"Tun Sie alles für gute Unterrichtsstunden!"
(red) Um die Gesundheit der Lehrer steht es nicht besonders gut. Laut Potsdamer Lehrerstudie klagen rund 60 Prozent aller Lehrkräfte über Erschöpfung, Überforderung und Resignation. Als Grund werden oft die Rahmenbedingungen wie große Klassen, auffälige Schüler oder hohe Stundenzahlen genannt. Stellschrauben, an denen der Einzelne kaum etwas verändern kann. Trotzdem können Lehrende etwas für ihre Gesundheit und ihre Zufriedenheit tun, meint Nikolaus Kirstein. Er unterrichtet an einer Wiener Handelsschule und hat einen Ratgeber zur Lehrergesundheit geschrieben. Auf der didacta wird er über erfolgversprechende Methoden, Tipps und Tricks berichten.
25.01.2013 ArtikelHerr Kirstein, wie bleiben Lehrerinnen und Lehrer gesund?
Nikolaus Kirstein: Die Frage ist: Was kann ich als Lehrer machen, um einem Burn-out vorzubeugen? Wie kann ich meinen Arbeitsalltag so gestalten, dass ich nicht ständig Kraft verliere, sondern Kraft tanke? Wir erleben in unserem Beruf Sternstunden, wir erleben oft guten Unterricht, der uns aufbaut, der uns stärkt. Denn guter Unterricht gibt Kraft. Deswegen müssen wir solche Erfolgspunkte über den Tag sammeln und lernen, unnötige Konfrontationen und unnötigen Frust zu vermeiden.
Klingt einleuchtend, was heißt das aber in der Praxis?
Nikolaus Kirstein: Ein Beispiel: Wir gehen meist mit umfangreichen Vorbereitungen in den Unterricht und müssen oft darum kämpfen, den Stoff in dieser Stunde auch durchzubringen. Es gibt aber schon seit Langem Tipps und Tricks, wie ich es vermeiden kann, mit meinem Konzept auf so großen Widerstand bei den Schülern zu stoßen, und wie ich diesem Widerstand auf eine produktive Art und Weise begegnen kann.
Nämlich?
Nikolaus Kirstein: Zuerst einmal verlange ich nicht von mir, noch mehr vorzubereiten, noch mehr zu arbeiten. Ich muss stattdessen den Schülern beibringen, dass auch sie am Gelingen des Unterrichts beteiligt sind. Es führt kein Weg daran vorbei, dass Schüler in der Schule ein gewisses Interesse entwickeln und ein gewisses Benehmen haben. Das muss ich notfalls auch zum Thema machen. Wenn es ganz schief läuft, dann muss ich den Unterricht dafür aussetzen, um mit der Klasse zu einer Arbeitsübereinkunft zu kommen. Ich muss die Schüler in die Verantwortung nehmen. Und - glauben Sie mir - zehnjährige Schüler können schon sehr viel Verantwortung übernehmen und sie wollen das auch! Das bedeutet für sie, zu arbeiten und Erfolge zu erleben. Sie lernen, dass Lernen gelingen kann und dass man gemeinsam Freude an dem hat, was man lernt.
Der Lehrer muss also nicht die gesamte Last und Verantwortung auf seinen Schultern tragen?
Nikolaus Kirstein: Uns wird suggeriert, dass wir diese 45 Minuten selbst in eigener Verantwortung ohne die Hilfe anderer bewältigen müssen. Das ist dieses Einzelkämpfertum. Natürlich hat der Lehrer gegenüber den Schülern die Verantwortung für den Unterricht. Aber es gibt auch systemische Zwänge, wie etwa die Pausenklingel, die für alle Stress bewirkt. Oder es gibt die Abfolge des Unterrichts: Wer war vor mir, wer kommt nach mir? Welcher Gegenstand wurde behandelt, gab es eine Klassenarbeit? Das kennen die Kollegen. Man muss also trennen: Wofür habe ich wirklich Verantwortung und wofür nicht. Eine gut vorbereitete Stunde liegt in meiner Verantwortung, aber für den psychischen Zustand der Schüler oder den Stress durch die Pausenklingel bin ich nicht verantwortlich.
Verantwortlich sind die Lehrkräfte auch nicht für die Rahmenbedingungen, etwa für die Klassengröße oder die Lehrplanvorgaben.
