Sehen durch die Resilienzbrille
Um gut durch unsichere Zeiten zu kommen, benötigen wir Resilienz. Damit Kinder diese entwickeln, braucht es Erwachsene, die sich auf die Stärken der Kinder fokussieren und sie ernst nehmen. Von Silvia Gallus
22.06.2023 Bundesweit Artikel didacta – Das Magazin für lebenslanges LernenResilienz ist in den von Krisen geprägten Zeiten immer wichtiger. Was genau ist unter dem Begriff zu verstehen?
Isabella Helmreich: Resilienz meint die Aufrechterhaltung der psychischen Gesundheit in widrigen Lebensumständen. Dass es eine Person schafft nach stressigen Zeiten dank interner und externer Ressourcen ihr psychisches Wohlbefinden wiederherzustellen.
Isabella Helmreich leitet den Bereich Resilienz und Gesellschaft am Leibniz-Institut für Resilienzforschuang (LIR). Sie untersucht, wie Resilienz gestärkt werden kann, und bietet Fortbildungen zu diesem Thema an.
Man kann sich das wie einen Schwamm vorstellen: Ihn kann man quetschen und er kehrt wieder in seine Ursprungsform zurück. Zu 30 Prozent ist Resilienz genetisch bedingt, der Rest entwickelt sich im Laufe des Lebens.
Können Sie Beispiele für interne und externe Ressourcen nennen?
Unter externe Ressourcen fallen zum Beispiel gute Bildung, einerseits im Sinne von Chancengleichheit beim Zugang zu Bildung, andererseits aber auch qualitativ im Sinne von strukturell und personell gut ausgestatteten Kitas und Schulen. Es zählen aber auch Faktoren wie ein gutes Netzwerk und Personen, die einen unterstützen dazu – Lehrkräfte, Erzieher und Freunde. Interne Ressourcen umfassen beispielsweise Problemlösefähigkeit, Selbstwirksamkeit und ein gutes Selbstbewusstsein.
Wie können pädagogische Fachkräfte die internen Ressourcen von Kindern stärken?
Es geht vor allem darum, wie sie mit Kindern umgehen und wie sie sie sehen. Fachkräfte sollten sich eine Resilienzbrille aufsetzen, um die Stärken zu sehen und diese auch entsprechend zu würdigen. In Deutschland fokussieren wir uns zu oft auf die Defizite. Wir schauen vor allem darauf, in welchen Bereichen ein Kind besser werden muss.
Und wie verändert sich der Blick, wenn wir durch die Resilienzbrille sehen?
Dann loben wir die Kinder für das, was sie schon können. Wir sagen nicht „Du bist schlecht in Mathe, strenge dich an“, sondern bestärken das Kind: „Wenn du weiter so fleißig übst, wirst du dich weiterentwickeln.“ Es geht um einen ressourcenorientierten Ansatz. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Wertschätzung und dem Kind zu vermitteln, dass es so ok ist, wie es ist. Also nicht das Kind selbst als Person zu kritisieren, sondern wenn, dann nur das spezielle Verhalten.
Ist das Erlernen von Resilienz auf ein bestimmtes Alter begrenzt?
Nein. Resilienz lässt sich ab der Geburt fördern bis ins hohe Lebensalter. In den ersten Monaten ist vor allem ein gutes Bindungsverhalten zu den Eltern oder anderen Bezugspersonen wichtigster Grundstein. Es gibt bei Kindern allerdings besonders günstige Entwicklungsfenster, um neue Fähigkeiten zu erlernen, die die Fachkräfte kennen sollten. Wenn ich diese verpasst habe, wird es schwieriger, aber man kann dank der Neuroplastizität, also der Veränderbarkeit unseres Gehirns, auch später viel aufholen.
Welche Entwicklungsfenster sind besonders bei Kindern im Krippen- und Kindergartenalter relevant?
Bereits Kleinkinder lernen Selbstwirksamkeit, wenn sie erfahren, dass ihre Aktionen zu Reaktionen führen und sie mit Handlungen etwas verändern können: Wenn es schreit, reagiert jemand. Ab etwa zwei Jahren werden alle sprachlichen Fähigkeiten immer relevanter. Sie sind eine Grundlage für viele Kompetenzen, etwa um Probleme lösen zu können. Außerdem spielt bei Zweijährigen eine positive Eltern- Kind-Beziehung eine große Rolle. Es ist daher wichtig, dass Fachkräfte mit den Eltern zusammenarbeiten, um auch über sie die Resilienz zu fördern – indem sie sie zum Beispiel darin schulen, mit ihrem Kind gut zu kommunizieren und es adäquat in wichtigen Entwicklungsfeldern zu unterstützen.
Wie kann gute Kommunikation zur Resilienz beitragen?
Indem Dinge mit dem Kind besprochen werden und es Regeln gibt, wie man das Zusammenleben gestaltet. Alle werden mit ihren Bedürfnissen gesehen. Der Fokus muss darauf liegen, Dinge auszuhandeln und gemeinsam gute Lösungen zu finden.
Dieser Artikel ist zuerst im didacta Magazin Ausgabe 2/2023, S. 32-35 erschienen. https://avr-emags.de/emags/didacta/didacta_2_2023/#0
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