„Der Medienkonsum beginnt oftmals vor dem kritischen Hinterfragen.“
Fake News sind ein zentrales Thema des digitalen Zeitalters. Gezielte Falschnachrichten beeinflussen Wahlen, schüren Hass und zerstören mitunter private Existenzen.
14.06.2022 Bundesweit Artikel BEGEGNUNG, Sascha Schüler, Sahra AminiSebastian Seitner ist Referatsleiter der medienpädagogischen Unterstützungssysteme am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg. Im Interview mit Sahra Amini und Sascha Schüler spricht er darüber, wie Kinder und Jugendliche im Unterricht früh für Desinformation sensibilisiert werden können.
Herr Seitner, warum haben Fake News in der jüngeren Vergangenheit so an Brisanz gewonnen?
Wir sehen, dass Kinder und Jugendliche vermehrt über die sozialen Medien kommunizieren und sich dadurch Nachrichten aller Art sehr viel schneller verbreiten. Die Informationsflut, mit der sie umgehen müssen, ist massiv gestiegen. Unter diesen Informationen befinden sich viele Halbwahrheiten, Lügen und Falschaussagen. Daneben gibt es aber auch richtige Statements. Das macht es umso schwieriger herauszufiltern, was richtige Nachrichten und was Falschmeldungen sind.
Warum ist es wichtig, Falschnachrichten in der Schule zu behandeln?
Lehrkräfte müssen im Schulalltag häufig Falschnachrichten korrigieren. Kinder vertreten dann beispielsweise eine Position, die gegebenenfalls gar nicht stimmt und beharren auf ihrer Meinung. So eine Falschmeldung wird ja oftmals in sozialen Netzwerken gefunden und „geliked“. Deshalb fühlen sich Kinder bestärkt, weil sie nicht die einzigen sind, die so denken. Sie fühlen sich nicht mehr isoliert, sondern stark: Tausende Leute haben das schon für gut befunden. Wieso soll das jetzt falsch sein? Es ist oft schwierig, aber wichtig, einen gewissen Abstand beziehungsweise eine Reflektions- und Kritikfähigkeit zu entwickeln.
Sebastian Seitner vom Landesmedienzentrum Baden-Württemberg setzt sich als Projektleiter der Kampagne „Bitte Was?! Kontern gegen Fake und Hass“ für Respekt, Vielfalt und Toleranz im Netz ein.
Welche Kompetenzen benötigen Schülerinnen und Schüler, um Fake News zu erkennen?
Wesentlich ist definitiv die Informationskompetenz. Wie gehe ich mit Informationen um vor allem aus dem Web? Dafür muss man ein kritisches Bewusstsein entwickeln. Da unsere Welt in einer immer höheren Geschwindigkeit digitalisiert wird, bedarf es als Schlüsselqualifikation natürlich auch der Medienkompetenz und daher der Medienbildung an den Schulen.
Aber wie erlernen Schülerinnen und Schüler dieses kritische Bewusstsein?
Um kritisch hinterfragen zu können, müssen die Schülerinnen und Schüler in der Lage sein, den Wahrheitsgehalt einer Nachricht einzuschätzen. Dafür gibt es vier Kriterien, die Lehrkräfte mit ihnen durchgehen sollten: Zunächst ist das der Fokus auf die Quelle. Kinder und Jugendliche sollten primär überprüfen, wer eigentlich hinter Inhalten steckt. Ist das eine Privatperson? Eine Agentur? Wenn ja, um welche Agentur handelt es sich? Das zweite ist der Faktencheck: Stimmt das überhaupt, was da behauptet wird? Gibt es andere Quellen, die vielleicht etwas anderes aussagen? Kinder sollen nicht nur eine vorgefertigte Meinung konsumieren, sondern auch über den Tellerrand hinausschauen und eine zweite oder dritte Meinung einholen. Dann sollten sie prüfen, ob sich diese Meinungen decken. Drittens gibt es das sogenannte Clickbaiting, bei dem mit bestimmten Bildern oder provokanten Überschriften versucht wird, die Rezipienten fehlzuleiten. Es gilt also auch, Titel, Bilder und deren Unterschriften mit dem Inhalt abzugleichen. Passen die überhaupt zusammen? Zuletzt sollte immer auch nach der Aktualität geschaut werden. Ist die verbreitete Nachricht aktuell oder stammt sie gegebenenfalls aus einem früheren Zeitraum? Um dies festzustellen, kann man beispielsweise Filter bei Suchmaschinen einstellen, um Zeiträume einzugrenzen.
Wie kann man Falschnachrichten am besten im Unterricht behandeln?
Da gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, der Bildungsplan lässt Lehrkräften hier viel Spielraum. Ein Ansatz ist es, Kinder im Unterricht direkt mit solchen Meldungen zu konfrontieren. Ein anschauliches und aktuelles Beispiel waren die Bundestagswahlen: Da konnte man gar nicht aufhören, die Falschmeldungen zu zählen. Es gilt, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, inwiefern diese Prozesse Einfluss auf die Demokratie nehmen. Anhand der Meldungen kann man dann darüber diskutieren, was daran falsch sein könnte, warum das so ist und welche Konsequenzen das hat. Diese Frage ist besonders zentral, wenn es um personenbezogene Falschmeldungen geht, die unter die Gürtellinie gehen. Man muss aufzeigen, was das mit den betroffenen Personen macht, wie belastend das sein kann und Lösungsansätze entwickeln, wie in solchen Situationen zu reagieren ist.
Unter dem Namen „Bitte Was?! Kontern gegen Fake und Hass“ soll mit Schulworkshops und Social Media-Content ein Zeichen gegen Hass und Falschmeldungen in sozialen Netzwerken gesetzt werden. Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg führt die Kampagne im Auftrag des Staatsministeriums, in enger Abstimmung mit dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport, durch. Unterrichtsmaterialien und weitere Informationen finden Sie auf www.bitte-was.de.
Welche Möglichkeiten bieten sich noch an?
Es gibt unterschiedliche „Fake News-Generatoren“. Da können Schülerinnen und Schüler einfach selbst Fake News erstellen und der Klasse präsentieren. Danach lässt man die Mitschülerinnen und Mitschüler in einem Plenum entscheiden, ob es sich um eine wahre oder falsche Meldung handelt. Das ist ein spielerischer Ansatz, mit dem man sehr leicht in das Thema einführen kann. Lehrkräfte können aber auch in ihre Klasse reinhören und gemeinsam Beispiele finden, wie Fake News entstehen. Beispielsweise kursieren bei den Jugendlichen aus dem Kontext gerissene Aussagen, dass die Lehrkraft ihre Lieblingsschüler habe oder Noten bereits feststünden. So etwas lässt sich wunderbar als Einstieg verwenden, wenn man ein gewisses Gespür für seine Klasse hat. Es gibt ein breites Spektrum an Möglichkeiten – das ist das Schöne daran.
In welchen Fächern lässt sich Medienkompetenz am besten vermitteln?
Vor allem im Deutsch- oder Gemeinschaftskundeunterricht bietet sich das Thema an, dort ist es auch im Lehrplan explizit ausgewiesen. Im Deutschunterricht kann man Medien hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit prüfen, Quellen- oder Recherchearbeit betreiben. In Gemeinschaftskunde geht es um politische Willensbildung und den Einfluss der Medien. Da kann man beispielsweise Falschnachrichten über einen bestimmten Politiker thematisieren. Auch im Fremdsprachenunterricht lässt sich das Thema aufgreifen und damit verknüpfen, dass die Schülerinnen und Schüler ausländische Medienanbieter kennenlernen. Ebenso kann man Nachrichten aus unterschiedlichen Ländern vergleichen. Im Kunstunterricht wiederum ist Bildmanipulation natürlich ein ganz großes Thema. Schülerinnen und Schüler können dort selbst falsche Bilder erzeugen oder mit Filtern herumspielen, um ein Gespür für die Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen bei Falschmeldungen gearbeitet wird. Generell lassen sich moderne Medien natürlich vorzüglich nutzen, um beispielsweise ein Video mit einer Falschaussage aufzunehmen oder eine Nachrichtensendung selbst zu drehen.