Nikolaus Kirstein: Mit den Rahmenbedingungen ist das ein wenig schwierig und kann auch leicht als Ausrede dienen. Wenn ich meinen Beruf gern mache, dann geht es darum, mich auf das zu konzentrieren, was ich gut kann und wo ich erfolgreich bin. Es geht nicht darum, die Vorgaben des Ministeriums kommagenau zu erfüllen. Dafür bekomme ich keinen Orden. Es geht darum, die nächsten Stunden, die nächste Woche erfolgreich zu gestalten. Das Wichtigste ist die gute Unterrichtsstunde. Mein Tipp an die Kollgen: Tun Sie alles für gute Unterrichtsstunden! Das stärkt am meisten.
Neben den Schülern gibt es ja noch die Kolleginnen und Kollegen. Fördern sie den Stress oder die Gesundheit?
Nikolaus Kirstein: Die gegenseitige Erwartung in den Schulen ist oft, dass jeder seine Klasse im Griff haben sollte. Dadurch kann ein erheblicher Druck entstehen. Dann gibt es natürlich auch Missgunst und die üblichen Probleme wie an anderen Arbeitsplätzen. Hier empfiehlt sich, aktiv an einem Miteinander mitzuwirken. Das heißt ganz konkret: eigene Unterlagen gern zu teilen und auch mit unsympathischen Kollegen zum Beispiel über positive Anker eine Gesprächsbasis herzustellen.
Auch Eltern werden mitunter als Stressfaktor betrachtet, weil sie meinen, besser zu wissen, wie Schule funktionieren sollte.
Nikolaus Kirstein: Das vergleiche ich mit dem Fußball. Es gibt viele Fußballfans, die genau wissen, wie die Aufstellung im nächsten Spiel aussehen muss oder wie man einen Angriff aufbaut. Aber es sind Fans, die sich dafür begeistern, die sich damit auseinandersetzen und keine Trainer. Und Eltern sind keine Lehrer. Sie verstehen von Unterrichtsgestaltung und von unserem Arbeitsalltag nicht sehr viel, aber es interessiert sie, was in der Schule passiert. Und das sollte man positiv zur Kenntnis nehmen und froh darüber sein, dass man einen Beruf hat, der sehr viele Leute interessiert und dass man oft im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht.
Manchmal aber auch in einem schlechten Licht, wenn man an Sprüche wie den von den faulen Säcken denkt.
Nikolaus Kirstein: Dem kann man nicht aus dem Weg gehen. Schließlich ist die mangelnde öffentliche Anerkennung einer der wichtigsten Faktoren für Burn-out. Und ich muss als Lehrer immer damit rechnen, dass ich im Privatleben damit konfrontiert werde. Was sehr hilft, ist eine gewisse witzige Schlagfertigkeit. Leute, die das Argument mit den faulen Säcken bringen, werde ich nicht überzeugen. Die wollen sich ihr Gemüt damit kühlen. Da hilft wirklich nur die eigene Schlagfertigkeit. Die entlastet einen dann und das tut gut.
Haben Sie ein Beispiel parat?
Nikolaus Kirstein: Angenommen Sie sprechen auf einer Party mit Ihnen unbekannte Menschen und "outen" sich als Lehrer. Dann ist ein Kommentar wie dieser meist nicht fern: "Sechs Wochen Ferien am Stück hätte ich auch gern." Eine mögliche schlagfertige Antwort könnte sein: "Ich bin sicher, Ihr Chef kann Sie auch mal länger entbehren."
Herr Kirstein, Sie selbst fühlen sich wohl in Ihrem Lehrerdasein?
Nikolaus Kirstein: Ja, ich mag meinen Beruf. Aber ich muss auch die Fallen erkennen. Ich sehe Kollegen, die ausgelaugt sind, ich sehe aber auch Kollegen, die noch mit über 50 Jahren neue Modelle kreieren und neuen Unterricht entwickeln. Das sind meine Vorbilder.
Dazu auf der didacta 2013 in Köln
Forum Unterrichtspraxis Halle 9, Stand D30/E31
Lehrergesundheit erhalten - Methoden zu Belastungsreduktion und mehr Unterrichtsqualität
Mit den hohen Erwartungen an die Lehrerinnen und Lehrer bleiben schwere Erschöpfungszustände weiterhin die gesundheitliche Bedrohung Nummer eins. Der Vortrag zeigt Methoden, die den Unterrichtsalltag erfolgreicher machen und die Gesundheit stärken. Dabei wird konsequent der Standpunkt der Lehrperson eingenommen. Es zeigt sich, dass eine Belastungsreduktion der Lehrerinnen und Lehrer sehr wohl mit einer Hebung der Qualität des Unterrichts einhergehen kann. Es wird besprochen, wie man als Teil einer sehr heterogenen Lehrerschaft das Klima an der Schule verbessern kann. Entärgerungsstrategien werden exemplarisch vorgestellt. Aber auch Ideen zur Behauptung des sozialen Status in der Gesellschaft.
