Bildungsprobleme nicht durch Aktionismus kaschieren
(bikl) Kostenpflichtige Kindergärten, die frühe Aufteilung der Schüler auf verschiedene Schultypen, die mangelnde Integration von Ausländerkindern und der enge Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg, das waren die zentralen Kritikpunkte des Uno-Sonderberichterstatter Vernon Muñoz Villalobos, nachdem er Ende Februar das Schulsystem in Deutschland unter die Lupe genommen hatte. Die erste Aufgeregtheit über diese (im Prinzip nicht neuen) Probleme hat sich bei Bildungspolitikern und Verbänden rasch wieder gelegt. Werden sie also weitgehend wirkungslos bleiben? bildungsklick.de sprach mit dem Vorsitzenden des Bundeselternrats, Wilfried Steinert.
03.03.2006 ArtikelHerr Steinert, Sie haben mit Vernon Muñoz über das deutsche Bildungssystem gesprochen – gab es Gemeinsamkeiten in der Einschätzung?
Steinert: Zunächst haben wir unsere Sorgen als Eltern vorgetragen. Das war zum einen das Thema Föderalismus, dass Bildung in Deutschland zur Beliebigkeit von 16 Zentralismen verkommt und zum anderen die Befürchtung, dass nicht mit wirklichen Anstrengungen versucht wird, die soziale Schere zu schließen.
Haben Sie auch über den konkreten Schulalltag gesprochen?
Steinert: Ich nehme nur mal ein Beispiel, das wir ihm vorgestellt haben und worüber er sehr erschrocken war: Dass jetzt einige Bundesländer Schulschwänzer per Polizei abholen und wenn das nichts hilft, den Eltern ein Zwangsgeld verordnen. Dabei ist klar: Diese Kinder kommen fast ausschließlich aus den ärmeren Schichten, den sozial Schwächeren oder den Migrantenmilieus. Da helfe ich mit Bußgeldern nicht, sondern hier muss ich pädagogisch oder mit Unterstützung des Jugend- und Sozialamtes reagieren. Und nur, wenn ich diesen Schülern eine Brücke schaffe, wieder den Sprung in ein sozial gesichertes Verhältnis zu kommen, dann kann ich überhaupt etwas ausrichten.
Haben sie denn auch über den zentralen Streitpunkt deutscher Bildungspolitik gesprochen, über das geliederte Schulwesen?
Steinert: Wir haben dieses Thema bewusst nicht angesprochen, weil wir dachten, das müssen wir innerhalb Deutschlands diskutieren und waren umso erstaunter, dass Herr Muñoz das gefordert hat, was wir als Bundeselternrat schon lange fordern, dass wir in Deutschland darüber nachdenken müssen, ob unsere Schulstruktur hilfreich ist. Und wir meinen, dass dringend eine ergebnisoffene Diskussion in der Gesellschaft stattfinden muss und nicht ein ideologisches Beharren auf Positionen.
Ihre Einschätzung nach dem Besuch. War er hilfreich für die weitere bildungspolitische Entwicklung in Deutschland?
Steinert: Zunächst einmal ist es immer gut, wenn wir von außen wahrgenommen werden, und wir tun gut daran, diese Stimmen auch zu hören und nicht abzuqualifizieren. Es ist eine wichtige Stimme, die aus einer großen Erfahrung herauskommt und mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Wir müssen uns fragen lassen, wie viel kaschieren wir eigentlich durch unseren Aktionismus und durch unsere Hektik und wie wenig halten wir inne, um wirklich zu gucken, was brauchen wir? Bestes Beispiel ist die Reform des Föderalismus im Bereich Bildung. Wir fordern ja zusammen mit der GEW und dem Verband Bildung und Erziehung ein Moratorium, dass man in Ruhe darüber nachdenkt: Was wollen wir eigentlich, was für eine Vision von Bildung haben wir eigentlich? Die Kritikpunkte sind ja im Grunde genommen die vier Grundforderungen: Kostenfreie frühkindliche Erziehung und Bildung, nicht zu frühe Selektion, mehr Anstrengung die soziale Schere zu überwinden, und Überwindung des Föderalismus. Wenn das von allen Seiten kommt, müssen wir doch endlich mal sagen Halt – hier müssen wir nun wirklich intensiver nachdenken. Und ich habe immer noch die Hoffnung, dass die Politik die Realität wahrnimmt
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