Überforderte Schüler

Schulen entdecken die Resilienz

(Arndt Zickgraf) Deutschland hat sich bei der PISA-Studie verbessert, eventuell hat das seinen Preis – immer mehr Schüler klagen über Stress und Überforderung. Nun setzen erste Schulen auf sogenannte Resilienz-Programme, die die seelische Widerstandskraft von Kindern und Jugendlichen stärken wollen. Eine große Rolle spielt dabei die Betonung von Lernerfolgen.

24.07.2015 Artikel
  • © Klett

Eine 12-jährige Gymnasiastin schreibt so viele Tests oder Klausuren in der sechsten Stufe, bis sie eines Tages resigniert sagt: "Das Leben ist ein Test." Ein Einzelfall oder sind immer mehr Schüler überfordert?

Maike Rönnau-Böse: Das ist kein Einzelfall. Viele Schülerinnen und Schüler stehen unter enormem Druck, weil das Bildungssystem darauf ausgerichtet ist, dass etwas zu einem bestimmten Zeitpunkt geleistet wird. Fähigkeiten und Stärken, die für das Leben der Kinder von Bedeutung sind, zählen weniger. Es kommt vor allem auf Kompetenzen an, die innerhalb des Lehrplans relevant sind.

Nun zeigt die Forschung, dass man überforderte Schüler mittels Resilienzprogrammen entlasten kann. An wen richten sich solche Programme und was wollen sie erreichen?

Maike Rönnau-Böse: Das Alter der Schüler und die Schulform spielen keine Rolle – diese Programme gehen alle Schulen an, egal ob Grundschule, Hauptschule oder Gymnasium. Doch je früher die Förderung der Resilienz einsetzt, umso mehr Möglichkeiten gibt es, Kinder und Jugendliche zu stärken.

Resilienzförderung verändert den Blick von Lehrern auf ihre Schüler: Eine Kultur der Bestärkung tritt an die Stelle der Bewertungskultur. Das funktioniert nicht in einigen Tagen oder Wochen, sondern ist ein langfristiger Prozess. Wir begleiten Schulen ein Jahr lang, zum Beispiel im Rahmen von pädagogischen Tagen.

Hauptschulen setzen schon seit Längerem darauf, das Selbstwertgefühl von Jugendlichen zu stärken. Was ist das Neue an Resilienzförderung in Schulen?

Maike Rönnau-Böse: Resilienzförderung ist ein ganzheitlicher Ansatz, der Kinder und Jugendliche darin bestärkt, neue Herausforderungen wie die zunehmende soziale Ungleichheit, ungleich verteilte Bildungschancen oder etwa Stress in Schule und Familie zu bewältigen. Die Förderung setzt nicht nur bei einzelnen Schülern an, die es nötig haben. Resilienz ist ein Konzept zur Entwicklung der gesamten Organisation Schule. Alle Lehrer sind angesprochen, nicht nur die besonders engagierten Pädagogen oder Vertrauenslehrer. Unter dem Gesichtspunkt der Resilienz wird das Kind oder der Jugendliche nicht nur in der Klasse gesehen, sondern auch in seiner Freizeit. Wir konzentrieren uns auf die Eigenarten eines Kindes.

Besteht nicht die Gefahr, dass Schüler mit Resilienzförderung im Rücken noch mehr für ihre Erfolge und Misserfolge in die Pflicht genommen werden?

Maike Rönnau-Böse: Die Verantwortung darf nicht einzelnen Schülern zugeschoben werden. Mit dem Resilienzboom, den wir derzeit erleben, geht das Vorurteil einher, man bräuchte Kindern und Jugendlichen nur bestimmte Fähigkeiten anzutrainieren – hinterher kämen sie schon mit allen Schwierigkeiten zurecht. Es geht bei der Resilienz nicht nur darum, Kinder starkzumachen, sodass sie mit einer immer größeren Anzahl von Problemen zurechtkommen. Ein Resilienzprogramm, das in der Schule eingeführt wird, gestaltet die Umwelt so, dass Kinder gar nicht mehr so viele Probleme haben.

Welche Rollen spielen die verschiedenen Beteiligten in der Schule bei der Einführung der Resilienz?

Maike Rönnau-Böse: Entscheidend ist, Resilienzförderung im Schulprogramm zu verankern. Alle Akteure sollten dabei einbezogen werden – das Gesamtkonzept wird allen Gremien vorgestellt, damit alle Pädagogen darüber abstimmen und schließlich an einem Strang ziehen. Denn an vielen Schulen ist es immer noch schwierig, Lehrer zusammenzuschweißen, damit sie sich gegenseitig unterstützen. Der Schulleitung kommt ein besonderer Stellenwert als Motor zu, der den Prozess der Resilienzförderung von außen überwacht. Es ist auch wichtig, Schüler auf der Ebene des Klassenrats einzubinden.

Die einen Eltern kreisen wie Helikopter über ihren Kindern und halten alle Widrigkeiten von ihnen fern, die anderen vernachlässigen ihre Kinder. Beides kann die Entwicklung von Kindern beeinträchtigen. Welche Rolle kommt den Eltern zu?

Maike Rönnau-Böse: Resilienzprogramme sind am erfolgreichsten, wenn sie die Kinder, deren Eltern und das soziale Umfeld erreichen. Es ist wichtig, dass Lehrer Kontakt zu den Eltern aufnehmen, bevor Probleme auftreten. Denn wer in einer Beziehung steht, kann Schwierigkeiten besser ansprechen. Gerade Eltern mit Migrationshintergrund oder Eltern, die wie ihre Kinder selbst auf eine Hauptschule gegangen sind, blicken oft auf schwierige Schulbiografien voller Ängste zurück. Hier sind Lehrkräfte aufgefordert, Eltern positive Aspekte von Schule aufzuzeigen.

An welche Fächer sollten Resilienzprogramme andocken?

Maike Rönnau-Böse: Im Prinzip eignet sich jeder Unterricht. Zur Einführung nutzen wir oft Lehrerstunden, die nicht einem Fach zugeordnet sind. Wir animieren Lehrer etwa dazu, neben dem Klassenbuch eine Lob-Liste zu führen, um sich zu vergewissern, welche Schüler sie schon gelobt haben und welche noch Lob gebrauchen könnten und was für eine Art von Lob – jedenfalls kein Lob mit einem Aber dahinter.

Eine Deutschlehrerin aus Baden-Württemberg hatte bei Gedichtinterpretationen früher nur darauf geachtet, ob die Betonung richtig war und die Kinder das Gedicht richtig auswendig gelernt hatten. Nachdem sie an unserem Resilienzprogramm teilgenommen hat, fragt sie ihre Schüler heute: Wie hast du dich dabei gefühlt? Wie hast du das geschafft? Welche Ressourcen hast du eingesetzt? Es reicht nicht, Schülern Lesen und Schreiben beizubringen, sie sollen im Unterricht auch die Gelegenheit bekommen, Selbstwirksamkeit zu erleben.

Resilienz leitet sich vom Englischen "resilience" ab und bedeutet so viel wie seelische und körperliche Widerstandsfähigkeit, Spannkraft und Elastizität. Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit von Schülern und Lehrern, mit Veränderungen und Herausforderungen des Lebens zurechtzukommen und sich auch nach schwierigen Zeiten wieder erholen zu können.

Erstveröffentlichung und aller Rechte: Klett Themendienst Schule Wissen Bildung


Mehr zum Thema


Schlagworte

Keine Kommentare vorhanden

Sie sind derzeit nicht angemeldet. Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich vorab bei uns registrieren. Alternativ können Sie sich über Ihren Facebook-Account anmelden.
Anmelden