Referent: Nikolaus Kirstein. Der Diplompädagoge unterrichtet an einer Wiener Handelsakademie und Handelsschule und ist Preisträger des Lörnie-Awards 2008 des österreichischen Bildungsministeriums. Er ist Autor des Ratgebers 99 Tipps: Lehrergesundheit erhalten
Forum Bildung, Halle 6, Stand D48/E49
Lasst Kinder wieder Kinder sein
19.02.2013, 16:00 - 18:00 Uhr
In der psychiatrischen Praxis von Dr. Michael Winterhoff begegnen ihm immer mehr Kinder, deren Verhalten sich gegenüber einer Zeit von vor etwa 15 Jahren in sehr auffälliger Form verändert hat. Diese Kinder versuchen, ihre Eltern im Speziellen und damit die Erwachsenen im Allgemeinen zu steuern. Michael Winterhoff bietet für diese Phänomene eine neue Erklärung aus tiefenpsychologischer Sicht. Seine Ausführungen leisten einen Beitrag zur gesellschaftlich notwendigen Diskussion über die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen zu sozialen Wesen, die selbstbewusst, aber auch auf andere achtend ihr Leben führen können.
Referent: Michael Winterhoff, Kinder- und Jugendpsychiater, Autor
Gewalt in der Schule
20.02.2013, 11:00 - 12:15 Uhr
Immer häufiger beklagen Lehrkräfte mangelnden Respekt - von Seiten der Schülerinnen und Schüler und zwischen den Schülerinnen und Schülern selbst. Gewalt, Rassismus und (Cyber-)Mobbing sind an Schulen alltäglich. Schnell wird dann der Ruf nach durchsetzungsstarken Lehrkräften laut, die auf die Schülerinnen und Schüler stärker einwirken sollen. Wie gut sind Lehrkräfte für den Umgang mit "schwierigen" Schülern gewappnet? Wo beginnt die Verantwortung der Eltern und wo hört sie auf?
Teilnehmer: Rüdiger Stellberg, Wissenschaftlicher Leiter Institut für Gewaltprävention, Ulrich Thöne, Vorsitzender der GEW, Detlef Träbert, Diplom-Pädagoge, Fortbildner und Autor, stv. Bundesvorsitzender der Aktion "Humane Schule"
Lehrer zwischen den Fronten
21.02.2013, 11:00 - 12:00 Uhr
Jahrzehnte lang unterrichtete Ursula Sarrazin als Grundschullehrerin, zuletzt im Berliner Stadtteil Westend. Mit ihrem 2012 erschienen Buch "Hexenjagd" lieferte sie einen erschütternden Erfahrungsbericht über den Druck, dem Lehrer heute ausgesetzt sind, und die Fehler, die Behörden, Politiker, Kollegen und Eltern im wichtigsten gesellschaftlichen Bereich - der Erziehung - tagtäglich machen. Ursula Sarrazin prangert die Gleichgültigkeit der Schulbehörden gegenüber dem aufreibenden Lehreralltag an und wehrt sich vehement gegen die Auslagerung elterlicher Verantwortung an das Bildungssystem: "Wir Lehrer können nicht alle gesellschaftlichen Defizite beheben. Schule ist damit überfordert." Ursula Sarrazin, Grundschullehrerin im Ruhestand und Autorin im Gespräch mit Katja Irle, Bildungs- und Wissenschaftsjournalistin
Eltern und Lehrer – Wege der Kooperation
22.02.2013, 13:30 - 14:45 Uhr
Elterngespräche sind ein Stressfaktor für Lehrkräfte, deshalb bereiten sie immer mehr professionell vor. Welches Handwerkszeug brauchen die Lehrer? Wie wird das Thema in der Lehrerausbildung verankert? Tipps für Pädagogen aus und für die Praxis.
Andreas Hamerski, Leiter Familienberatung und Schulpsychologischer Dienst Köln, Ralf Leisner, Vorsitzender der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW, Prof. Dr. Klaus-Jürgen Tillmann, Fakultät für Erziehungswissenschaft, Universität Bielefeld
Lehrer – Opfer eines erstarrten Systems?
