"Es müsste heißen: Auf den Schüler kommt es an"
(red) Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat vor zwei Jahren mit seinem Buch "Lernen sichtbar machen" große Aufmerksamkeit geweckt. War doch der Kern seiner Erkenntnisse, dass die Lehrperson und weniger die Rahmenbedingungen oder die Schulstruktur für den Lernerfolg der Schüler ausschlaggebend sind. Was bedeutet das für die Schulpraxis, für die tägliche Arbeit der Lehrer und welche Verantwortung haben eigentlich die Schüler? Das wollten wir von Hilbert Meyer, emeritierter Professor für Schulpädagogik an der Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg, wissen.
18.02.2015 ArtikelHerr Meyer, von Hattie haben wir gelernt, dass der Lehrer für den Bildungserfolg der Schüler entscheidend ist. Die Schüler sind also entlastet?
Hilbert Meyer: Nein, mit Sicherheit nicht. Hatties Buch wird in Deutschland gern auf das Schlagwort "Auf den Lehrer kommt es an" verkürzt. Hattie nennt an anderer Stelle Prozentwerte. Demnach werden durchschnittlich 50 Prozent des Lernerfolgs durch die Schüler selbst bestimmt, durch ihre Motivation und Vorkenntnisse etwa. 30 Prozent sind abhängig von der Lehrperson und nur 5 Prozent von den schulischen Rahmenbedingungen. Demnach müsste es heißen "Auf den Schüler kommt es an". Die Schüler sind also in keiner Weise entlastet. Hattie sagt ihnen: "Ihr selbst habt den entscheidenden Anteil an eurem Lernerfolg". Und ein guter Lehrer hilft den Schülern, sich darum zu kümmern. Ein Grundprinzip der Didaktik lautet: Lehren und Lernen gehören immer zusammen. Das ist auch eine klare Warnung an alle, die "Bildung" auf selbstreguliertes Lernen beschränken wollen.
"Schule ist für das gemeinsame Lernen erfunden worden"
Sie zitieren gern den amerikanischen Psychologie-Professor Lee Shulman, der sagt, der Beruf des Lehrers sei komplexer als der des Arztes. Was ist damit gemeint?
Hilbert Meyer: Lee Shulman hat eine Vergleichsuntersuchung an einer medizinischen und einer pädagogischen Hochschule gemacht. Sein Ergebnis: Der Lehrerberuf ist komplexer als der des Arztes. Warum? Ganz einfach: Wenn ein Arzt in den Behandlungsraum kommt und dort sitzen 30 Patienten, von denen die Hälfte kräht "die Medizin nehme ich sowieso nicht", würde er 29 Patienten rausschicken und mit dem einen Patienten seine Arbeit beginnen. Lehrer können das nicht. Sie müssen sogar noch stolz und froh darüber sein, dass sie den ganzen Klassenverband beisammen haben. Wir reden alle von der Individualisierung des Lernens – und bei der Kultusministerkonferenz ist das ja fast schon die Staatsdoktrin geworden. Das ist mit Blick auf den aktuellen Entwicklungsstand in unseren Schulen auch plausibel. Aber darüber wird mitunter vergessen, dass die Schule für das gemeinsame Lernen erfunden worden ist und da ist sie auch stärker als im individuellen Lernen. Deshalb sage ich: Individualisiertes und gemeinsames Lernen müssen vernünftig ausbalanciert werden. Da haben wir noch erheblichen Klärungs- und Entwicklungsbedarf.
"Lehrer sind Weltmeister im Komplexitätsmanagement"
Für jeden Beruf gibt es das passende "Handwerkszeug". Welche "Werkzeuge" sind für einen guten Lehrer unabdingbar?
Hilbert Meyer: Vorweg: Ein guter Lehrer geht respektvoll mit seinen Schülern um. Und er benötigt pädagogischen Takt. So hat Johann F. Herbart vor 200 Jahren die Fähigkeit benannt, Theoriewissen situationsspezifisch sinnvoll zu nutzen. Dann kommen wir zum Handwerkszeug: Ich unterscheide vier Dimensionen. Zum Ersten das Classroom-Management, ich nenne es auch die kooperative Führung. Ein Lehrer darf nicht einfach vorne stehen und den Lernstoff durchblättern, sondern er muss das Lernen mit den Schülern gemeinsam vereinbaren, wer was wann und wie zu tun hat. Zum Zweiten: Ein guter Lehrer ist immer auch ein geschickter Vermittler des Lehrstoffs. Er kann den Lehrstoff portionieren, er kann einen Lehrervortrag halten und spannende Geschichten erzählen. Zum Dritten muss er individuell und gemeinsam fördern können. Dann kommt noch etwas dazu, was wir gern ausblenden: die Selektion. Das heißt, ein Lehrer muss zensieren und das muss fair gestaltet werden. Er muss Fürsorge und Gerechtigkeit immer wieder neu ausbalancieren. Ein Beispiel: Ich sehe, dieser Schüler braucht eigentlich ganz andere Hilfen, der müsste jetzt nicht diese Klassenarbeit schreiben, bei der er ohnehin keine Chance hat, andererseits sitzt er in dieser Klasse, strebt einen Abschluss an und muss bewertet werden. Ich fasse zusammen: Professionelle Lehrpersonen teilen mit ihren Kollegen ein anspruchsvolles Berufsethos und sie sind Weltmeister im Komplexitätsmanagement.
Dazu auf der didacta 2015 in Hannover
Mittwoch, 25. Februar 2015
Unterrichtsentwicklung oder wie ich meine eigene Arbeit professionalisiere
Für alle Lehrerinnen und Lehrer, die ihren Unterricht sinnvoll weiterentwickeln wollen. Dazu werden im ersten Schritt zehn didaktische Standards formuliert. Im zweiten Schritt geht es um vier Grundformen des Unterrichts und deren Lernwirksamkeit. Sie sollten an jeder Schule in einer ausgewogenen Mischung angeboten werden. Im dritten Abschnitt wird unter der Überschrift "Häuptlinge, Indianer, Strippenzieher & Co" diskutiert, wie komplex die kollegiale Zusammenarbeit ist und warum sie nicht immer konfliktfrei verläuft. Referent: Prof. em. Dr. Hilbert Meyer, Schulpädagoge an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 15.00 bis 16.30 Uhr, Forum Unterrichtspraxis, Halle 16, Stand E36.
Freitag, 27. Februar 2015
Hattie in meinem Unterricht - Was Feedback Schülerinnen, Schülern und Lehrkräften bringen kann
Nach den Erkenntnissen der Hattie-Studie haben Lehrkräfte den entscheidenden Einfluss auf den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler. Bei den von Hattie identifizierten Wirkfaktoren rangiert das Feedback zum Lernen in den Top Ten. Nach einer kurzen Einführung in die Hattie-Studie wird die Bedeutung des Feedbacks für das kognitive Lernen erläutert. Anschließend stehen Fragen zum konkreten Einsatz im Unterricht im Vordergrund: Wie setze ich Feedback sinnvoll ein? Wie hole ich Feedback ein? Wie werte ich es aus? Wie arbeite ich erfolgreich weiter? Referentinnen: Regine Bergerund und Dr. Dietlinde Granzer vom Institut für angewandte Sozialwissenschaften (IfaS). 13:00 -14:00, Forum Unterrichtspraxis, Halle 16, Stand E36.
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