"Das klassische Schulbuch ist kein Auslaufmodell"
(red) Ob Globalisierung, Energiewende, Verbraucherbildung oder Geometrie in der Grundschule -mittlerweile können sich Lehrer im Netz aus einem riesigen Fundus an kostenlosen Unterrichtsmaterialien bedienen. Trägt dieses Angebot zur Verbesserung und zur Aktualität des Unterrichts bei? Unterstützt es die Lehrer oder fühlen sie sich von dieser Fülle eher überfordert? Wie lässt sich die Qualität der Materialien überprüfen? Das Forschungsprojekt "Bildungsmedien online" der Universität Augsburg geht seit 2011 diesen Fragen in einer umfangreichen Analyse nach. Wir haben Prof. Dr. Eva Matthes, die zusammen mit Prof. Dr. Dr. Werner Wiater das Projekt leitet, nach bisherigen Ergebnissen befragt.
13.03.2014 ArtikelFrau Matthes, kostenlose Lernmedien, von jedermann erstellbar und von jedermann jederzeit im Internet abrufbar, werden immer häufiger angeboten. Ist das klassische Schulbuch ein Auslaufmodell?
Eva Matthes: Das klassische Schulbuch ist insofern kein Auslaufmodell, weil für eine Vielzahl von Fächern nach wie vor der Bedarf nach einem Medium besteht, das den Unterrichtsstoff im Blick auf die gültigen Lehr- und Bildungspläne strukturiert, systematisch aufbaut und damit auch gewissermaßen verbindlich absichert. Das gilt genauso, wenn nicht sogar noch mehr, auch für Bildungs- und Lehrpläne, die einen stärkeren Fokus auf Kompetenzen legen und diese Schritt für Schritt im Unterricht vermitteln möchten. Lernmedien aus dem Internet – so unsere Erfahrung – sind praktisch ausschließlich auf spezielle Themen und Unterrichtseinheiten zugeschnitten und können diese "Metaperspektive" nicht leisten. Ein Schulbuch abgestimmt auf Bildungs- und Lehrpläne zu erstellen ist eine hochkomplexe Angelegenheit, an der eine Reihe von Personen mitwirken, die spezielle Expertise und Erfahrung in unterschiedlichen dafür relevanten Gebieten aufweisen. Hier kommt "jederman/jedefrau" schnell an seine/ihre Grenzen.
Auch unsere Lehrerbefragungen zeigen, dass das Schulbuch vor allem in den Fächern Mathematik, Englisch, Geschichte, Deutsch (in absteigender Häufigkeit) noch sehr häufig genutzt wird und durchaus noch die Funktion des Leitmediums hat. Es gibt allerdings auch Fächer, im Bereich der Naturwissenschaften, oder im Heimat- oder Sachunterricht der Grundschule, wo kostenlose Bildungsmedien aus dem Internet häufiger genutzt werden als Schulbücher.
Die Lehrerausbildung lässt im Bereich der Analyse von Lehrmitteln zu wünschen übrig
Gibt es Richtlinien oder Instanzen zur Sicherung der Qualität von Lernmedien? Und werden Lehrer im Studium gezielt ausgebildet, um die Qualität von Lehr- und Lernmitteln zu beurteilen?
Eva Matthes: Richtlinien bzw. Qualitätsanforderungen, wie sie im Rahmen der Zulassungsverfahren für Schulbücher geltend gemacht werden, gibt es bisher nicht. Einige Bundesländer nehmen im Rahmen ihrer Online-Angebote (Landesbildungs- bzw. Landesmedienserver) eine Selektion von Lernmedien vor, in der Regel jedoch, ohne diese ausführlich und systematisch zu prüfen. Vereinzelt werden dort auch themen- oder kompetenzspezifische Angebote gemacht, bei denen aus fachlicher und didaktischer Perspektive gezielt qualitätsvolle Lehr-/Lernmittel (Best Practice) selektiert werden. Es gibt außerdem den Materialkompass der Verbraucherzentrale, in dem einige hundert Lernmedien zum Thema Verbraucherbildung auch unter kritischer Perspektive untersucht und bewertet wurden.
Was die Lehrerausbildung anbelangt, so mussten wir im Rahmen unserer Recherche zu universitären Seminarangeboten feststellen, dass Lehrmittel hier nur eine marginale Rolle spielen. Erst recht, wenn es um die Erstellung oder die kritische Beurteilung derselben geht. Hier ist, im Blick auf die sich verändernde Landschaft der Lernmedien, sicher ein Handlungsbedarf gegeben, um diese Kompetenz in der Lehrerausbildung anzuregen. Man kann dabei jedoch nicht erwarten, dass hier die erste Phase der Lehrerausbildung ausreicht. Wir sehen im Rahmen unserer Beschäftigung mit Online-Lernmedien, wie viel fachliches und teilweise auch gesellschaftlich-politisches Wissen hier nötig ist, um die "Spreu vom Weizen" trennen zu können.
Nochmals schärfer formuliert: Die Lehrerausbildung lässt im Bereich der (kritischen) Analyse von Lehrmitteln zu wünschen übrig. Der Bereich müsste in den Fachdidaktiken und in der Allgemeinen Didaktik fest verankert werden, dafür müssten diese ein höheres Stundendeputat im Lehramtsstudium bekommen!
Die Digitalisierung steht der Qualitätsfrage nicht im Weg
Welche Rolle spielen die Verlage bei der Sicherung der Qualität von Unterrichtsmaterialien und wie werden sie diese Funktion vor dem Hintergrund der Digitalisierung der Medien in Zukunft wahrnehmen können?
Eva Matthes: Die Verlage verfügen einerseits über langjährige Erfahrung, andererseits - und das ist wohl noch wichtiger - haben sie die Möglichkeit, zur Erstellung von Unterrichtsmaterialien Teams zu bilden, die für den konkreten Bedarf über Expertise verfügen. Dabei sollte nicht vergessen werden, dass die Verlage diese Unterrichtsmaterialien unter verschiedenen Gesichtspunkten einer Qualitätskontrolle unterziehen können: aufgrund der Qualitätsanforderungen, die heute mit der Zulassung von Schulbüchern verbunden sind und aufgrund des Wettbewerbs, dem sie bezogen auf die Lehrkräfte ausgesetzt sind, die über die Anschaffung dieses Schulbuchs entscheiden. Bereits jetzt machen sehr viele Verlage digitale Zusatzangebote, einmal auf ihre Bücher bezogen, aber auch darüber hinaus, indem zum Beispiel aktuelle Themen aufgegriffen werden, die im Schulbuch nicht enthalten sind. Die Digitalisierung steht der Qualitätsfrage, was die Verlage angeht, grundsätzlich sicher nicht im Weg. Solange die Verlage ihre Arbeit weiter finanzieren können, und die entsprechende staatliche Unterstützung bekommen, sehe ich hier kein Problem.
Das Forschungsprojekt "Bildungsmedien online"
Das dreijährige Forschungsprojekt "Bildungsmedien online" an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg unter Leitung von Prof. Dr. Eva Matthes und Prof. Dr. Dr. Werner Wiater ist im Jahr 2011 gestartet. Ziel ist, den neu aufkommenden Markt für kostenlose Lehrmaterialien im Internet zu untersuchen und Kriterien für die Bewertung dieser Materialien aufzustellen.
Abstracts mit den bisherigen Forschungsergebnissen:
- Marktanalyse von kostenlos angebotenen Online-Lehrmaterialien
- Qualitative Analyse von kostenlos angebotenen Lehrmaterialien aus dem Internet
- Clusteranalyse "Nachhaltige Entwicklung" und "Soziale Marktwirtschaft"
- Lehrerbefragung "Kostenlose Bildungsmedien online"
Dazu auf der didacta 2014 in Stuttgart
25.03.2014
Digitaler Content: Der richtige Blend von frei verfügbaren und kommerziellen Inhalten und wie kommt beides in die Schulen?
Wo bleiben die digitalen Inhalte? Verlage sind noch verhalten, während Open Educational Resources (OER) versprechen, das Tor für digitale Inhalte weit aufzustoßen. Doch sind sie didaktisch einsetzbar, wer achtet auf die Qualität und vor allem wie kommen digitale Inhalte in die Schule und auf alle Endgeräte? Rahmenbedingungen wie Interoperabilität, Qualitätssicherung, Konformität mit Lehrplänen, Copyright und Lizenzen müssen geklärt werden, ebenso bei den Verlagsinhalten. Ist die richtige Mischung - Blend - zwischen Verlagsinhalten und frei verfügbaren Inhalten ein gangbarer Weg und welche Modelle kann es dafür geben? Auf dem Podium diskutieren: Christine Hauck (Cornelsen Schulverlage und Vorsitzende des Bündnis für Bildung e. V.), Ingo List (Antares GmbH), Simon Köhl (Serlo e. V.), NN Piratenpartei, angefragt, NN FWU angefragt. Moderation: Harald Melcher, m2more GmbH, angefragt.15: 45 - 16:30 Uhr, Forum didacta aktuell, Halle 4, Stand C4827.03.2014
Gratis ist besser als umsonst lernen
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