Wie viel Wissen haben Schülerinnen und Schüler in der Regel schon vorab über Falschnachrichten?
Es ist eine Frage der Klassenstufe und des individuellen Lernstands, wie reflektiert Kinder und Jugendliche mit diesem Thema umgehen. Man ist teilweise erstaunt, wie gut manche von ihnen schon in jungem Alter informiert sind. Allerdings zeigt sich, dass der Konsum von Medien oftmals vor dem kritischen Hinterfragen beginnt. Die Spannweite ist groß, das ist sicherlich auch eine Herausforderung für die Lehrkräfte. Sie müssen Theorie und Praxis verbinden.
Wo können sich Lehrkräfte informieren, wie sie Falschnachrichten im Unterricht behandeln sollten?
In der Lehrerausbildung erlernen angehende Lehrkräfte wie digitale Medien fachspezifisch und didaktisch sinnvoll eingesetzt werden können. Dies dient vor allem der Stärkung der Medienkompetenz sowie der Festigung von medienpädagogischem und mediendidaktischem Basiswissen. Dabei geht es nicht nur darum, selbst Medienprodukte zu erstellen, auch Medienreflektion, kritisches Hinterfragen und rechtliche Aspekte beim Einsatz digitaler Medien sind zentrale Bestandteile. Zusätzlich gibt es spezifische Fortbildungen zum Thema Fake News für Lehrkräfte. Einige Landesregierungen fahren Kampagnen, wie man mit Fake News und Hass im Netz umgehen kann. Dort werden auch Lehrmaterialien bereitgestellt.
Die Lehrkräfte müssen sich also proaktiv darum kümmern?
Ja. Es gibt allerdings auch Schulen, die den Umgang mit digitalen Medien an pädagogischen Fachtagen thematisieren. Dort werden beispielsweise externe Referierende eingeladen und halten Vorträge zu Verschwörungstheorien oder Cybermobbing. Auch das ist eine Möglichkeit, die Thematik generell in den Schulkontext einzubinden. So kann beispielsweise ein ganzes Kollegium erreicht werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Das Portal „Stopp Fake News!“ auf dem Niedersächsischen Bildungsserver liefert Informationen und Materialien für den Schulunterricht unter: www.stop-fake-news.nibis.de.
Wie kommen Lehrinhalte zu Fake News bei Schülerinnen und Schülern an?
Alles, was mit den sozialen Netzwerken zu tun hat, trifft bei Kindern und Jugendlichen auf großes Interesse. Das können Youtuber, Influencer oder TikToker sein, vor allem aber die allgemeine Kommunikation in den sozialen Netzwerken ist ein attraktives Thema. Das finden Schülerinnen und Schüler gegebenenfalls spannender, als eine mathematische Formel auswendig zu lernen. Es trifft ihre Lebenswirklichkeit, denn ein Großteil von ihnen ist schon einmal mit Falschmeldungen in Kontakt gekommen.
Wie wichtig ist es für den demokratischen Prozess, dass Falschnachrichten in den Schulen behandelt werden?
Es ist vor allem ein sehr wichtiges Thema, was den gesellschaftlichen Zusammenhalt betrifft. Da geht es um die Manifeste der Demokratie per se. Falschmeldungen untergraben zum Teil massiv die demokratischen Werte. Durch sie werden Hass- und Hetzkampagnen betrieben. Es ist extrem wichtig, dass sich Kinder und Jugendliche, aber eben auch wir Erwachsenen stetig hinterfragen. Wir alle müssen Meldungen kritisch begutachten. Das ist auch ein Appell an uns selbst. Hinterfragen wir Meldungen, oder konsumieren wir sie nur noch? Gerade für Kinder und Jugendliche ist es wichtig, dass sie so früh wie möglich für das Thema sensibilisiert werden.
Dieser Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift „BEGEGNUNG – Deutsche schulische Arbeit im Ausland" 2-2021 veröffentlicht.
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