„Das Nachschlagewerk wird als Buch noch eine ganze Weile überleben“

(bikl) Vor einem Jahr hat das Bibliographische Institut der Öffentlichkeit die 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie vorgestellt. Inzwischen sind alle 30 Bände des Gesamtwerks erhältlich. Ein Anlass für bildungsklick.de, mit dem Vorstandssprecher des Verlags, Dr. Alexander Bob, eine erste Bilanz zu ziehen und in die Zukunft zu schauen.

03.10.2006 Artikel
  • © F.A. BROCKHAUS AG

bildungsklick.de: Herr Dr. Bob, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse 2006 meldet die Pressestelle des Verlags die Komplettierung der Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden. Waren die vergangenen 12 Monate eine gute Zeit für Enzyklopädien?

Bob: Mit der 21. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie in gedruckter, aber auch in multimedialer Form, haben wir zum 200 jährigen Brockhaus Jubiläum noch einmal ein klares Statement für das Medium Buch abgegeben und sind mit einer großen Aufmerksamkeit belohnt worden. Ein Jahr nach Erscheinen der ersten Bände haben wir etwa 50 Prozent mehr verkauft als im ersten Jahr der 20. Auflage. Interessant ist dabei auch, dass die elektronische Version der Enzyklopädie auf dem USB Memory-Stick offensichtlich nicht nur technisch affine Menschen begeistert sondern auch bibliophile Menschen. Dort haben wir häufig das Argument gehört: „Ich habe für 30 Bände Enzyklopädie zu Hause gar keinen Platz mehr.“

Stick-Format mit Zusatznutzen


bildungsklick.de: Also der klassische Buchkäufer und der Stickkäufer unterscheiden sich gar nicht so sehr?

Bob: Wir haben schon das Phänomen, dass die primären Stickkäufer keine Buchkäufer mehr sind. Nach Sinus-Milieus würde man wahrscheinlich sagen, es sind die primären Performer, die angesprochen werden. Wir haben aber andererseits auch nicht wenige Stickkäufer, die sich statt für das Buch bewusst für dieses Medium entschieden haben. Entweder aus Platzgründen, oder weil sie sagen, „Ich habe die 20. Ausgabe in gedruckter Form und ich kaufe mir jetzt eine elektronisch-multimediale Ausgabe mit all dem Zusatznutzen, den diese Version hat.“

bildungsklick.de: Haben Sie mit dem Stick auch eher jüngere Käufer erreichen können?

Bob: Wir haben eine Spaltung in für Enzyklopädie-Käufer eher Jüngere, zwischen 30- bis 35-Jährige, die sagen, ich hole mir das Wissen der Welt auf diesem Stick, weil das ist schick und modern. Und dann gibt es eine Gruppe mit sehr bibliophilen - etwas älteren - Käufern, für die bereits vorab die Entscheidung für diese Enzyklopädie feststand, die sich dann aber anstatt für das Buchmedium für die elektronische Version entschieden haben.

Eine Enzyklopädie, die nach einer Enzyklopädie aussieht


bildungsklick.de: Die 21. gedruckte Ausgabe ist eher klassisch im Outfit geblieben. Eine Konzession an diese Nutzergruppe?

Bob: Doch sicher. Wir haben bei der Außengestaltung des Werks am Anfang ganz verwegene Entwürfe gehabt, zum Beispiel eine in Leuchtstoff gekleidete Enzyklopädie, die im Regal bei Dämmerlicht von sich aus leuchtet. Das fanden viele von uns faszinierend und natürlich wäre es sehr innovativ geworden. Aber dann stellt sich die Frage: Wie viele Leser erreichen wir mit dieser innovativen Fassung und wie viele vergraulen wir uns, die damit überhaupt nichts anfangen können? Letztlich setzte sich das Argument durch: Die Käufer einer Enzyklopädie wollen eine Enzyklopädie, die auch nach einer Enzyklopädie aussieht.

Redaktion arbeitet auf hohem Niveau weiter


bildungsklick.de: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, wie wird denn die 22. Auflage der Brockhaus Enzyklopädie aussehen?

Bob: Wir haben jetzt die letzen Bände der 21. Auflage fertiggestellt, die Redaktion hat ihre Arbeit abgeschlossen, die Bände sind rechtzeitig zur Buchmesse erschienen. Wir sind mit der Entwicklung zufrieden und das ist natürlich die wichtigste Voraussetzung dafür, dass es weitergeht. Wir sammeln permanent weitere Ideen. Eine Aussage dazu: Anders als ursprünglich geplant haben wir im Grunde genommen die um 30 bis 35 Personen aufgestockte Redaktion in Leipzig zum Jahresende nicht reduziert, sondern fast auf dem hohen Niveau der Bearbeitung der 21. Auflage erhalten.

bildungsklick.de: Dem Buchformat wird man vorerst treu bleiben, wird aber der Erfolg des USB-Sticks auch neue Formate fördern?

Bob: Auch wenn der Stickverkauf überplanmäßig ist, muss man doch klar sagen, dass das Verhältnis zur gedruckten Ausgabe bei 1 zu 5 oder 1 zu 6 liegt. Das ist also immer noch sehr viel mehr Buch. Das Buch ist auch höherwertig und teurer als der Stick. Man kann also nicht sagen, der Stick löst das Buch ab. Viele Menschen wollen nach wie vor dieses Haptische. Sie wollen etwas in die Hand nehmen können. Sie wollen es schwarz auf weiß haben. Und alle Familienmitglieder, egal wie groß, wie alt, egal wie technisch affin, wollen damit umgehen können. Deswegen glaube ich, dass das Nachschlagewerk als Buch noch eine ganze Weile überleben wird. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in einem halben Jahr 100.000 Exemplare eines Nachschlagewerkes für 245 Euro ihren Abnehmer finden. Und das sehe ich im Augenblick für entsprechende elektronische Medien eher weniger.

Suchergebnisse vergleichbar machen


bildungsklick.de: Und Sie suchen oder entwickeln keine anderen Möglichkeiten, um näher an das elektronische Medium heranzukommen?

Bob: Doch, natürlich. Wir arbeiten im Augenblick daran, dass die Inhalte, die wir in der Brockhaus Enzyklopädie online anbieten, im Internet besser wahrgenommen werden können und die Nutzer keine Hürde überwinden müssen, die natürlich jedes Bezahlsystem im Internet darstellt. Zumindest den Besitzern der Brockhaus Enzyklopädie möchten wir eine Art Eingabefeld bieten, um in Google und auf dem Desktop - und damit in der Brockhaussubstanz, die sie besitzen - zu suchen, sodass sie dann im Zweifelsfall die Googletreffer und die Enzyklopädietreffer parallel angezeigt bekommen und vergleichen können. An solchen Themen arbeiten wir, aber das ist dann mit Sicherheit eher ein Thema für die nächsten Jahre als für dieses.


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden