Anders lernen im virtuellen Klassenraum
Eine dicke Schultasche gefüllt mit Materialien und Arbeitsblättern, die an die Schüler verteilt werden, zeitraubendes Vervielfältigen am Kopierer und schließlich rund 20 verschiedene Arbeitsergebnisse, die seine Schüler im Papierformat abliefern: Das ist Schnee von gestern für Henning Rußbült. Wenn seine Schüler an ihren Projekten arbeiten, dann tun sie das mittlerweile mit dem PC und einer speziellen Lernplattform. Rußbülts Equipment neben einer dünnen Schultasche: höchstens noch ein USB-Stick.
15.12.2011 Artikel
Henning Rußbült unterrichtet Geografie am Hans-Carossa Gymnasium in Berlin. Bereits als Referendar hatte er nach einer passenden Plattform für die Organisation, die Vorbereitung und die Gestaltung des Unterrichts gesucht und er wurde fündig. Bei lo-net², einer Lernplattform, die vor mehr als zehn Jahren von Schulen ans Netz entwickelt worden war, um die Lehrer beim Einsatz digitaler Medien im Unterricht zu unterstützen.
Die Motivation des damaligen Junglehrers war klar. "Ich wollte die Arbeit in der Schule verändern und den Unterricht zielführender gestalten. Dafür bot sich das Internet an, obwohl es damals noch nicht üblich war, auf diese Weise zu arbeiten, Materialien auszutauschen und zu kommunizieren."
Kooperation und Kommunikation
Mittlerweile ist diese Art des Lernens und Lehrens gar nicht mehr ungewöhnlich, schließlich haben PC und Internet in den letzten Jahren Einzug in den Schulalltag gehalten. Für Schüler sind E-Mail, Chat, Wikipedia oder Facebook Alltag. Und viele Lehrer nutzen diese Medien längst für ihre Unterrichtsvorbereitung. Da ist der Schritt zum Einsatz einer Plattform, die auch im Unterricht selbst genutzt werden kann, nicht groß. Unterdessen können Lehrer zwischen verschiedenen Lernplattformen wählen: Es gibt kostenpflichtige Produkte wie Fronter, Open Source Anwendungen wie Moodle und lo-net², das seinem Anspruch treu geblieben ist, den Schulen ein kostenloses System zur Verfügung zu stellen, bei dem Support und Weiterentwicklung garantiert sind. Das Hauptmerkmal all dieser Plattformen: Kooperation und Kommunikation. In virtuellen Klassenräumen treffen sich Schüler und Lehrer zum gemeinsamen Lernen und Arbeiten.
Rußbült gehörte zu den ersten Lehrern, die lo-net² ausprobierten. Mittlerweile nutzt er die Plattform ganz gezielt. "Ich setze dieses Instrument immer dann ein, wenn ich bestimmte Lernziele verfolge, also wenn ich zum Beispiel die Schüler zu höherer Selbstständigkeit trainieren will oder zur besseren Selbstorganisation. Oder wenn ich binnendifferenziert im Unterricht arbeiten muss, dann greife ich auf die Plattform zurück. Dann kann ich einen Sachverhalt in unterschiedlichen Formen darstellen und so verschiedene Lerneingangskanäle ansprechen, also die visuellen, die auditiven oder die haptischen. Die Schüler können ausgewählte Materialien nutzen, sie können sich aber auch weiterführende Materialien über diese Plattform beschaffen und ich kann die einzelnen Schüler über Fragestellungen individuell betreuen."
Gegenseitige Inspiration
Gut ist, dass man unmittelbar mit dem Lehrer korrespondieren kann, erklärt dazu auch Daniel Strackharn. Der Abiturient arbeitet seit rund eineinhalb Jahren mit lo-net². Ein weiteres Plus: Schüler, die bei einer Aufgabe nicht weiter wissen, können sich Inspirationen durch die Arbeiten anderer Schüler holen. Reizt das aber nicht auch zum Abschreiben? Im Gegenteil. "Wenn im lo-net zwei ähnliche Texte hochgeladen werden, fällt es sofort auf."
