Einfühlsame Väter haben starke Kinder

Wie kommt es, dass sich manche Väter ihren Kindern emotional zuwenden und sie in ihrer Entwicklung unterstützen, während sich andere eher desinteressiert zeigen? Der Göttinger Pädagoge Karl Gebauer, Autor des Buchs "Väter gesucht. 16 exemplarische Geschichten" und der Dissertation "Die Bedeutung innerer Vaterbilder für eine zugewandte väterliche Haltung" wurde im Februar von der Universität Hannover zum Dr. phil. promoviert. Für den Klett-Themendienst fasste Gebauer, der 25 Jahre Rektor der Leinebergschule in Göttingen war, seine Thesen zusammen.

19.04.2004 Pressemeldung Ernst Klett Verlag GmbH

Was Kinder und Jugendliche so über ihre Väter sagen:

"Mein Vater? Ich weiß nicht. Er ist eigentlich gar nicht. Er ist nichts. Er möchte es immer allen recht machen. Hat keine Autorität."
"Mein Papa starb, als ich klein war. Es war furchtbar. Manchmal schaue ich mir Fotos an, dann weine ich." "Ich bin 16, lebe mit meiner Mutter, vermisse meinen Vater nicht." "Mein Vater ist mein Erzeuger. Wir kennen uns nicht besonders gut. In der Erziehung spielt er keine Rolle. Wir verbringen die Wochenenden miteinander." "Mein Vater hat uns verlassen. Vielleicht lag es daran, dass sein Vater auch gegangen ist, als er ein Jahr alt war." (Ausschnitte aus einer am 10. Februar 2003 auf "arte" gesendeten Reportage)

In diesen Äußerungen werden individuelle Schicksale sichtbar. Man könnte danach die Meinung vertreten, ein Vater sei ein merkwürdiger – vielleicht sogar ein verantwortungsloser Geselle. Aber bei den Vätern ist etwas in Bewegung geraten. Sieht man sich die Ergebnisse neuerer Forschungen zum Selbstverständnis von Vätern an, so gibt dies Anlass zu einer optimistischen Sichtweise. Die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung seiner Kinder war und ist Thema in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen der letzten Jahre. Dabei wurde auch die Frage gestellt, wie es kommt, dass sich manche Väter emotional ihren Kindern zuwenden und sie in ihrer Entwicklung unterstützen, während sich andere Väter eher desinteressiert zeigen und auf Distanz gehen.

Väter brauchen Vorbilder

Ob und wie sich ein Vater um seine Kinder kümmert, hängt zum Beispiel davon ab, welches innere Bild er von sich als Mann und Vater entwickelt hat. Ein inneres Vaterbild entsteht in der frühen Kindheit, ist einem ständigen Prozess unterworfen und entwickelt sich aus den Erfahrungen mit dem realen Vater. Für eine gelingende Vaterschaft sind Erfahrungen mit einem emotional zugewandten und anregenden Vater wichtig. Beim Fehlen dieser positiven Erfahrungen kann eine Kompensation über vaterähnliche Personen erfolgen. Diese Aufgabe kann z. B. ein Großvater, ein älterer Bruder oder ein Freund erfüllen.

Vaterschaftskonzept hat sich geändert

In einer für Deutschland repräsentativen Studie wird das Vaterschaftskonzept der Gegenwart auf zwei Typen zugespitzt. Danach rechnen sich 66% der Befragten dem Typ "Vater als Erzieher" und 34% dem Typ "Vater als Ernährer" zu (Fthenakis/Minsel). Mit der letzten Bezeichnung ist gemeint, dass sich der Vater eher um die äußern Belange kümmert, während sich der Vater als "Erzieher" um die gesamte Entwicklung seines Kindes und die Beziehungen innerhalb der familiären Konstellation sorgt.

Ein weiteres sehr wichtiges Ergebnis verweist darauf, dass bei einer guten Partnerschaft der Vatertyp des "Erziehers" vorherrscht. Die Bereitstellung eines "psychischen Raumes" (Grieser) für den Vater durch die Mutter des gemeinsamen Kindes ist eine wichtige Voraussetzung für eine gelingende Vaterschaft. Diese Väter beteiligen sich z. B. an geburtsvorbereitenden Kursen, sind während der Geburt ihres Kindes anwesend und nehmen unmittelbar körperlichen Kontakt zu ihm auf. In der Folge wickeln und pfl egen sie ihre Kinder, nehmen sie auf den Arm und sind auf diese Weise wie die Mutter eine nahe Bezugsperson. In einer vertrauensvollen Beziehung erlebt das Kind, dass es neben der Mutter noch eine weitere Person gibt, die sich anders anfühlt, deren Stimme anders klingt, die aber dennoch Geborgenheit vermittelt.

