Staubfänger oder Werkzeug

Interaktive Whiteboards im Unterricht

(Yvonne Pöppelbaum) Digitales Spielzeug oder sinnvolle Unterstützung für den Unterricht? Seit rund fünf Jahren werden Klassenzimmer in Deutschland mit Interaktiven Whiteboards ausgestattet – aber wie steht es im Jahr 2014 um den Einsatz der digitalen Tafeln?

07.10.2014 Artikel
  • © bikl.de

Für manche Lehrer gehört das Interaktive Whiteboard (IWB) ganz selbstverständlich zum Unterricht, während andere noch nie mit einem Board gearbeitet haben. "Aus meiner Sicht gibt es ein großes Nord-Süd-Gefälle", sagt Marc Laporte-Hoffmann, Grundschullehrer an der Johann-Peter-Hebel-Schule in Singen. "Die Bundesländer im Norden sind da aktiver mit Medienoffensiven und Geldern, um die Schulen auszustatten. In den südlichen Bundesländern ist man da noch eher zurückhaltend."

Für seine Dissertation zum Thema "Medienkompetenz und mediendidaktisches Handeln der Lehrenden mit dem interaktiven Whiteboard in Grundschulen" hat Laporte-Hoffmann selbst Grundschullehrer befragt – was allerdings gar nicht so einfach war: "Ich hatte große Schwierigkeiten, überhaupt Schulen zu finden." Von 4.600 angefragten Schulen in Hessen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz haben sich nur 500 überhaupt zurückgemeldet und 400 davon hatten gar kein Whiteboard, genau wie die Schule, an der er selbst unterrichtet. Unter den verbliebenen 100 Schulen haben rund 50 ihre Kontaktdaten angegeben und nach weiteren Absagen blieben nur 17 Schulen übrig. "Meine Ergebnisse sind daher natürlich nicht repräsentativ", sagt Laporte-Hoffmann. "Aber unter den Lehrern, mit denen ich sprechen und im Unterricht beobachten konnte, haben die Whiteboards eine große Akzeptanz gefunden. Die Lehrer haben sich darauf eingelassen und waren alle der Meinung, das Whiteboard sei eine große Erleichterung für den Unterrichtsalltag und auch für die Vorbereitung." Kaum einer habe sich vorstellen können, wieder ohne IWB zu unterrichten.

Flexibler Unterricht, aber doppelte Vorbereitung

Die Erleichterung bei der Unterrichtsvorbereitung sieht Thomas Polland, Lehrer am Albertus-Magnus-Gymnasium Bensberg in Bergisch Gladbach, etwas differenzierter: "Ich bin mit dem Board zwar viel flexibler, aber ich muss meinen Unterricht eigentlich immer doppelt vorbereiten." An seiner Schule stehen neun IWB in den Fachräumen zur Verfügung. Gibt es für ein Fach mehrere Fachräume, aber nur einen Raum mit IWB, teilen sich die Lehrer den Raum auf. "Dadurch kann ich nie ganz sicher sein, ob eine Stunde mit einem bestimmten Inhalt in einem Raum mit oder ohne Whiteboard stattfinden wird", sagt Polland, der das IWB im Unterricht umso mehr einsetzt, je komplizierter der Sachverhalt ist. "Ich bereite ganze Unterrichtsreihen für das Whiteboard vor", sagt Polland. "Dadurch habe ich alle Impulse, die ich einsetzen will – Texte, Videos, Fotos oder Audiodateien –, in genau der Reihenfolge, wie ich sie brauche."

Das Whiteboard als Unterrichtswerkzeug

Nach wie vor gibt es Kritiker wie Befürworter. "Frontalunterricht: Jetzt am Whiteboard" – so war ein Text zum Thema in der taz 2009 überschrieben. Das ist fünf Jahre her. Ob und wie ein Board genutzt wird, wenn es vorhanden ist, liegt auch heute am Engagement der Lehrkräfte: "Das Whiteboard ist schlicht ein Werkzeug", sagt Michael Weißer vom Referat Medienpädagogik am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg. "Die Frage ist, wie man so ein Werkzeug sinnvoll im Unterricht einsetzt." Wie muss Unterricht aussehen, damit die Schüler davon auch profitieren? "Es ist nicht so, dass dieses Werkzeug die Methodik und Didaktik verändert", sagt Weißer. "Sie haben nur neue Möglichkeiten, die Sie vorher nicht hatten."

Für Thomas Polland wäre die optimale Lösung eine Kombination aus herkömmlicher Tafel und IWB: "Wenn ich nur ein Wort anschreiben will, mache ich dazu nicht das Board an. Und ich denke, man sollte die Größe der herkömmlichen Tafel nicht unterschätzen." Für große Tafelbilder oder für die Darstellung einer Entwicklung sei das Whiteboard manchmal einfach zu klein. "Hintereinander montiert, nach oben verschiebbar und das in allen Räumen – das wäre perfekt", sagt Polland.

Damit Whiteboards im Unterricht sinnvoll eingesetzt werden können, braucht man besonders medienaffine Lehrer. "Nicht die Technik macht den Unterricht besser, sondern der Lehrer, der die Technik benutzt", sagt Laporte-Hoffmann. Erst wenn die Nutzung routiniert und selbstverständlich ablaufe, sei Raum für eine sinnvolle didaktische Durchdringung des IWB-Einsatzes. Das sieht Michael Weißer auch so. "Klar gibt es Berührungsängste. Aber das ist wie beim Fußballspielen: Die Spieler müssen die Tore machen." ‹‹

Kompakt

Aktuelle Zahlen zur Verbreitung von IWB an Schulen in Deutschland sind beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz (KMK) nicht zu bekommen, aber der IT-Branchenverband BITKOM hat in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Aris bundesweit 502 Lehrer der Sekundarstufe I in Hauptschulen, Schulen mit mehreren Bildungsgängen, Realschulen, Gesamtschulen und Gymnasien befragt und die Ergebnisse im Mai veröffentlicht. Demnach gibt es bei der Qualität der IT-Ausstattung große Unterschiede zwischen den Schulen. 6 von 10 Lehrern berichten, dass es interaktive Whiteboards oder Smartboards, also digitale Tafeln, an ihrer Schule gibt. Mehr als jeder zweite Lehrer (52 Prozent) nutzt zudem Smartboards regelmäßig. Rund die Hälfte der Lehrer (47 Prozent) würde gerne häufiger elektronische Medien nutzen. Fast jeder Zweite (45 Prozent), der auf den Einsatz im Unterricht ab und an verzichtet, sagt, dies liege an fehlenden Geräten. Jeder Fünfte (21 Prozent) sorgt sich, dass die Technik versagt, und 14 Prozent geben an, dass die eigenen Technikkenntnisse nicht ausreichen. Zugleich haben aber 40 Prozent der Lehrkräfte in den vergangenen drei Jahren keine entsprechende Fortbildung besucht.

Erstveröffentlichung und aller Rechte: Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Nr. 65


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