Schubkraft für Qualitätsentwicklung an Schulen
In Freiburg wird das erste "Regionale Bildungsbüro" in Baden-Württemberg eingerichtet. Das von der Stadt, der Bertelsmann Stiftung und dem Kultusministerium getragene Projekt soll die Qualitätsentwicklung an Schulen unterstützen.
23.09.2005 Pressemeldung Ministerium für Kultus, Jugend und Sport Baden-WürttembergÜber das Bildungsbüro werden zukünftig die staatlichen und kommunalen Unterstützungsangebote gebündelt und mit denen von außerschulischen Partnern vernetzt. Die vorausgehende Bedarfsanalyse erfolgt mit Hilfe eines von der Bertels-mann Stiftung zur Verfügung gestellten Evaluationsinstruments. Bis zu 50 Schu-len können an dem Projekt teilnehmen. Die Bewerbungsfrist endet am 30. Oktober.
Kultusstaatssekretär Helmut Rau MdL, Freiburgs Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon, Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik und Dr. Christof Eichert, Leiter des Themen-feldes Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, stellten die Initiative am Freitag (23. September) in Freiburg vor. Die geplante Einrichtung sei Ausdruck einer "Verantwortungs-gemeinschaft" von Land und Kommunen für die Zukunftschancen der jungen Generation, betonte Rau.
Die gesetzlich verankerte Aufgabentrennung - das Land ist für Bildungsinhalte und Lehrkräfte zuständig, die Kommunen für Schulgebäude und Sachausstattung - trete zugunsten einer "engen Abstimmung" auf dem Gebiet der Schulentwicklung in den Hin-tergrund. Mit Hilfe eines von der Stadt Freiburg als Schulträger und der zuständigen Schulaufsicht gemeinsam verwalteten Bildungsbudgets soll die Schulentwicklung unterstützt werden. Das Bildungsbüro habe als Koordinierungsstelle die Aufgabe, vorhande-ne Unterstützungsmöglichkeiten auf den Bedarf der Schulen abzustimmen und neue Formen der Förderung von Kindern und Jugendlichen zu erschließen. "Eine gute Quali-tät von Schule und Unterricht stellt sich dann ein, wenn die Talente und Begabungen der Kinder und Jugendlichen gezielt gefördert und in das Zentrum gemeinsamer Anstrengungen gestellt werden", so der Kultusstaatssekretär. Rau dankte beiden Partnern für deren Bereitschaft, "ein in der Bildungslandschaft Baden-Württembergs bisher einmaliges Projekt auf den Weg zu bringen." Dem Prozess der Qualitätsentwicklung an Schulen werde dadurch "zusätzliche Schubkraft" verliehen. Das von der Bertelsmann Stiftung zur Verfügung gestellte Evaluationsinstrument bilde die Grundlage des Projekts und ergänze "auf hervorragende Weise" die vom Land entwickelten Angebote.
Knotenpunkt in einem Netz an Unterstützungsangeboten
"Wir freuen uns, eine landesweite Vorreiterrolle zu übernehmen", sagte Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon. Das Bildungsbüro passe zu einer Stadt wie Freiburg, die im Südwesten und bundesweit als einer der führenden Wissenschafts-, Forschungs- und Bildungsstandorte gelte. In der neuen Einrichtung sieht der Oberbürgermeister einen "zentralen Knotenpunkt" in einem weit verzweigten Netz an Unterstützungsangeboten. Salomon hob insbesondere die Bedeutung außerschulischer Partner hervor. "Bildung und Erziehung sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das Projekt gibt einen wichtigen Impuls für die Entwicklung einer regionalen Bildungslandschaft in Freiburg." Hochschulen, Erwachsenenbildung, karitative und kulturelle Einrichtungen, Ver-eine und vor allem die regionale Wirtschaft würden etliche Anknüpfungspunkte für Kooperationen bieten.
Verzahnung schulischer und berufsbezogener Bildung
Der Oberbürgermeister setzt vor allem auf eine enge Verzahnung schulischer und berufsbezogener Bildung. Die Berufsvorbereitung durch Praktika, Betriebserkundungen, Schülerfirmen und praxisnäheren Unterricht würden zusätzliches Gewicht bekommen. Alle Maßnahmen erforderten eine enge Zusammenarbeit von Schulen, Betrieben und Arbeitsvermittlung, die zukünftig über das Bildungsbüro koordiniert werden könne. Salomon erinnerte daran, dass Investitionen in Bildung, Ausbildung und Wissenschaft auch "ein Stück aktiver Wirtschaftsförderung" seien. "Regionen mit gut qualifizierten Arbeitskräften haben im Wettbewerb der Standorte die Nase vorn", betonte der Ober-bürgermeister.
