Offene Räume, keine Noten und Hand in Hand mit der Wissenschaft
(red) Von außen wirkt die [Laborschule Bielefeld](http://www.uni-bielefeld.de/LS/laborschule_neu/index.html) wie eine der vielen anderen Schulen, die in den Siebzigerjahren gebaut wurden: ein roter lang gezogener Betonbau - funktional aber wenig anheimelnd. Drinnen aber zweigen von einem breiten Flur immer wieder kleine Treppen ab, die nicht etwa vor einer verschlossenen Tür enden, sondern in einer großen Freifläche, die mal mit Bücherregalen, mal mit Stellwänden oder durch Galerien aufgeteilt ist. Schülertische, Stühle und Bänke stehen in größeren oder kleineren Gruppen zusammen. Eine frontale Sitzordnung fixiert auf die Tafel, sucht man vergebens.
13.10.2014 ArtikelAuch der Sportunterricht findet nicht im abgeschlossenen Raum statt, die Halle ist zur Galerie hin offen. Jeder kann zuschauen. Rund 20 Schüler sitzen im Kreis auf dem Hallenboden. Altersmäßig sind sie bunt gemischt: Schüler der grünen Gruppe aus dem Jahrgang 0-2 sitzen neben Schülern aus den Jahrgang 8-10. Denn mit diesem Unterricht werden zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Für die älteren Schüler ist es der Leistungskurs Sport und für die Kleinen der Sportunterricht. "Wir wollten die Schüler auch befähigen, andere Kompetenzen über diesen Leistungskurs hinaus auszubilden", erklärt Wolfgang Seidensticker, der vor 15 Jahren diesen Leistungskurs kurzerhand umkrempelte. Die großen Schüler planen den Sportunterricht für die Kleinen, führen ihn durch und müssen anschließend auch die Praxisstunde reflektieren. All das wird schriftlich ausgearbeitet, ebenso wie die Beobachtungsbögen.
Während ihre Schüler im Kreis sitzen und konzentriert ihrem Trainer lauschen oder begeistert durch die Halle toben, bewegt sich Jutta Walter am Rand des Geschehens und macht Notizen. "Mir bringt es viel, meine eigenen Schülerinnen und Schüler in einer anderen Situation und von außen zu erleben", sagt die junge Lehrerin, die auch die großen Schüler im Blick hat. "Während der Sportstunde halte ich mich zurück. Denn die Schüler aus dem Leistungskurs sollen lernen, mit Störungen umzugehen: Was mache ich, wenn ein Kind hinfällt, wenn ein anderes etwas trinken möchte und zwei weitere auf die Toilette gehen müssen?" Das selbstverständliche Zusammensein von Groß und Klein an dieser Schule ist für Jutta Walter ein großes Plus. "Es so einfach, weil die Wege so kurz sind. Die Fünfjährigen sind ja gerade mal seit zwei Wochen hier und die Großen waren letzte Woche zum Kennenlernen bei uns und haben mit den Kindern gespielt. Es ist schon beeindruckend, wenn so ein cooler Neuntklässler als Affe durch diesen Spielkreis krabbelt."
"Ich bin sehr gern hier", sagt Jutta Walter, die zuvor einige Jahre an Chile als Lehrerin gearbeitet hat. Auf diese Begeisterung trifft man immer wieder. "Ich mag einfach diese Lernatmosphäre, dass wir selbstständig lernen können und dass es keine geschlossenen Klassenräume gibt", schwärmt Schulsprecherin Lara Unland. Doch was macht das Besondere dieser Schule aus, die vor 40 Jahren als Teil der neu gegründeten Uni in Bielefeld entstanden ist?
