Geschlossene Gesellschaft
(bildungaktuell.at) Warum unterstützt die SPÖ – sehr zum Missfallen mancher Dogmatiker in den eigenen Reihen – seit einigen Jahren die Privatschulen während sich die ÖVP ziert? Der Hauptgrund: Um sich zu verbessern, braucht das öffentliche Bildungssystem auch Impulse von außen. Privatschulen liefern solche. Das kann ich auch anhand meiner eigenen Biografie belegen.
08.12.2006 Artikel1960 war ich gerade neun Jahre alt, schien meinem Lehrer besonders aufgeweckt und gymnasialreif, lebte im Osttiroler Iseltal 15 Kilometer vom nächsten Gymnasium entfernt bei mehr als schlechten Verkehrsverbindungen, und hatte eigentlich keine Chance auf höhere Bildung in staatlichen Schulen. Die Alternative war eine Privatschule der Salesianer Don Boscos in Unterwaltersdorf in Niederösterreich. Nicht nur eine Ganztagsschule, sondern obendrein mit angeschlossenem Internat und zu damals auch für meine Eltern (Mutter Hausfrau, Vater Arbeiter) erschwinglichen Kosten. Ohne diese Schule wäre ich heute nicht Akademiker und Abgeordneter, denn auch das politische Interesse habe ich dort sehr früh mitbekommen – es gab hier schon Klassen- und Schulsprecher lange bevor die SPÖ-Regierung Kreiskys dies mit dem Schulunterrichtsgesetz an allen Schulen eingeführt hat.
Im Grunde hat sich bis heute daran wenig geändert. Die Bildungsreformen der Siebziger- und Achtzigerjahre haben mit Schülerfreifahrt, Gratisschulbuch und besseren Schülerbeihilfen dafür gesorgt, dass Arbeiterkinder aus meinem Heimatdorf St. Johann im Walde heute problemlos nach Lienz ins Gymnasium fahren können. Ganztagsschulen oder gar solche mit günstiger Unterbringung sind nach wie vor eine Domäne der Kirche. Und wenn ich an innovativen Unterricht denke, dann fällt mir zuallererst der Religionsunterricht ein: Weil man sich davon auch abmelden konnte, waren die ReligionslehrerInnen viel früher als z.B. die MathematikerInnen gezwungen, den Unterricht so zu gestalten, dass die Kinder ihn sogar freiwillig besuchen.
Gesellschaftliche Erfordernisse, denen das öffentliche Schulsystem nicht rasch genug nachgekommen ist, waren Auslöser für private Initiativen. Die fallweise anzutreffende Vorstellung, dass katholische Privatschulen der Hort klerikalen Konservativismus mit leicht faschistoidem Touch und Erziehung zu gleichgeschlechtlicher Liebe seien, mag eine zeitlang für das Priesterseminar St. Pölten gegolten haben, ist aber ansonsten längst überholt.
Die MitarbeiterInnen der bildungspolitischen Abteilung der AK-Tirol haben in einer Studie die Entwicklung des privaten Sektors im Bereich Bildung seit 1945 untersucht. Das Ergebnis ist eindeutig. Von den Kindergärten über die Schulen für Berufstätige bis zu Angeboten im Tertiärsektor: Es gab gesellschaftliche Bedürf¬nisse – etwa nach Abendschulen – die vom offiziellen Schulsystem negiert oder gar bekämpft wurden und die dann in Form von Privatschulen realisiert und vielfach später vom staatlichen Schulsystem übernommen wurden.
Während konfessionelle Privatschulbetreiber den Großteil ihrer Kosten ersetzt erhalten, gibt es für nichtkonfessionelle Privatschulen ein Butterbrot
Neben dem innovativen Aspekt gibt es einen zweiten: Konfessionelle Privatschulen erhalten vom Staat gemäß Konkordat und Privatschulgesetz die Personalkosten ersetzt und in der Praxis werden auch eher großzügig Sachsubventionen oder Zuschüsse zu Bauinvestitionen geleistet. Das wurzelt im Austrofaschismus (in Kraft getreten am 1.Mai 1934) und wurde unter Bruno Kreisky und Unterrichtsminister Leopold Gratz als Beitrag zur Versöhnung zwischen Kirche und SPÖ sogar noch ausgebaut (Personalkosten zu 100% statt vorher 60%). Heute ist das vielen schwer verständlich, 1971 war diese Aussöhnung allerdings die Voraussetzung für den Wahlerfolg der SPÖ und damit für die kommenden Reformjahre der Regierungen Kreisky.
Während also konfessionelle Privatschulbetreiber den Großteil ihrer Kosten ersetzt erhalten, gibt es für nichtkonfessionelle Privatschulen ein Butterbrot. Das mag die Vienna International School mit 14.100 € Schulgeld im Jahr nicht sonderlich stören. Für pädagogische Alternativprojekte wie beispielsweise Waldorf oder Montessori mit dem Anspruch, für alle Bevölkerungsschichten da zu sein, ist dies eine echte Hürde. Das ist untragbar und ungerecht. Wie lösen? Da wir nicht vor haben, die Subventionen für die konfessionellen Privatschulen (das gilt für alle anerkannten Kirchen und Religionsgemeinschaften) zu reduzieren, ist der einzige Weg zu mehr Gerechtigkeit die Anhebung der Beiträge für die nichtkonfessionellen Schulen.
Statt Hungerkur für öffentliche Schulen wollen wir mit Ideen der Privatschulen punkten
Die im (vorgegebenen) Titel angesprochene „Gefahr“ eines Zulaufs zu den Privatschulen sehe ich nur dann, wenn die Reformen im Öffentlichen Schulwesen weiterhin so schleppend voran gehen oder die Hungerkur für das öffentliche Schulwesen anhält. Beides wollen wir nicht und unter den Wahlthemen war Bildung wahlentscheidend – unsere Vorschläge dazu fanden breite Zustimmung.
Daher ist unser/mein erstes Ziel, das öffentliche Schulsystem zu verbessern und dabei unter anderem auch jene Ideen aufzugreifen, die Eltern dazu bewegen, ihre Kinder in Privatschulen zu geben: Alternative pädagogische Angebote, zeitliche Flexibilität, Mehrsprachigkeit, Essen, ganztägig, Erlernen sozialer Kompetenzen, Integration, Feedback usw. Dann gewinnen auch die staatlichen Schulen wieder ihren vollen Wert zurück.
www.spoe.at
SPÖ-Bildungssprecher DDr. Erwin Niederwieser ist seit 16 Jahren im Parlament als Nationalratsabgeordneter tätig. Die letzte wirksame Erhöhung des Bundeszuschusses an nichtkonfessionelle Privatschulen gab es Mitte der Neunzigerjahre – sie wurde damals von DDr. Niederwieser initiiert und gemeinsam mit Unterrichtsminister Dr. Rudolf Scholten und dem zuständigen Sektionschef Dr. Anton Dobart erreicht. Die SPÖ hat sich bei der Wahl 2006 für eine verbesserte Förderung - und längerfristig für eine Gleichstellung der konfessionellen mit den nichtkonfessionellen Privatschulen - ausgesprochen.
Diesen und weitere Artikel zum Thema Bildung finden Sie bei unserem Kooperationspartner bildungaktuell.at/, Ausgabe 10/2006.
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