Interview

Bewegen macht schlau – wie funktioniert das in der Schule?

(red) Wie wichtig sind Bewegung, Spiel und Sport in der Schule? Was bedeutet die Aussage ´Bewegen macht schlau`? Und wie funktioniert eigentlich die ´Bewegte Schule`? Fragen dazu an Professor Dr. Ralf Laging. Der Marburger Sportwissenschaftler war unter anderem Leiter der länderübergreifenden Forschungsgruppe "Studie zur Entwicklung von Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagsschule".

30.11.2011 Artikel

Herr Professor Laging, Lernen Kinder besser, wenn sie in der Unterrichtsstunde herumhüpfen?

Prof. Ralf Laging: Nein das heißt es nicht. Und vor allen Dingen möchte ich nicht, dass die Kinder den ganzen Tag über im Klassenraum herumhüpfen. Die Frage ist: Wie können wir Bewegung gezielt in den Unterricht bringen und Bewegungskonzepte so entwickeln, dass bestimmte Lerngegenstände, bestimmte Themen auch besser in Bewegung erfahren werden oder dass ihr Lernen durch Bewegungsaktivitäten gefördert wird. Das heißt nicht, dass dies bei jedem Thema und zu jeder Zeit und den ganzen Unterricht über passieren muss, aber es ist eine irrsinnige Annahme, es könne das Lernen ausschließlich im Sitzen im Klassenraum stattfinden, in dem alle ruhig sind.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Prof. Ralf Laging: Für die Grundschule zum Beispiel gibt es eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Bekannt ist z. B. ein Laufdiktat, also: Ich gehe irgendwo hin, merke mir ein Wort und laufe zurück zu meinem Platz. Während ich zurückgehe, bin ich in Bewegung, merke mir dieses Wort und schreibe es dann auf. Oder es gibt so etwas wie Erzählspaziergänge zu einem Thema. Ich fordere die Kinder auf, ein bestimmtes Thema zu einer Frage zu diskutieren, etwas zu besprechen oder zu erarbeiten und dabei zu wandeln: eine ganz alte Form des bewegten Unterrichts. Oder, wenn wir an größere Kinder, an Jugendliche denken, und an das Thema Geschwindigkeit im Physikunterricht denken. Dann kann man auf den Schulhof gehen und mit Inline-Skatern, Fahrrädern oder laufend wird Geschwindigkeit zunächst mal erfahren, um dieses anschließend zu einem Thema zu machen, was leiblich selbst erfahren worden ist. Und so gibt es eine Vielzahl von Beispielen, wie ich Themen auch in Bewegung übersetzen kann.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang dann noch der Sportunterricht?

Prof. Ralf Laging: Der Sportunterricht kann diese Form von Bewegungsaktivitäten im Klassenraum nicht ersetzen. Der Sportunterricht hat zunächst einmal die Aufgabe, eine bestimmte sportliche Handlung, eine bestimmte sportliche Situation zu üben. Dafür gibt es Unterrichtskonzepte, der Sport an sich trägt seine Sinnhaftigkeit im Bewegen selbst. Wenn wir aber in den Klassenraum gehen, dann wollen wir Bewegung vollziehen, weil wir unser Lernen unterstützen wollen. Das heißt, hier gibt es einen Zweck auf etwas anderes hin bezogen. Das heißt: Wir setzen Bewegung ein. Und im Sport ist die Bewegung Selbstzweck, nämlich die sportliche Handlung und die Sinnhaftigkeit, die das langfristig trägt, liegt darin, dass ich diese Bewegung an sich erfahren möchte und nicht, weil ich damit besser Mathematik lernen möchte. Das würde ich nicht in der Sporthalle machen.

Der Sportunterricht ist also unverzichtbar?

Prof. Ralf Laging: Ja und mehr. Über den Sportunterricht hinaus müssen im gesamten Schulgelände durch eine entsprechende Ausstattung Gelegenheiten für Bewegung geschaffen werden: für Basketballspiele, für Volleyball, für Rollgeräte oder für Balanciergeräte. Das alles muss für Kinder und Jugendliche im Schulgelände möglich sein. Es braucht auch die Kooperation mit den außerschulischen Partnern, vor allen Dingen mit den Vereinen. Hier müssen Schulen und Vereine zusammenkommen, um Angebote zu unterbreiten - insbesondere an Ganztagsschulen.


Weiterführende Links

  • Homepage Prof. Ralf Laging

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