Das Konzept entsprach der fortschrittlich orientierten Pädagogik dieser Zeit: Eine Schule, die ohne Klassenräume und ohne Noten auskommt und in der das ganzheitliche Lernen im Vordergrund steht. Eine Schule, die nach den Vorstellungen ihrer Gründer eine "Gesellschaft im Kleinen, eine Polis", sein sollte, in der die Schüler Demokratie leben und lernen. Eine Schule, an der Schüler und Lehrer sich duzen. Und eine Schule, die nach dem sogenannten Lehrer-Forscher-Modell arbeitet. Denn Wissenschaftler der Bielefelder Fakultät für Pädagogik arbeiten gemeinsam mit den Lehrern an der Weiterentwicklung der Schule. Eines der vielen Ergebnisse dieser Zusammenarbeit: der jahrgangsübergreifende Unterricht bis Klasse 5. Bis zum Ende der siebten Klasse ist der Unterricht außerdem noch nicht in Fächer gegliedert. Denn erst in den letzten drei Jahren legen sich die Schüler auf individuelle Abschlussprofile mit Wahl- und Leistungskursen fest.
Vielleicht ist dies auch neben all den vielen Besonderheiten - dem offenen Raumkonzept, dem Duzen, dem Verzicht auf Noten - ein entscheidendes Merkmal und ein wichtiger Motor dieser Schule: die Nähe zur Wissenschaft. Und zwar auf Augenhöhe. "Wenn Kollegen hier eine tolle Idee haben, dann schreiben sie einen Forschungsantrag, und wenn dem zugestimmt wird, dann wird auch zu diesem Gebiet geforscht, erklärt Schulleiter Rainer Devantié. "Wenn man im Unterricht etwas ändert, wird es wissenschaftlich überprüft, und wenn es gut funktioniert, wird es implementiert." So wie der jahrgangsübergreifende Unterricht.
Oder das sogenannte UFO. Ein großer zentral gelegener gläserner Freiarbeitsraum. Es war Idee der Sonderpädagogen, einen solchen "Förderraum" nicht nur für die schwachen, sondern für alle Schüler zu öffnen. "Die Schüler melden sich aus ihren Gruppen ab, zum Beispiel, wenn sie mit jemand anders lernen wollen, auch weil sie mit ihren Aufgaben fertig oder weil sie hintendran sind", erklärt Christof Siepmann das Konzept. Für alle Schüler gibt es hier Differenzierungsmaterial und immer sind Pädagogen als Ansprechpartner vor Ort.
Doch auch diese Schule muss sich ähnlichen Herausforderungen stellen wie die anderen Schulen im Land. Vor vielen Jahren war es der landesweite Schulversuch Gemeinsamer Unterricht. Lange hatte sich die Schule geweigert, daran teilzunehmen. Nicht, weil sie kein gemeinsames Lernen wollte, sondern weil das gemeinsame Lernen schon immer zum Konzept gehörte. "Die Schule wollte keine Etikettierung der Schüler", erzählt Christof Siepmann. Weil es aber Geld und Stellen für diesen Schulversuch gab, hat die Laborschule schließlich doch mitgemacht. Allerdings hat die Schule hat mit der Bezirksregierung einen "Deal" ausgehandelt: "Die sonderpädagogischen Fördergutachten werden anonymisiert. Dann kennt die Bezirksregierung zwar unseren Bedarf, weiß aber nicht, auf welche Schüler er sich bezieht." Der Vorteil: Schüler, die diese Schule mit einem Abschluss verlassen, tragen nirgendwo in ihren Unterlagen das Etikett "Sonderpädagogischer Förderbedarf".
Spätestens wenn es ums liebe Geld geht, sind die täglichen Sorgen in Bielefeld kaum anders als anderswo, mitunter sogar noch ein wenig komplizierter. "Früher, als die Laborschule noch Teil der Universität war, konnten Reparaturen oder Anschaffungen noch recht unkompliziert organisiert werden", sagt Rainer Devantié. Mittlerweile unterliegt die Schule verwaltungstechnisch dem Aufgabenbereich der Bezirksregierung, aber sie gehört dem Land - als einzige Schule in NRW. Und das führt beim Thema Geld hin und wieder schon mal zu einigen "kafkaesken Endlosschleifen."
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