VBE: Die Strukturdebatte darf nicht über die Köpfe der Hauptschüler hinweg geführt werden

Über die Hauptschule wird zurzeit wie über eine Krankheit debattiert, die man schnell loswerden möchte. Wie sich die "betroffenen" Schüler dabei fühlen müssen, werde viel zu wenig berücksichtigt, moniert der Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg. Es sei an der Zeit, auf die Hauptschüler zuzugehen und sie stärker mit in die Dis­kussionen einzubinden. Manche Hauptschüler, vor allem die engagierteren, hätten regelrecht Angst davor, plötzlich mit Realschüler in das Wettrennen um die besseren Noten antreten zu müssen. Es gebe viele Hauptschüler, die sich von ihren Lehrern angenommen und unterstützt fühlten, die lediglich unter dem schlechten Ruf dieser gern geschmähten Schulart litten.

30.05.2007 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-Württemberg

Die Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems wird in Baden-Württemberg nicht generell und nicht von allen eingefordert, auch wenn es in den Medien im­mer mehr so rüber kommt. Unter den "rebellischen Schulleitern" aus Ober­schwaben sind keine Gymnasial- oder Realschulrektoren. Auch die "Trittbrett­fahrer" aus Esslingen, Reutlingen und Tübingen kommen aus dem Grund- und Hauptschulbereich. Realschulen und Gymnasien verteidigen dagegen die Drei­gliedrigkeit in der Regel mit Zähnen und Klauen. Natürlich spielen bei der Strukturdebatte auch Ideologien, Ängste und handfeste Eigeninteressen eine tra­gende Rolle. Tief lässt die wörtliche Aussage eines Realschulvertreters zur ge­forderten Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen blicken: "Wenn man einen Kranken zu einem Gesunden ins Bett legt, wird nicht der Kranke ge­sund…"

Viele meinen, sich zur Schulstruktur äußern zu müssen, die betroffenen Haupt­schüler kommen jedoch in den seltensten Fällen zu Wort. Hauptschüler sind we­der fauler noch frecher als Schüler anderer Schularten, müssen aber um ihre ge­sellschaftliche Anerkennung und um eine Lehrstelle deutlich mehr ringen als Realschüler und Gymnasiasten. Hauptschüler möchten auch gerne stolz auf ihre Schule sein können, fühlen sich jedoch eindeutig diskriminiert.

Natürlich würde jeder Hauptschüler gerne das Ansehen eines Gymnasiasten ge­nießen, weiß aber sehr wohl um die mentalen Schwierigkeiten, die er an dieser Schulart im Unterricht hätte. Hauptschüler versichern glaubhaft, dass sie nach einer Grundschulzeit, in der sie meist nicht richtig zu Wort gekommen seien oder sich durch schlechtere Noten entsprechend zurückgesetzt gefühlt haben, froh darüber waren, dass sich die gefühlte oder echte "Elite" nach der vierten Klasse an anderen Schularten durchsetzen musste. Eine fleißige, eher schüch­terne Hauptschülerin sagte nach der neunten Klasse mit dem Abschlusszeugnis und der Belobigung in der Hand wörtlich: " Ich hätte keine Chance gehabt, gut zu sein, wenn ich zusammen mit Realschülern und Gymnasiasten unterrichtet worden wäre. Jetzt kann ich gestärkt und selbstbewusst weitermachen."


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