Enge Zusammenarbeit mit Jugendämtern und sozialen Eichrichtungen
Freiburgs Schulbürgermeisterin Gerda Stuchlik betrachtet das Bildungsbüro als "große Chance, Schule und Jugendarbeit noch besser aufeinander abzustimmen". Die enge Zusammenarbeit mit Jugendämtern sowie sozialen oder kulturellen Einrichtungen zähle ebenfalls zu den Kernaufgaben des neuen Bildungsbüros. Insbesondere benachtei-ligte und problematische Jugendliche in schweren Lebenslagen benötigten eine Vielzahl von Unterstützungsangeboten, die nahtlos ineinander greifen müssten. Ausgehend von einer systematischen Bedarfserhebung müssten gezielt vorbeugende Maßnahmen ergriffen werden. Dazu gehörten sozialpädagogische Betreuungsangebote wie Projekte zur Gewaltprävention, Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien sowie außerschulische Freizeit- und Lernangebote.
"Erkenntnisse aus den internationalen Studien aufgreifend, werden die Themenbereiche Sprach- und Leseförderung sowie intensiveres Zusammenwirken von Schule und Kindergarten einen besonderen Stellenwert im Regionalen Bildungsbüro einnehmen. Hier gilt es, Unterstützungssysteme zu entwickeln, die eine frühzeitige bedarfs- und entwicklungsorientierte Förderung zum Inhalt haben", so Bürgermeisterin Stuchlik weiter.
Bertelsmann Stiftung stellt Evaluationsinstrument zur Verfügung
Die Bertelsmann Stiftung unterstützt nicht nur die Einrichtung des regionalen Bildungsbüros. Grundlage des Projekts ist die gezielte Planung der Schulentwicklungsprozesse mit Hilfe einer genauen Bedarfsanalyse. Dazu stellt die Bertelsmann Stiftung den teilnehmenden Schulen ein international erprobtes Instrument zur "Selbstevaluation in Schulen", kurz "SEIS", zur Verfügung.
SEIS bietet Fragebögen für Lehrkräfte, Schüler und Eltern zu zentralen Bereichen von Schule und Unterricht und zusätzlich eine Software zur Dateneingabe, -administration und -auswertung. Anhand eines differenzierten Berichts können Schulen so ihre spezifischen Stärken und Schwächen erkennen und darauf aufbauend entsprechende Maßnahmen zur Qualitätsverbesserung planen. Gleichzeitig können sie sich mit anderen Schulen vergleichen. Nach Auffassung des Leiters des Themenfeldes Bildung bei der Bertelsmann Stiftung, Dr. Christof Eichert, ermöglicht dieser "Blick in den Spiegel und dann über den Tellerrand" den Schulen eine realistische Einschätzung ihrer Qualitätsentwicklung und die Chance, voneinander zu lernen. "Die Zeit des Einzelkämpfertums ist vorbei. Der Schlüssel für die Qualitätsverbesserung von Schule und Unterricht liegt in der Kooperation der Schulen untereinander und mit Partnern aus dem regionalen Umfeld. Unser Engagement soll dazu dienen, den Gedanken einer gemeinschaftlichen Bildungsverantwortung von Staat und Kommunen voranzutreiben", betonte Eichert.
Anhang: Aufgabenverteilung zwischen den Partnern im Einzelnen
Aufgabenverteilung zwischen den Partnern im Einzelnen
Die Bertelsmann Stiftung stellt das Instrument zur "Selbstevaluation in Schulen" (SEIS) zur Verfügung. Die Stiftung finanziert darüber hinaus die Entwicklung von Konzepten und die Qualifizierung von Trainer/innen. Sie führt Fortbildungsveranstaltungen durch und unterstützt den Erfahrungsaustausch zwischen den Projektschulen. Die Bertelsmann Stiftung finanziert die redaktionelle Erarbeitung von Bausteinen für die Gestaltung von Schulentwicklungsprozessen und beteiligt sich personell am Projektmanagement.
Die Stadt Freiburg richtet das regionale Bildungsbüro als Stabstelle beim Amt für Schule und Bildung ein. Außerdem ist das regionale Bildungsbüro für die Einrichtung einer regionalen Steuerungsgruppe unter Beteiligung der Schulaufsicht, Land und Bertelsmann Stiftung zuständig und veröffentlicht regionale Bildungsberichte. Die Stadt Freiburg trägt weiterhin die Nutzungskosten für den Qualitätsvergleich SEIS. Dafür werden vom Land Mittel in Höhe von 48.000 Euro zur Verfügung gestellt. Ferner stellt die Stadt Gelder für den Innovationsfonds in Höhe von jährlich 75.000 Euro aus eigenen Mitteln zur Verfügung, aus dem zum Beispiel Qualifizierungsmaßnahmen finanziert werden.
Das Kultusministerium unterstützt die Arbeit des Bildungsbüros mit einem Landeszuschuss in Höhe von 320.000 Euro für Personal und Sachkosten. Es stellt den Projektschulen Instrumente zur Bewertung ihrer Qualität im Rahmen des SEISSystems zur Verfügung und bietet vielfältige Möglichkeiten der Fortbildung und Beratung für Schulen. Das Kultusministerium beteiligt sich an überregionalen Koordinierungs und Expertengruppen. Die wissenschaftliche Begleitung und Auswertung des Projekts wird ebenfalls vom Kultusministerium finanziert.
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