Studenten machen Schule
(kg). Wie wissenschaftlich gearbeitet wird, wie Präsentationen und Referate gehalten werden, wissen Studenten nur zu gut. Schließlich gehört es zu ihrem Studium dazu. Weil sich viele Lehrer damit schwer tun, haben Berliner Studenten ein Programm für Schulen entwickelt. Davon profitieren nicht nur die Schüler. Die Studenten gewinnen dabei viele Erfahrungen beim Unterrichten, die im Studium viel zu kurz kommen.
17.11.2010 ArtikelDie Abiturienten des Carl-Friedrich-von Siemens-Gymnasiums in Berlin-Spandau bleiben nachmittags gerne freiwillig länger in der Schule. Auf dem Stundenplan steht wissenschaftliches Arbeiten und das interessiert alle, schließlich ist eine Präsentation oder eine wissenschaftliche Hausarbeit eine Prüfungskomponente des Abiturs. Wie ein Thema formuliert, Literatur recherchiert und richtig zitiert wird, erklärt Annika Bruck, die Englisch und Spanisch an der Freien Universität Berlin für Lehramt studiert. Zu Beginn des Workshops geht es um die Struktur.
Annika Bruck verteilt Umschläge mit grünen Streifen, auf denen die Überschriften verschiedener Unterpunkte für eine Arbeit, beispielsweise zum Thema der Amerikanisierung des deutschen Wahlkampfs, stehen. "Die richtige Reihenfolge zu finden ist gar nicht so einfach, weil alles irgendwie zusammenhängt", sagt die Studentin aufmunternd zu den Schülern, die in kleinen Gruppen diskutieren und puzzeln. Anschließend besprechen sie gemeinsam die Lösung. Annika Bruck ist eine von 65 Studierenden, die Schüler unterrichten.
Wissenschaftliches Arbeiten authentisch vermitteln
Auch Robert Greve gehört dazu. Als er vor drei Jahren einer Freundin kurz vor deren Abitur erklären sollte, worauf es bei Präsentationen und wissenschaftlichen Hausarbeiten ankommt, fiel ihm die Wissenslücke auf. Ein erster Methodenworkshop an seiner ehemaligen Schule, dem Berliner Sophie-Charlotte-Gymnasium, bestätigte den Bedarf.
"Wir haben mit etwa 15 Schülern gerechnet, aber es kamen über 70", berichtet der 25-Jährige. Gemeinsam mit zehn Studierenden rief er das Programm "Studenten machen Schule" ins Leben. Die Senatsschulverwaltung informierte alle Oberschulen über das Angebot und unterstützte die Studierenden bei den Schulkontakten. Seitdem wächst die Nachfrage stetig. Vor zwei Jahren haben sich rund 1 000 Schüler in 41 Workshops an 17 Schulen auf ihre Prüfungen vorbereitet. Im vergangenen Jahr führten die Studentinnen und Studenten bereits 67 Workshops durch. Zusätzlich bieten sie eine Sprechstunde an, in der Schüler individuelle Fragen klären können. Der Schulleiter der Carl-Friedrich-von Siemens-Schule begrüßt das Angebot. "Die Studenten können wissenschaftliches Arbeiten authentischer vermitteln, sie wissen, was an Universitäten verlangt wird", sagt Michael Pohl. Aufgrund des geringen Altersunterschieds hätten sie einen guten Draht zu den Schülern, außerdem seien Personen, die von außen kommen, eine Bereicherung für die Schule. Für Annika Bruck sind die Seminare "das beste Training für die Zukunft".
Fortbildungen auch für Lehrer
Als auch Lehrer an den Schülerworkshops teilnahmen, um ihr Wissen über PowerPoint-Präsentationen und wissenschaftliches Arbeiten aufzufrischen, entwickelten die Studierenden ebenfalls eine Fortbildung für Lehrer. Vermittelt werden Informationen zur Online-Literaturrecherche, zum Einsatz von Medien, auch dazu, wie aus einer Idee ein Thema wird, sowie zur Struktur der prüfungsrelevanten Aufgaben. "Die Praxisnähe der Studenten ist ein riesiger Vorteil", sagt Lehrerin Ute Hildebrandt, die an einer Fortbildung teilgenommen hat.
