Alles nur geklaut?
Debora Weber-Wulff ist Professorin für Medieninformatik an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Sie war u.a. an dem BMBF-Projekt "Virtuelle Fachhochschule" beteiligt.
30.05.2006 ArtikelCopy and paste - der wichtigste Handgriff heutiger Schüler und Studenten beim Verfassen einer schriftlichen Arbeit?
Weber-Wulff: Noch gibt es keine gesicherte Erkenntnisse. Aber zwei Magisterarbeiten, die im Moment in Arbeit sind, versuchen das Ausmaß des Plagiats an deren Fachbereiche zu messen, und es ist erschreckend viel. Im Schulbereich kenne ich keine konkrete Untersuchungen.
Könnte man nicht (etwas ketzerisch) behaupten, dass Plagiieren die konsequente Nutzung der neuen Medien darstellt?
Weber-Wulff: Nein. Plagiat hat es immer schon gegeben, es war nur etwas mühsamer, aus Bücher abzuschreiben. Bei einer Arbeit wird verlangt, dass die SchülerInnen das Thema durchdringen und in eigene Worte wiedergeben können, was verlangt wurde. Das ist völlig unabhängig von irgendwelchen Medien zu sehen. Es kann höchstens sein, dass das Plagiieren etwas einfach geworden ist, dafür aber auch das Nachprüfen durch die Lehrkraft.
Wo und auf welchem Wege beschaffen sich Schüler denn heute die Plagiate?
Weber-Wulff: Sehr plump - entweder sie geben ihr Thema in Google ein und nehmen den nächst besten Treffer (mit z.T. sehr lustigen Fehler, wie der Übernahme in Word mit Links nun als unterstrichene Begriffe, oder sie übersehen, dass die Ursprungs-URL immer noch im Header dasteht!). Oder sie recherchieren kurz in einer der vielen Hausarbeitendatenbanken, kaufen ggf. einen Zugangscode, und nutzen, was sich dort finden lässt, teilweise ohne es noch mal durchzulesen.
Wie lässt sich denn die Grenze ziehen zwischen einer eigenständigen Arbeit und einem Plagiat, oder sind die Grenzen fließend?
Weber-Wulff: Man liest, exzerpiert (also schreibt genau auf, was man wo gefunden hat), legt alle Quellen weg und schreibt dann selber, ggf. anschließend mit richtigen Zitaten würzen.
Was halten Sie persönlich von Hausarbeitenbörsen im Internet, wo man ohne Probleme Arbeiten zu jedem Unterrichtsthema bestellen oder tauschen kann?
Weber-Wulff: Kein Problem - das kann eine Quelle für Informationen oder Inspiration sein. Aber schreiben muss man selber! Der Betrug begeht derjenige, der die Arbeit eines anderen im eigenen Namen abgibt, nicht derjenige, der eine Arbeit publiziert.
Sind Lehrkräfte mit der Situation überfordert?
Weber-Wulff: Ja, weil sie sich vor der Größe des Internets fürchten. Aber mit Suchmaschinen kann man oft guten Erfolge herbeiführen in der Plagiatsbekämpfung.
Kann man überhaupt als Lehrkraft, die ja tagtäglich mit unzähligen Arbeiten konfrontiert wird, Plagiate ausfindig machen?
Weber-Wulff: Recht einfach - das Plagiat liegt vor, man sucht sich 3-5 Substantive aus, gibt sie in der Suchmaschine ein, und schaut sich das Ergebnis an.
Wo liegen da die Pflichten der Lehrkräfte, mit Erkenntnissen über Plagiate umzugehen?
Weber-Wulff: Gerade in den Schulen sollte Copyright, der Umgang mit dem geistigen Eigentum andere Personen, unbedingt Thema sein. Ein Lehrer, Klaus Meyer-Stoll, hat eine Lerneinheit zum Thema entwickelt, die er über meine Site anbietet. Meine Lerneinheit ist kostenlos nutzbar und auch als 4-Stundiger Workshop einsetzbar. So kann man einen Fortbildungstag in eigene Regie organisieren, die Texte sind ja frei. Ich freue mich über Berichte, wie es gelaufen ist! Unter plagiat.fhtw berlin.de/ sammle ich Links und Literatur, und freue mich auf weitere Informationen!
Die Fragen stellte Dirk Frank
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