Land braucht mehr Studierende und mehr Studienplätze

"Demografische Entwicklung und doppelter Abiturientenjahrgang 2012 stellen große bildungspolitische Herausforderung dar, der wir uns erfolgreich stellen werden"

03.05.2005 Pressemeldung Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg

Der zunehmende Bedarf von Wirtschaft und Gesellschaft an gut ausgebildeten Akademikern einerseits und eine bis 2020 hohe Nachfrage nach Studienanfängerplätzen auf der anderen Seite stellen nach den Worten von Ministerpräsident Günther H. Oettinger und Wissenschaftsminister Prof. Peter Frankenberg eine "große bildungspolitische Herausforderung dar, die wir nur durch eine breite Palette unterschiedlicher Maßnahmen bewältigen können". Dabei gelte es nicht nur die Jahr für Jahr wachsende Zahl an Schulabgängern zu berücksichtigen, sondern insbesondere auch den doppelten Abitursjahrgang, der 2012 durch den ersten Absolventenjahrgang des achtjährigen Gymnasiums zusammen mit dem letzten Jahrgang des neunjährigen Gymnasium entsteht. "Jeder Studieninteressent soll einen Studienplatz erhalten können. Dazu bedarf es einer enormen Kraftanstrengung der Hochschulpolitik, die durch Strukturmaßnahmen mehr Studienplätze schaffen muss, aber auch zusätzlicher Ressourcen für die Hochschulen", sagten Oettinger und Frankenberg am 3. Mai in Stuttgart. "Wir werden uns dieser Herausforderung offensiv und im Ergebnis erfolgreich stellen", betonte der Ministerpräsident.

Hochschulpolitische Maßnahmen und neue Ressourcen gefragt

Die Aufgabe, einer wachsenden Zahl von Studienberechtigten eine anspruchsvolle berufliche Qualifikation zu ermöglichen, müsse schon jetzt angegangen werden, sagte Ministerpräsident Oettinger. Dabei gehe es auch darum, die mit dem achtjährigen Gymnasium erreichte Verkürzung der Ausbildungszeiten nicht dadurch zu gefährden, dass die Absolventen nach Schulabschluss keinen Studienplatz finden und lange Wartezeiten vor dem Studium in Kauf nehmen müssten. "Die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium wird nicht zu Lasten der Schülerinnen und Schüler gehen, die vom "doppelten Abiturjahrgang" betroffen sind. Die Landesregierung wird gemeinsam mit den Hochschulen und Berufsakademien dafür Sorge tragen, dass für sie genügend Studienplätze bereit stehen", erklärte der Ministerpräsident.

Das Hochschulsystem ist nach den Worten von Oettinger und Frankenberg nicht ohne weiteres in der Lage, die mittelfristig steigende Bewerbernachfrage ohne einen zeitlich befristeten Kapazitätsausbau zu bewältigen. "Es ist absehbar, dass die Hochschulen den doppelten Abiturjahrgang nicht mit 'Bordmitteln' werden bewältigen können. Hier müssen wir frühzeitig ein befristetes Übergangsprogramm einplanen", sagte der Ministerpräsident. Folglich seien Maßnahmen im Zusammenspiel von hochschulpolitischen Schritten und neuen Ressourcen notwendig.

So soll

  • die Effizienz des Hochschulsystems durch eine Verminderung der Abbrecherquote verbessert und

 

  • die Erstausbildung an den Hochschulen mit dem Ziel eines frühzeitigen Berufseintritts der Absolventen verkürzt und gestrafft werden und zudem

 

  • die Kapazität der Hochschulen und Berufsakademien auch durch Personalmaßnahmen ausgeweitet werden. So wird die Einführung eines neuen Typs des Hochschullehrers geprüft, der sich nach dem Vorbild des englischen "Lecturer" vorwiegend auf die Lehre konzentriert.

 

  • Eine Arbeitsgruppe der Ministerien erarbeitet momentan einen Katalog von Maßnahmen, um alle Kapazitätsreserven zu mobilisieren. Neben einer effizienteren Nutzung von Raumressourcen und Hörsälen wird auch eine zeitlich befristete Erhöhung von Gruppengrößen im Fachhochschulbereich erwogen. Auch eine vorübergehende Bevorzugung inländischer Studienbewerberinnen und -bewerber gegenüber Studienbewerbern aus Nicht-EU-Staaten wird in Betracht gezogen werden müssen.

 

  • Die entsprechenden Einzelmaßnahmen sollen, dem Kabinettsbeschluss zufolge, vom Wissenschaftsministerium bis Mitte kommenden Jahres entwickelt werden.

Steigende Studiennachfrage bis 2020

Aufgrund der demografischen Entwicklung ist in Baden-Württemberg bis zum Jahr 2010 mit einer zunehmenden Zahl von Schülern mit Studienberechtigung zu rechnen und in Folge dessen mit steigenden Studienanfängerzahlen. Die Zahl der Studienanfänger lag 1990 bei knapp 42.000, im vergangenen Jahr bei 59.500 - dies war eine Steigerung um mehr als 41 Prozent. Für das Jahr 2011 wird mit rund 64.000 Studienanfängern im Land gerechnet, dies wären 53 Prozent mehr als im Jahr 1990. Die Gesamtzahl der Studierenden beträgt derzeit rund 260.000, im Jahr 1990 waren es noch 226.350. Diese Annahmen gehen laut Frankenberg von einer konstanten Studierquote aus und "lassen eventuelle Veränderungen bei der Zahl ausländischer Studierender außer acht".

Zwar werden nach 2012 die relevanten Altersjahrgänge etwas kleiner. Gleichzeitig kommen aber durch die Umstellung auf das achtjährige Gymnasium, die in den Ländern zeitversetzt erfolgt, doppelte Jahrgänge von Schulabsolventen auf die Hochschulen zu.

"Wir rechnen aufgrund der Statistik mit einer sehr hohen Studiennachfrage bis 2020, die auch danach in Baden-Württemberg kaum unter den schon hohen Stand des Jahres 2000 sinken dürfte", erläutere Minister Frankenberg. Noch nicht berücksichtigt seien dabei mögliche positive Impulse aus dem Arbeitsmarkt für die Neigung junger Leute zu einem Studium.

Wissensgesellschaft braucht höhere Qualifikation

Der Ministerpräsident wies darauf hin, dass eine moderne Wissens- und Informationsgesellschaft, die im globalen Wettbewerb bestehen will, auf Hochschulabsolventen und Wissenschaftler in genügender Zahl und Qualität angewiesen sei. Das Fehlen von genügend qualifizierten Hochschulabsolventen werde zu einem Wachstumshemmnis. "Das Land braucht mehr Studierende und mehr Studienplätze, insbesondere in den Ingenieur- und Naturwissenschaften", sagte der Ministerpräsident.

Zudem findet nach den Worten des Wissenschaftsministers zunehmend ein harter internationaler Wettbewerb um die besten Köpfe unter den weltweit agierenden Wissenschaftlern statt. Zusammenfassend habe der von der Landesregierung eingesetzte Beraterkreis Hochschulentwicklung jüngst einhellig festgestellt, dass "in Wirtschaft und Gesellschaft ein klarer Trend zur Akademisierung besteht".


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