Friedensarbeit

Internationales Netzwerk für Friedenserziehung in integrierten Schulen gegründet

(Brigitte Schumann) - Anlass für die Gründung des [Netzwerks "Integrated Peace Education" (IPE)](http://www.scribd.com/doc/92816768/Newsletter-Spring-2012) zur praktischen Umsetzung und Erforschung von Friedenserziehung in integrierten Schulen ist der Erfahrungsaustausch auf der internationalen Konferenz, die im April 2012 in Belfast stattfand. An dieser Konferenz nahmen Wissenschaftler/innen und Vertreter/innen von integrierten Schulen sowie von regierungsunabhängigen Organisationen aus Nordirland, Bosnien-Herzegowina, Israel, Kroatien, Mazedonien und Zypern teil. Deutschland war mit der nordrhein-westfälischen Weiterbildungseinrichtung FESCH, Forum Eltern und Schule, vertreten. Die Einrichtung wird getragen von der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule Nordrhein-Westfalen.

10.09.2012 Artikel

Beschlossen wurde u. a., dass es neben einem Austausch im Internet alle zwei Jahre eine Konferenz in einem der Teilnehmerländer geben soll. Der Austausch soll der Unterstützung der Partner und ihrer Friedensarbeit in den jeweiligen Ländern dienen, Erkenntnisse aus der Arbeit und der Erforschung der Friedenserziehung in integrierten Schulen verbreiten und die Entwicklung von integrierten Schulen fördern. Das Netzwerk versteht unter integrierten Schulen solche Schulen, in denen alle Kinder und Jugendlichen ausnahmslos willkommen sind und gemeinsam ohne äußere Leistungsdifferenzierung lernen.

"Integrated schools" in Nordirland als Impulsgeber

Die Initiative für die Tagung und für die Gründung des Netzwerks IPE ist wesentlich mit den "integrated schools" in Nordirland verbunden. Sie konnten im letzten Jahr auf eine dreißigjährige erfolgreiche Arbeit in der Friedenserziehung zurückblicken. Dennoch ist auch nach dem Friedensabkommen von 1998 der politische Durchbruch für gemeinsames konfessionsübergreifendes Lernen noch nicht gelungen. Die Mehrheit der nordirischen Kinder und Jugendlichen wird immer noch getrennt in katholischen und protestantischen Schulen unterrichtet. Der Anteil der integrierten Schulen liegt derzeit lediglich bei 9 %. Nach der Grundschulzeit findet zusätzlich zu dieser politisch-religiösen Segregation eine Trennung der Schüler/innen nach Leistung statt, mit der wie in Deutschland eine Selektion nach sozialer Herkunft einhergeht.

Wissenschaftlich ist nachgewiesen, dass es den integrierten Schulen in Nordirland gelingt, den Einfluss von vorgegebenen kollektiven Identitätsvorstellungen entlang politisch-religiöser Trennlinien zu überwinden und die Entwicklung von Eigenständigkeit, Selbstverantwortung und demokratischem Bewusstsein nachhaltig zu fördern. Ihren pädagogischen Friedensauftrag haben die "integrated schools" im Sinne einer umfassenden Vorstellung von sozialer Inklusion längst erweitert, da in Folge der Internationalisierung auch die nordirische Gesellschaft nicht mehr nur aus Katholiken und Protestanten besteht und zunehmend bunter geworden ist.

Mit dem Anti-Bias-Approach gegen Rassismus, Diskriminierung und Vorurteile

Der Anti-Bias-Approach gilt bei allen Partnern im Netzwerk als geeignetes Instrument für eine inklusive, vielfaltbewusste Friedenserziehung. Der Ansatz kommt aus der anti-rassistischen Erziehung in den USA. Das Konzept hat sich als wirksame Interventionsform in der Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Vorurteilen und Stereotypen erwiesen, die das individuelle und institutionelle Handeln beeinflussen.

Auch für die Lehrerschaft in Nordirland stellt dieses Konzept eine besondere Herausforderung dar. Nordirische Lehrer/innen haben in ihrer Schulzeit und in ihrer Lehrerausbildung getrennt nach Konfessionszugehörigkeit in katholischen oder protestantischen Institutionen gelernt und danach in der Regel auch ihre Lehrertätigkeit in einer katholischen oder protestantischen Schule begonnen.
Vor diesem Hintergrund haben engagierte Lehrer/innen und Eltern die Grundzüge des Anti-Bias-Konzepts für die Praxis in nordirischen integrierten Schulen erstmals 1998 formuliert. Das Konzept ist anwendbar in allen Stufen der Bildung. Seit 2008 gibt es auch eine anerkannte Lehrerfortbildung dazu.

Ein umfangreiches Handbuch "Good relations in the school community", das an den "Index für Inklusion" von Tony Booth erinnert, ist ebenfalls für die Schulpraxis entwickelt worden. Es ist eine Aufforderung an die "integrated schools", sich selber zu evaluieren und sich eigene Ziele für ihre inklusive Schulentwicklung zu setzen.

