Problemzone Referendariat
(ht). Es ist die Zeit, in der angehende Lehrer ihr praktisches Rüstzeug erlernen – gern auch als 14. Klasse bezeichnet. Nicht wenige stöhnen über hohe Belastung. Prüfungs- und Notendruck sitzen im Nacken, der Schock der späten Praxis sitzt tief. Unumstritten ist das getrennte Modell von Studium und Ausbildung nicht. Dennoch eröffnet es Chancen – nicht zuletzt für eine innovative Entwicklung der Schulen.
20.08.2010 Artikel"Wir sind das Studienseminar mit der höchsten Selbstmordrate im Land." Tatsächlich wurden mit diesem Satz in einem niedersächsischen Studienseminar die Lehrer in spe beim Dienstantritt begrüßt. Das Vorkommnis fügt sich nahtlos ein in das gängige Bild vom Referendariat. Die Anlernphase gilt als Tortur und Martyrium. Referendare, die selten bereit sind, ihren Namen preiszugeben,sprechen von der "schlimmsten Zeit meines Lebens", "Dasein zwischen allen Stühlen" und der "systematischen Destruktion ihres Selbstwertgefühls" – nachzulesen und beliebig auszuweiten in www.referendare.de, einem Selbsthilfeportal. Selbst die OECD urteilte schon vor Jahren: "Das Unterrichten vor der Klasse lernen Lehrer in Deutschland kaum."
Die fundamentale Kritik der OECD bezieht sich auf die strikte Trennung vom Studium der später gelehrten Fächer und der folgenden zweiten, schulpraktischen Ausbildung im Referendariat – ein Modell, das in Deutschland fast so alt ist wie die Humboldtschen Reformen. Einst nur den Gymnasiallehrern vorbehalten, übertrug man es Anfang der siebziger Jahre auf alle Schulstufen. Im Referendariat durchlaufen die Junglehrer den immer gleichen Prozess: Nach einer ersten Phase der Hospitationen müssen zuerst einzelne Unterrichtsstunden didaktisch lupenrein vorexerziert werden. Die Stunden am Nachmittag im Studienseminar legen dafür die Grundlagen. Dann folgt ein Jahr mit eigenständigem Unterricht und turnusmäßigen Sitzungen im Seminar. Die letzte, dritte Phase bereitet die entscheidende Abschlussprüfung vor, im Wechsel von Probestunden und Seminarzeiten.
Institutionalisierter Stresstest
Dass dieses Modell immer wieder als hoch belastend und institutionalisierter Stresstest beschrieben wird, dafür führen die Berichte verschiedene Gründe an: Die Referendare fühlen sich zumeist zermalmt zwischen diversen Ansprüchen und ungleichen Kriterien. Als Lehrer zweiter Klasse gelten sie weder im Kollegium viel noch bei den Schülern. Die Seminar- und Fachleiter sind für ihre Tätigkeit kaum ausgebildet. Während sie das Praxiswissen hoch halten, stellt die Wissenschaft meist Ansprüche von theoretischer Natur. Derweil ist die didaktisch einwandfreie Stunde ein hehres Ziel, das nicht ohne eine gehörige Portion Erfahrung zu haben ist. Und über allem schwebt das scharfe Schwert andauernder Gutachten, die über die weitere Zukunft entscheiden. Zur freien Entfaltung der Lehrerpersönlichkeit trage das kaum bei. Um Unterricht innovativ zu gestalten, sei es gar kontraproduktiv, so die generelle Kritik.
Herausforderung: Selbst- und Fremdorganisation
Fachleiterin Christel Schrieverhoff vom Studienseminar in Recklinghausen bringt für solche Klagen Verständnis auf. Dennoch sieht sie die Dinge anders. Sie setzt auf das Prinzip gelingender Kommunikation zwischen Referendaren und ihren Mentoren. "Es braucht Transparenz für das, was erwartet wird. Dann können sich die Referendare darauf auch einstellen", so ihr Credo.
Das größte Problem scheint ihr die neu zu findende Selbst- und Fremdorganisation zu sein. Die Schule sei eine Institution, die nach strengen Abläufen und Regeln funktioniere. Dies müssten die Studenten nach der Zeit an der Uni erst lernen und verinnerlichen. Gelingt das nicht auf Anhieb, erlebt sie häufiger "Immunisierungsstrategien".
Ausbilder wie Referendare schotten sich in ihrer jeweiligen Überzeugung ab. Die Falle schlägt zu, der Praxisschock ist perfekt. Sie indes gehe mit ihren Aspiranten gemeinsam auf "Schatzsuche" für die guten Ansätze in ihren Probestunden. Auch so kann ein Referendariat aussehen.
Problem: Die Kluft zwischen Schule und Studium
Doch das Kluft-Problem scheint in der Wissenschaft angekommen zu sein. Eine Vorreiterin für eine engere Verzahnung von Studium und Erfahrungen aus der Schule ist die Schulpädagogik-Professorin Dr. Silvia-Iris Beutel von der TU Dortmund. Sie setzt auf den Austausch zwischen Schulpraxis und universitärer Ausbildung. Dazu passt das neue Lehrerausbildungsgesetz in NRW, das bundesweit neuartig mehrere Module mit Praxisanteilen ins Lehrerstudium einzog, vom Eingangspraktikum bis zum Praxissemester im abschließenden Masterstudiengang.
Ihr Ziel: "Es braucht einheitliche Fachkulturen und ein gemeinsam getragenes Bild vom guten Unterricht", so ihr Votum. Dass sie als Mitstreiterin beim Deutschen Schulpreis zugleich auf eine Akademie innovativer Schulen zugreift, denen sie ihren Studenten vermittelt, besitzt einen eigenen Clou: "Die Studenten können erleben, dass gestandene Lehrer ebenso Lerner sind für eine weitere, bessere Entwicklung von Schule und Unterricht."
Einphasige Ausbildung: Beispiel Schweiz
Dabei ist die bundesdeutsche zweiphasige Lehrerausbildung keineswegs das Nonplusultra. Nachbarländer wie Frankreich, England, Finnland oder die Schweiz fahren gut mit einem einphasigen Konstrukt aus Studium und Praxis. Der deutsche Hochschullehrer Dr. Volker Reinhard aus Luzern ist voll Lob für das Modell: "Ab dem ersten Semester sind unsere Lehramtsstudenten in der Schule. Wir nehmen viel Zeit und Geld dafür in die Hand, um sie im Team-Teaching von Ausbildern und Wissenschaftlern zu fördern. Die Expertise aus Forschung und Praxis greift hier Hand in Hand, um guten und innovativen Unterricht zu befördern." Was Wunder, dass die GEW das einphasige Modell bevorzugt, wie Expertin Marianne Demmer betont. Sie sieht das Referendariat eh als eine "von Prüfungen überfrachtete Rumpf- und Rumpelveranstaltung".Kompakt
Das Referendariat für das Lehramt ist eine alte Einrichtung. Es trennt Studium und Praxis. Darin gerät es immer mehr in Kritik. Doch neue Tendenzen in der Ausbildung zeigen: Das Referendariat kann positiv genutzt werden, wenn man – guter Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft vorausgesetzt – gemeinsam an einem Unterricht arbeitet, der auch in den Schulen neue Impulse setzt.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst
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