Auch Rußbült sieht in diesem Austausch einen großen Vorteil. "Die Schüler können jederzeit sehen, was die Mitschüler machen und wie deren Ergebnisse aussehen. So lernen sie, nicht nur die eigenen Leistungen wertzuschätzen, sondern auch die Leistungen ihrer Mitschüler. Ich lege Wert darauf, dass sie gegenseitig ihre Dokumente lesen und bewerten können. Und wenn die Arbeit eines Mitschülers gut ist, dann können sie seine Unterlagen in ihren Ordner ziehen und damit weiterlernen. Das ist ein Prozess, den wir unterstützen."
Auch Eltern profitieren
Aber nicht nur Schüler und Lehrer profitieren von der virtuellen Lernumgebung. Auch Eltern können sich über diese Plattform vernetzen, einen eigenen Gruppenraum einrichten und dort ihre Elternarbeit organisieren. Daneben gibt es noch einen weiteren Vorteil: "Eltern können von zu Hause Einblick in die Unterrichtsarbeit bekommen - es geht also auch um Transparenz von Unterricht ", so Rußbült.
Diese Transparenz kommt auch jenen zugute, die den Unterricht nicht besuchen können, etwa weil sie krank sind. Auch sie haben jederzeit Zugriff auf Materialien und Arbeitsaufträge. "Sonst rennen die Lehrer diesen Schülern häufig mit Arbeitsbögen und Materialien hinterher", weiß Rußbült. "Jetzt habe ich als Lehrer die Sicherheit, dass die Schüler an diese Informationen gelangen, auch wenn sie im Unterricht gefehlt haben." Daniel Strackharn begrüßt es allein schon aus diesem Grund, wenn die Lernplattform in verschiedenen Fächern eingesetzt wird.
Also wird Lernen und Lehren tatsächlich mit einem virtuellen Klassenzimmer einfacher? Das ist die falsche Vokabel, ´zeitgemäßer` ist wohl passender. "Es ist eine andere Form von Unterricht", sagt Rußbült, "die Vorbereitung ist eher etwas umfangreicher und zeitintensiver, dafür habe ich im eigentlichen Unterricht viel mehr Zeit für die Schüler, ich kann mich stärker zurücknehmen und zielgerichteter mit den einzelnen Schülern arbeiten."
Und noch etwas kostet Zeit: die "Übersetzung" von den alten in die Neuen Medien. "Viele Kollegen haben ihre Arbeitsmaterialien verschriftlicht und müssen sie erst noch digitalisieren. Ein einfacher Scan hilft kaum, weil die Schüler diese Materialien nicht weiter bearbeiten können. Man muss sich also auf die Suche nach geeigneten digitalen Materialien machen."
Schüler, diese Erfahrung macht Rußbült immer wieder, sind anfangs begeistert von der Arbeit mit PC und Internet, bis sie merken, wie anstrengend es ist. "Sie sind viel transparenter in dem, was sie tun und was der Lehrer bewerten kann. Das ist ein deutlicher Unterschied zu einer Situation im Klassenzimmer. Denn da kann ich mich als Schüler immer mal zurückziehen."Am Ende eines Jahres könnten die Schüler aber dann ganz deutlich sehen, was sie geleistet haben - und das sei ja letztlich das Entscheidende. Dass das Lernen auf diese Weise gelegentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt, bestätigt auch Daniel Strackharn. "Aber man lernt eine ganze Menge, sowohl was den Stoff angeht als auch im Umgang mit dem PC - es ist anstrengend, aber es macht Spaß."
Über lo-net²
lo-net² ist eine innovative Lernplattform für Schulen, die aus einem Projekt des Vereins Schulen ans Netz hervorgegangen ist. Darin können Lehrer mit ihren Schülerinnen und Schülern sowie mit ihren Kolleginnen und Kollegen in virtuellen Räumen zeitversetzt oder auch synchron kommunizieren, Dateien austauschen, Webseiten erstellen und ihre Projekte koordinieren. Seit November 2010 ist der Cornelsen Verlag neuer Eigentümer der Plattform. Über 100.000 Lehrerinnen und Lehrer und mehr als 1 Million Schüler nutzen derzeit das kostenlose Angebot mit über 30.000 digitalen Unterrichtsmaterialien der Verlage Cornelsen, Duden Schulbuchverlag und Verlag an der Ruhr.
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