Väterliches Beziehungsangebot

Zuwendung, Anerkennung, emotionale Achtsamkeit, Anregungen, Geborgenheit, Beziehungsvorbild sind grundlegende Merkmale eines zugewandten Vaters im gesamten Entwicklungsprozess. In den ersten Lebensjahren besteht seine Aufgabe vor allem darin, körperliche Nähe und ein Gefühl von Geborgenheit zu vermitteln. Er ergänzt und erweitert die wichtige Mutter-Kind-Beziehung und ist für sein Kind der "bedeutsame Dritte". Neben der dyadischen Beziehung zur Mutter kann das Kind auch eine Zweierbeziehung zum Vater erleben. So kann der Vater zur Autonomieentwicklung seines Kindes beitragen. In den folgenden Lebensjahren kommt es vor allem auf gemeinsame Aktivitäten und Unternehmungen an: Wenn ein Vater mit seinem Kind in der Natur auf Entdeckungsreise geht, es bei seinen vielfältigen Lernschritten wie Dreirad-, Roller-, Fahrradfahren und beim Schwimmen unterstützt, dann wird er als Vorbild erlebt. Auf diese Weise wird eine tragfähige Beziehung aufgebaut, die eine wichtige Voraussetzung für den später einsetzenden Ablösungsprozess bildet.

Ablösungsprozess erleichtern

Der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenenalter, die Phase der Adoleszenz, ist eine Zeitspanne, in der das innere Bild vom Vater besonders intensiv überprüft und gegebenenfalls verändert wird. Es ist eine Zeitphase, in der heftige Auseinandersetzungen stattfi nden. Gelingt der Prozess der Revision des inneren Vaterbildes während und auch nach dieser Phase, dann führt dies zu größerer Selbstständigkeit, verbunden mit mehr Verantwortungsbereitschaft für die eigene Identitätsentwicklung. Innerhalb dieses Prozesses wird der Vater "entidealisiert" und das heranwachsende Kind lernt es innerhalb dieses Prozesses mehr und mehr, den Vater und schließlich sich selbst realistisch wahrzunehmen.

Sensitivität des Vaters

Neuere Studien haben gezeigt, dass es vor allem die emotionalen Fähigkeiten eines Vaters sind, die eine gelingende Vaterschaft ermöglichen. Der "moderne Vater" zeichnet sich u. a. dadurch aus, dass er sich in die Wünsche und Bedürfnisse der anderen Familienmitglieder einfühlen und diese auch in seinem Handeln berücksichtigen kann. In diesem Zusammenhang ist seine Kommunikationsfähigkeit hinsichtlich der vielen Entscheidungen, die das alltägliche Leben verlangt, gefragt.

Partnerin wirkt unterstützend

Das Konzept einer zugewandten Väterlichkeit hat vor allem dann Chancen, wenn es von der Ehefrau oder Lebenspartnerin unterstützt wird. Für die unterschiedlichen Arrangements einer gelingenden Lebensführung, bei der die Kinder in ihrer Entwicklung gestärkt werden, ist also ein hohes Maß an Kommunikations- und Refl exionsfähigkeit erforderlich. Viele Väter sind nach neueren Untersuchungen dazu bereit und fähig.

Hemmschuh Gesellschaft

Eingeschränkt werden Väter in ihrem Bemühen, sich um ihre Kinder zu kümmern, am ehesten durch die Gegebenheiten der Arbeitsverhältnisse: So entscheiden sich z. B. in Schweden 40% der Väter nach der Geburt eines Kindes für eine Erziehungszeit, während dies in Österreich nur 1,6% und in Deutschland 1,8% tun. Diese geringe Quote ist bedauerlich; wichtig ist jedoch vor allem, dass alle Kinder und Jugendlichen, auch diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit ihren Vätern zusammenleben, regelmäßigen, in den Alltag einbezogenen Kontakt mit dem Vater haben.

Karl Gebauer

Autor/Ansprechpartner

Karl Gebauer
Unterfeldring 33
37083 Göttingen
gebauer-karl@t-online.de
www.gebauer-karl.de

Alle Beiträge auch unter www. klett-themendienst.de www.klett-themendienst.de.| Presseabdruck aller Beiträge honorarfrei/Beleg erbeten | Klett-Themendienst 24 | April 2004

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