Unterrichtsmethoden auf dem Prüfstand
(md). Unter dem Reformdruck im deutschen Bildungswesen zeigen sich Schulen und Lehrer offen für neue Methoden. Gleichzeitig werden Forderungen nach einer Rückkehr zum Frontalunterricht laut. Ist das so genannte individualisierende Lernen ein didaktischer Kompromiss?
26.03.2007 ArtikelDer Begriff des Frontalunterrichts hat heute eine so negative Konnotation, dass es fast ein Tabu ist, sich dazu zu bekennen. Dennoch sympathisieren überraschenderweise vor allem jüngere Pädagogen mit der totgesagten Unterrichtsform. Als zeitgemäß gilt bereits seit den 90er Jahren der so genannte offene Unterricht. In der Praxis sind die beiden Unterrichtsformen aber gar nicht so verschieden: Auch im offenen Unterricht gibt es lehrerzentrierte Phasen. Und der Frontalunterricht ist für manche Lerninhalte durchaus sinnvoll. Er lässt sich auch durch Selbstlernphasen und Gruppenarbeiten ergänzen.
Der Frontalunterricht bezeichnet per definitionem die Sozialform: Die Klasse ist nicht aufgeteilt, sondern sämtliche Schüler beschäftigen sich mit demselben Thema. Der Lehrer steht grundsätzlich im Zentrum, indem er kontrolliert, steuert, leitet oder doziert; dabei sind aber unterschiedliche Arbeitsformen möglich. Beim offenen Unterricht ist eine klare Definition nur schwer möglich, da es sich eher um einen Sammelbegriff handelt. Insgesamt steht hier die Selbstbestimmung der Lernenden im Mittelpunkt. Ob der Wissenserwerb im Rahmen von Projekten, Wochenplänen oder Freiarbeit erfolgt, bleibt offen.
Monokulturen sind fragwürdig
Die landläufige Verwendung des Begriffs offener Unterricht erweckt den Eindruck, dass er vor allem eine Negation traditioneller Unterrichtsformen ist und ein Reformbemühen zum Ausdruck gebracht werden soll. Dass sich Pädagogen heute wieder bewusst zum Frontalunterricht bekennen, muss aber keineswegs als Reformverweigerung oder Rückkehr zu tradierten Mustern interpretiert werden. Vielleicht ist es eher der Wunsch nach einem moderaten Standpunkt zwischen den beiden Extremen, die in der Wirklichkeit gar nicht so verschieden voneinander sind, wie vielfach behauptet wird.
"Jede Monokultur an Unterrichtsmethoden erscheint mir fragwürdig", bekennt Prof. Dr. Roland Berger, Leiter der Arbeitsgruppe Physikdidaktik an der Universität Ulm. Er verweist darauf, dass der Frontalunterricht bei komplexen Zusammenhängen nach wie vor eine wichtige Art zu unterrichten und de facto nie ganz aus dem Schulalltag verschwunden ist. Keine didaktische Methode ist in der Praxis ein Allheilmittel und um der Forderung nach individueller Förderung nachzukommen, müssen Lehrer jeden Einzelnen den persönlichen Stärken und Schwächen gemäß fördern. Ihre wohl wichtigste Aufgabe ist es, die Schüler zum selbstständigen Lernen zu motivieren und die dafür notwendigen sozialen und methodischen Kompetenzen zu schaffen.
Differenzierung nach Altersgruppen sinnvoll
Prof. Dr. Cordula Löffler, Professorin für Sprachwissenschaft und Sprachdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten und Vorstandsmitglied im Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V., sieht vor allem beim Schriftspracherwerb große Vorteile durch individualisierende Lernformen: "Grundschullehrkräfte stehen vor dem Problem, dass manche Schüler schon lesen und schreiben können, während andere noch gar nicht wissen, welche Funktion die Schriftsprache hat. Das Lerntempo ist vor allem in ersten und zweiten Klassen sehr unterschiedlich. Beim individualisierenden Unterricht kann jeder Schüler sein Lerntempo selbst bestimmen und die Lernmedien wählen, die zu ihm passen. Das motiviert die Schüler, das Lernen als Entdeckung zu erfahren und dem neuen Lernstoff mit Neugier zu begegnen. Gerade wenn in einer Schulklasse keine gemeinsame Wissensgrundlage besteht, gilt es, Lernchancen für alle durch individuelle Förderung zu schaffen. Der klassische Frontalunterricht ist für die Ausgangssituation nicht geeignet."
Prof. Löffler ist wissenschaftliche Beraterin des Ernst Klett Verlages und hat die Deutschredaktion bei der Entwicklung des neuen Deutschlehrwerks für Grundschulen – "Zebra" – unterstützt. Es verfolgt den Ansatz des individualisierenden Lernens. Nach dem Motto "Jeder nach seiner Gangart" ermöglicht es Lehrern einen flexiblen und gegebenenfalls auch jahrgangsübergreifenden Unterricht.
Mit insgesamt vier Werkteilen und zahlreichen ergänzenden Fördermaterialien, können Kinder die Reihenfolge der Buchstaben, die sie lernen, selbst wählen. Das Lesen wird vor allem durch Schreiben und Lautempfinden trainiert. "Zebra" beschränkt sich nicht auf eine klassische Lesefibel, sondern bietet eine Mischung aus Lesebuch und Buchstabenheft sowie Wissensbuch und Arbeitsheft. Mit den unterschiedlichen Medien und Lernformen wird der Lernstoff auf differenzierte Weise angeboten und die Schüler können selbst oder mit Hilfe des Lehrers entscheiden, welche Lernstruktur zu ihnen passt: Die Lesematerialien sind themengebunden, so dass die Schüler trotz unterschiedlicher Lesekompetenz gemeinsam ein Thema erarbeiten können. So ermöglicht "Zebra" ein entdeckendes und selbstständiges Lernen.
Fazit
Eine Mischung der didaktischen Methoden ist sinnvoll, um alle Schüler ihren Anlagen gemäß zu fördern: Individualisierender Unterricht kann sowohl Elemente des lehrerzentrierten Frontalunterrichts als auch des offenen Unterrichts enthalten. Der Ansatz bietet die Möglichkeit, bewährte pädagogische Traditionen mit den aktuellen Reformansätzen in Einklang zu bringen.
Erstveröffentlichung:
Klett-Themendienst
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