Inzwischen gibt es auch ein Workshop-Programm für Sekundar- und Realschulen sowie für Oberstufenzentren. Für die fünften und sechsten Klassen heißt das Angebot "Schülerwerkstatt für Schlüsselqualifikationen". Die Studentinnen und Studenten bieten für diese beispielsweise Workshops zum Thema Mediennutzung an, in denen sie den Schülern erklären, wie sie Informationen im Internet finden sowie Textverarbeitungs- und Präsentationsprogramme nutzen. Im Modul "Lernen lernen" geht es von Gedächtnistraining über Lernarten bis hin zu Entspannungsübungen. Schüler Arman hat dabei beispielsweise gelernt, dass er sich Wissen am besten durch Lesen aneignen kann. Für die Klassenstufen neun bis dreizehn steht wissenschaftliches Arbeiten als Vorbereitung für die fünfte Prüfungskomponente im Abitur und Präsentieren für den Mittleren Schulabschluss auf dem Programm. Außerdem gibt es Workshops, die Schüler für Bewerbungen und die Berufswelt fit machen oder bei der Auswahl des passenden Studienfachs helfen. Die Studierenden, die in den Schulen unterrichten, haben mindestens drei Semester Lehramt studiert und an einer Schulung teilgenommen.
Jeder Workshop dauert eine Doppelstunde, in der die Klasse in zwei Gruppen geteilt wird. "Für Studenten ist das eine tolle Gelegenheit, um Praxiserfahrungen zu sammeln, die im Studium viel zu kurz kommen", sagt Studentin Silke Hiller, die 15 Stunden pro Woche unterrichtet und so bereits zwanzig verschiedene Schulen in Berlin kennen gelernt hat. Als Vertretungslehrerin wolle sie jedoch nicht "verheizt" werden. Laut Greve haben einige danach auch das Studienfach gewechselt, weil sie feststellten, dass Lehrer nicht der richtige Beruf für sie ist.
Positive Resonanz
Manfred Streich, Schulleiter der Ludwig-Cauer-Grundschule, hat die Schülerwerkstatt der Studierenden gleich für fünf Klassen und das ganze Schuljahr gebucht. Eine Schule, die beispielsweise drei Workshops für insgesamt100 Schüler bucht, zahlt inklusive aller Materialien und der Organisation 1 350 Euro. Pro Teilnehmer kostet ein 90-minütiger Workshop im Schnitt 4,50 Euro. Die Schulen finanzieren das Angebot über das Personalkostenbudget, Fördervereine und mit Hilfe von Eltern. Die Resonanz ist positiv: "95 Prozent aller Partnerschulen arbeiten nach dem ersten Workshop weiter mit uns zusammen", berichtet Greve.
Bei der Umsetzung der Idee zu "Studenten machen Schule" nutzte das Gründungsteam 2007 die Gründungsförderung der Freien Universität Berlin, um den Verein academiq ins Leben zu rufen. Mittlerweile hat sich dieser zur erfolgreichen Unternehmergesellschaft "Schlüsselqualifikationen, Wissenschaftsvorbereitung und interaktive Medien" entwickelt. Seit Beginn des laufenden Schuljahres gibt es das Angebot nicht nur an 120 Berliner Schulen, sondern auch in Hamburg an 35 sowie in Brandenburg an acht Schulen. Rund 20 000 Schüler nehmen insgesamt im laufenden Schuljahr an dem Programm teil.
Unterstützt werden die Studierenden bei der Umsetzung von den Landesschulbehörden, Schulleitern vor Ort, Lehrerfortbildungseinrichtungen, Universitäten und Elternverbänden. Ihr Ziel ist, das Workshop-Programm für Schulen sowie individuelle Workshops je nach Leistungsstand der Schüler bundesweit anzubieten.
Kompakt
Studentinnen und Studenten, die sich an dem Programm "Studenten machen Schule" beteiligen, bereichern die Schulen. Sie bringen aktuelles Wissen Schülern nahe und bereiten sie so auf ein Studium oder einen Beruf vor. Wichtige Schlüsselqualifikationen, wie Präsentationen durchzuführen und den Umgang mit neuen Medien, können sie verständlich und praxisnah vermitteln, weil sie selbst ständig damit zu tun haben. Viele Lehrer müssen sich dieses Wissen erst neu aneignen. Außerdem erfahren die Studierenden früh, was es heißt, eigenverantwortlich vor einer Klasse zu stehen. Auch die Erkenntnis, das falsche Studium gewählt zu haben, ist eine wichtige. Damit bleiben Generationen von Schülern unmotivierte Lehrer erspart.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst 11/2010
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