23.02.2013, 14:00 - 15:15 Uhr
Arne Ulbricht hat in den zurückliegenden zehn Jahren an acht Schulen in vier verschiedenen Bundesländern gearbeitet. Mit seinem Buch "Lehrer - Traumberuf oder Horrorjob?" lieferte er unterhaltsame Einblicke in den manchmal traumhaften, manchmal aber auch traumatischen Lehreralltag und hat unbequeme Fragen gestellt: Ist die Verbeamtung (auf Lebenszeit) wirklich so erstrebenswert oder sollte man das System Verbeamtung nicht grundsätzlich überdenken? Und wie sieht es mit dem Bildungsföderalismus aus? Chance durch Konkurrenz oder eher ein bildungspolitisches Eigentor? Und sollten Lehrer, die mit ihrem Einkommen oft unzufrieden sind, nicht nach Leistung bezahlt werden? Seinen eigenen Beamtenstatus hat Arne Ulbricht inzwischen in ein Angestelltenverhältnis umwandeln lassen.
Arne Ulbricht, Lehrer für Geschichte und Französisch
VBE-Forum, Halle 06.1 Stand D068 E069
Ressourcen für Lehrkräfte durch Online-Trainings
20.02.2013, 12:00 - 13:00 Uhr
Angebote zur Förderung der Leistungsfähigkeit und Gesundheit von Lehrkräften. Referent: Prof. Dr. Bernhard Sieland, Universität Lüneburg
TrainerCenter-Forum
Arbeit in Balance - langfristiger Erhalt von Lebensfreude und Arbeitsfähigkeit
23.02.2013, 14:00 - 15:00 Uhr, Konferenzraum 3, Congress Centrum Ost
Arbeit in Balance strebt die Fähigkeiten für eine gesunde und erfolgreiche Bewältigung beruflicher Herausforderungen an. Auf die jeweiligen Mitarbeiter abgestimmte Maßnahmen führen zu einem neuen inneren Gleichgewicht. Belastungen können dabei wirkungsvoll abgebaut werden. Auch die Arbeits- und Lebensfreude wird aktiv gefördert und dadurch die Unternehmensentwicklung gestärkt. Arbeit in Balance unterstützt das Unternehmen, in Gesundheit, Kompetenzen und Fertigkeiten von Mitarbeitern zu investieren. Es können nach individuellem Wunsch unterschiedliche Ebenen und Konzepte ausgewählt werden. Referentin: Marion Dunkel, Ärztin, Coach & Managementtrainerin, DEAA.
Sonderschau: Bildung in Köln: Wir tun was Halle 9, Stand B60
19.02. - 23.02.2013
Die Sonderschau "Bildung in Köln" greift die Herausforderung für Städte und Gemeinden auf, Bildung aktiv zu gestalten und erfolgreich weiterzuentwickeln. Im Rahmen der Sonderschau präsentiert die Stadt Köln in Kooperation mit der Lernenden Region - Netzwerk Köln e.V. gesamtstädtische und sozialraumorientierte Bildungsaktivitäten. Einen Schwerpunkt legt die diesjährige Sonderschau u.a. auf die Bildungsprojekte im Rahmen des Strukturförderprogramms MÜLHEIM 2020.
Eine Woche lang werden in Vorträgen, Vorführungen, Aktionen und Ausstellungen innovative Bildungsstrukturen, Netzwerke und Projekte vorgestellt. Am Stand stehen qualifizierte Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für Fragen zur Verfügung.
Die Sonderschau informiert über folgende Schwerpunktthemen
- Berufliche Qualifizierung
- Bildungslandschaften und Bildungsnetzwerke
- Bildungsübergänge
- Frühkindliche Betreuung und Bildung
- Gesundheitsförderung
- Grundbildung und Alphabetisierung
- Inklusion
- Integration
- Kompetenzentwicklung
- Mehrsprachigkeit
- Schulentwicklung
- Schule 2.0
- Sprachförderung
Partner der Sonderschau:
- Amt für Kinder, Jugend und Familie
- Amt für Schulentwicklung
- Amt für Stadtentwicklung und Statistik/ MÜLHEIM 2020
- Amt für Weiterbildung/ Volkshochschule Köln/ RAA/ ZMI
- Lernende Region - Netzwerk Köln e.V.
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