Kontinuierliche Praxistage erhöhen Chancen für Haupt- und Förderschüler
Kultusministerin Karin Wolff und Spitzenvertreter aus Wirtschaft und Handwerk wollen das hessenweite Netzwerk von Schulen und Betrieben weiter ausbauen, die nach dem Modell der kontinuierlichen Praxistage insbesondere Haupt- und Förderschülern den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern. Diese besondere Form der berufsorientierenden Schülerpraktika baut auf die aktive Zusammenarbeit von Lehrkräften, Eltern, Betrieben und nicht zuletzt der Jugendlichen selbst.
03.12.2004 Pressemeldung Hessisches Kultusministerium"Die nachhaltige Vernetzung von Schule und Betrieben sowie die Übernahme des ,dualen Prinzips' - des Lernens in Schule und Betrieb - haben bereits jetzt zu bemerkenswert hohen Übergangsquoten von Schülern in Ausbildung oder Arbeit geführt", sagte Dr. Joachim v. Harbou, Vorsitzender der IHK Arbeitsgemeinschaft Hessen. In den derzeit 43 Schulen, die Praxistage eingeführt haben, gelinge es mittlerweile mehr als 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler, direkt ins Arbeitsleben einzusteigen.
In einer neuen Broschüre wenden sich die Degussa AG, die Verbände und das Ministerium gemeinsam an Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, Eltern, Kammern und Betriebe. Ziel der Broschüre ist es, in ansprechender Form Informationen für die Adressaten bereitzustellen, um bestehende Initiativen zu unterstützen und Interessierten Umsetzungshilfen anzubieten.
Dr. Thomas Schoeneberg, Mitglied des Vorstandes und Arbeitsdirektor der Degussa AG, lobte das hessische Modell kontinuierlicher Praxistage: "Es zeigt auf, wie Schüler, Eltern, Lehrer und Betriebe zusammenarbeiten können, um neue Wege in Ausbildung und Beschäftigung zu erschließen." Die Degussa AG sei der Region Rhein-Main und dem Lande Hessen eng verbunden. "Die Ausbildung junger Menschen gehört zu unseren traditionellen Verpflichtungen, zu denen wir uns auch in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten ohne Wenn und Aber bekennen", sagte Schoeneberg. Das Bemühen, jungen Leuten eine berufliche Zukunft zu geben, werde durch die kontinuierlichen Praxistage "in idealer Weise ergänzt".
"Unsere Betriebe erwarten, dass am Ende der Schulausbildung die Grundlagen für eine stabile Persönlichkeit und für Lern- und Leistungsbereitschaft gelegt sind. Deshalb begrüßen und fördern wir das Modell der kontinuierlichen Praxistage", erklärte Harald Brandes, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft der Hessischen Handwerkskammern. Das Modell durchbricht laut Wolff den Teufelskreis von Perspektivlosigkeit, die nicht selten zu einer "Null-Bock-Haltung" führt, die ihrerseits wiederum schlechte schulische Leistungen hervorruft und damit die Ausbildungschancen weiter mindert. "Wenn die Jugendlichen erkennen, dass sie dank guter schulischer Leistungen eine Chance für das Leben bekommen - sprich: eine Lehrstelle -, macht Schule mit ihren Anforderungen für sie wieder einen Sinn", sagte sie. Die Jugendlichen schaffen dank der kontinuierlichen Praxistage den direkten Einstieg ins Arbeitsleben. Der Umweg über die "Warteschleifen" der berufsvorbereitenden Maßnahmen wird vermieden. Damit steigt auch das Selbstbewusstsein der Jugendlichen.
Kontinuierliche Praxistage stellen laut Wolff eine besondere Form der berufsorientierenden Schülerpraktika dar. Sie führen Schülerinnen und Schüler in einem mehrjährigen kontinuierlichen Prozess zur Berufsreife. Im Gegensatz zu Blockpraktika bleibt berufliche Orientierung das ganze Schuljahr über Thema im Unterricht. Das Modell startet in der 7. Klasse mit Schnupperpraktikum, Betriebserkundungen und Betriebsbesichtigungen. Von Klasse 8 bis 10 folgt ein "voller" Arbeitstag pro Woche in einem Betrieb, wobei einige Schulen den Einstieg über ein Blockpraktikum wählen.
Anregungen aus den Praxistagen und damit aus den Betrieben können direkt in den Unterricht mit einbezogen werden und erhalten somit einen aktuellen Bezug. "Der Unterricht wird in einen für Schülerinnen und Schüler nachvollziehbaren, realen Zusammenhang gestellt", so die Ministerin. So verändere sich der Unterricht in allen Fächern von Deutsch bis Mathematik, denn auch die Lehrkräfte legten größeren Wert auf den Praxisbezug der Lerninhalte. Schlüsselqualifikationen werden in der täglichen realen Umwelt des Betriebes und der Schule geübt und erworben.
Nach den Worten der Ministerin profitieren alle Seiten von dem Modell der kontinuierlichen Praxistage: "Eltern wissen um den sicheren Übergang ihrer Kinder in Ausbildung, Lehrer haben motivierte Schülerinnen und Schüler, und das Schulklima entwickelt sich positiv in Richtung einer motivierenden Lernkultur." Ausbildungsbetriebe haben die Chance, zukünftige Auszubildende über einen längeren Zeitraum zu beobachten und "können für sich eine fundiertere Entscheidung bei der Vergabe von Lehrstellen treffen", sagte Dr. v. Harbou.
Wolff beleuchtete einen weiteren wichtigen Aspekt: "Die Gesellschaft gewinnt mehr Ausbildungsplätze und weniger Ausbildungsabbrecher. Teure Maßnahmen für die berufliche Eingliederung müssen nicht eingeleitet werden. Soziale Probleme, wie sie mit Jugendarbeitslosigkeit einhergehen, werden vermieden."
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