Die Bedeutung des internationalen Netzwerks aus deutscher Perspektive

Zu Zeiten der Friedensbewegung in den 1980er Jahren gegen die Nato- Rüstungsbeschlüsse hatte die Friedenspädagogik in all ihren Ausprägungen in deutschen Schulen Konjunktur. Im Vergleich zu den anderen Ländern im Netzwerk nimmt sie heute einen ziemlich geringen Stellenwert ein. Das gilt auch für die Praxis in integrierten Gesamtschulen.

Nach dem schlechten Abschneiden bei internationalen Leistungsvergleichen wurden deutsche Schulen einseitig kognitiv "aufgerüstet". Die Bildungspolitik hat besonders im letzten Jahrzehnt dafür gesorgt, dass dem messbaren kognitiven Wissenserwerb Vorrang gegenüber den persönlichkeitsbildenden und demokratieförderlichen Inhalten und Formen des Lernens gegeben wurde. Diese Fehlentwicklung in einem zudem sozial selektiven Schulsystem verschärft die problematische gesellschaftliche Entwicklung und muss dringend korrigiert werden.

Auch wenn im Vergleich zu den Partnerländern mit (Bürger-) Kriegserfahrungen aus jüngerer Zeit sich die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse in Deutschland geradezu beneidenswert günstig und politisch stabil darstellen, so dürfen wir uns nicht täuschen lassen: Die Gesellschaft strebt sozial und ökonomisch auseinander und zeigt einen dramatischen Verlust an Kohäsion. Die Schere zwischen Arm und Reich ist in den letzten zwei Jahrzehnten weit auseinandergegangen. Dazu haben die Prekarisierung der Erwerbsarbeit und der Abbau des Sozialstaats wesentlich beigetragen. Weite Teile der Migranten in Deutschland haben einen geringen Bildungsstatus und gehören zu der Armutsbevölkerung. Und das sind nicht wenige, wenn inzwischen jeder fünfte Einwohner einen Migrationshintergrund hat. Die deutliche Ethnisierung sozialer Konflikte fördert Diskriminierung, Fremdenhass und offene Ausgrenzung. All dies macht vor den Schultüren nicht halt.

Aufgabenfelder für integrierte Gesamtschulen

Wenn eine Studie über Jugendliche in Deutschland aktuell feststellt, dass sich leistungsstärkere Jugendliche von leistungsschwächeren abgrenzen und distanzieren, dann verweist dieser Befund einerseits auf die Bedeutung des gemeinsamen Lernens in integrierten Schulen. Andererseits entbindet er aber integrierte Gesamtschulen nicht von der Verpflichtung, kritisch zu überprüfen, wieweit es ihnen tatsächlich gelingt, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit ihrer Schüler/innen als Ressource für die Entwicklung demokratischer Kompetenzen und für Friedensfähigkeit zu nutzen. Vielfaltbewusste friedenspädagogische Sensibilisierung z.B. durch den Anti- Bias-Approach könnte integrierten Gesamtschulen Anregung sein, tiefer liegende gesellschaftliche Konflikte und Vorurteilsstrukturen im Schulalltag aufzuspüren, bewusst zu machen und abzubauen. Hier kann der Austausch mit integrierten Schulen der Partnerländer für Gesamtschulen produktiv genutzt werden.

Deutschen Gesamtschulen sind die Auseinandersetzungen nicht fremd, die integrierte Schulen in den Partnerländern derzeit gegen politische und gesellschaftliche Widerstände führen. Auch Sie mussten sich dagegen behaupten, haben aber inzwischen einen hohen Grad an Akzeptanz und Beliebtheit in der Bevölkerung erworben. Ein Austausch darüber, wie man Idee und Praxis der integrierten Schulen gesellschaftlich und politisch erfolgreich vermittelt, ist von strategischer Bedeutung für alle Partner im Netzwerk.

Integrierte Gesamtschulen haben für alle Aspekte der Diversität pädagogische Konzepte bzw. Ansätze entwickelt. Interkulturalität, Geschlechtergerechtigkeit, Begabungsförderung, Förderkonzepte für Kinder in benachteiligten Lebenslagen und mit Behinderungen, gesundheitsbewusste Schule, demokratische Schulkultur und Partizipation, selbstverantwortliches individualisiertes und kooperatives Lernen sind einige der Stichwörter, die in den Schulprogrammen der integrierten Gesamtschulen Eingang gefunden haben. Davon können die Partner im Netzwerk ebenfalls profitieren.

Die Rolle von FESCH für das Netzwerk IPE

FESCH hat sich als Partner im Netzwerk IPE bereit erklärt, im Rahmen seiner nationalen und internationalen Seminararbeit und Fortbildungsveranstaltungen Ideen, Konzepte und Ergebnisse des Netzwerks für Schulpraxis und Bildungsforschung zu verbreiten und zu vertiefen. Studienseminare in Belfast gehören zum Programmangebot. Gesamtschulen, die direkte Kontakte zu integrierten Schulen in Nordirland und anderen Partnerländern herstellen möchten, können sich an FESCH wenden.

Zur Person

Dr. Brigitte Schumann war 16 Jahre Lehrerin an einem Gymnasium, zehn Jahre Bildungspolitikerin und Mitglied des Landtags von NRW. Der Titel ihrer Dissertation lautete: "Ich schäme mich ja so!" - Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle" (Bad Heilbrunn 2007). Derzeit ist Brigitte Schumann als Bildungsjournalistin tätig.


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