Points. Das sind bei einem zehnsemestrigen Studium 300 Credit Points.

Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart

  • Wege zum Lehrer der Zukunft. Unter diesem Motto steht am 20. Februar der Hochschultag auf der didacta 2008. Experten diskutieren und informieren am Mittwoch von 10:30 bis 17:00 Uhr im Internationalen Congresscenter (ICS), Raum 5.3 über Zustand und Zukunft der Lehreraus-, fort- und -weiterbildung.

Der Beitrag "Die Lehrerausbildung: ein bundesrepublikanischer Flickenteppich" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008


Weiterführende Links

  • Homepage didacta 2008

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