VBE fragt: Wieso gibt es keine Technische Hauptschule, wieso keine mit Kochen, Kunst oder Sport als Hauptfach?
Während man sich eine Realschule oder das Gymnasium aussuchen kann, *muss* ein Hauptschüler diese Schule besuchen. Dieser Umstand führt zu keiner Steigerung der Attraktivität der zurzeit ziemlich unbeliebten Schulart. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Baden-Württemberg spricht sich in dem vom Landesvorstand mehrheitlich angenommenen Arbeitspapier "Schule neu denken" für eine flexible Öffnung des starren Systems aus und damit für den behutsamen, sukzessiven Umbau der Bildungslandschaft - weg von der zementierten Dreigliedrigkeit nach vier Jahren Grundschule hin zu einer längeren Zeit gemeinsamen Lernens, bis hin zu einer "Gemeinschaftsschule" - zunächst bevorzugt an den Standorten, wo es alle Beteiligten so wollen.
16.12.2007 Pressemeldung Verband Bildung und Erziehung, Landesverband Baden-WürttembergWährend in den 60er-Jahren die Übergangsquote auf die Hauptschule bei über 60 Prozent lag und in den 70er-Jahren noch annähernd jedes zweite Kind diese Schulart besuchte, rutschte die Zahl derer, denen von behördlicher Seite der Zugang auf Realschule oder Gymnasium verwehrt blieb, auf 28 Prozent. Auf die Hauptschule darf man nicht, sondern muss man gehen. Während alle anderen Schulen echte Angebotsschulen sind, bleibt die Hauptschule eine Pflichtschule.
Bei den Gymnasien kann man zwischen unterschiedlichen Profilen wählen: altsprachlich, mathematisch-naturwissenschaftlich, manche sogar mit Musikzug. Die Hauptschule kann damit bei durchaus vorhandenen individuellen Stärken und Vorzügen nicht aufwarten. Wenn das Kultusministerium trotz des rauen Gegenwindes weiterhin an der Hauptschule in Baden-Württemberg festhalten will, muss für eine echte Aufwertung dieser ungeliebten Schulart etwas völlig Neues getan werden. "So vernünftig die jüngste Erhöhung der Hauptschulstundentafel in der fünften und sechsten Klasse um drei zusätzliche Deutsch- und Mathematikstunden auch erscheinen mag, so ist es doch nicht das, was mehr Schüler in die langsam, anscheinend aber unaufhaltsam sterbende Schulart bringt", versichert der VBE-Sprecher.
Das, was einmal das Profil der Hauptschule ausgemacht hatte, das "Erweiterte Bildungsangebot" (EBA) mit hoch motivierenden Arbeitsgemeinschaften, ist aus Kostengründen gegen Null zurückgefahren worden. Profilgebende und von Schülern gern besuchte Fächer wie "Technik" und "Hauswirtschaft" wurden in den beiden neuen Fächerverbünden "WAG" (Wirtschaft-Arbeit-Gesundheit) und "MNT" (Materie-Natur-Technik) versteckt und haben damit an Bedeutung verloren, auch weil Leistungen jetzt nicht mehr durch Einzelfachnoten gewürdigt werden können. "Wer interdisziplinär erfolgreich arbeiten will, benötigt zunächst eine solide fachliche Grundlage", moniert der VBE-Sprecher.
Wenn das Kultusministerium weiterhin die Hauptschule will, muss diese völlig neu definiert werden. Warum sollte es nicht analog zu den Beruflichen Gymnasien auch "Technische Hauptschulen" oder "Hauswirtschaftliche Hauptschulen" mit den entsprechenden Schwerpunkten als Hauptfächer geben? Warum löst man den unseligen Fächerverbund "MSG" (Musik-Sport-Gestalten), den es an keiner anderen Schulart gibt als an der Hauptschule, nicht auf und schafft stattdessen Hauptschulen mit künstlerischer, musischer oder sportlicher Ausrichtung, selbstverständlich ohne dabei die Fächer Deutsch, Mathematik und Fremdsprache zu vernachlässigen? An den entsprechenden Gymnasien funktioniert das bereits hervorragend.
Warum verweigert man weiterhin entgegen anders lautender Ankündigungen den Hauptschullehrern eine adäquate Bezahlung? Pädagogen für Hauptschulen werden nicht universitär und obendrein kürzer ausgebildet als die gymnasialen Kollegen. Sie haben eine höhere Unterrichtsverpflichtung und keine Aufstiegsmöglichkeiten, wenn sie nicht eine Schulleitungsstelle anstreben.
Die Politik muss sich von der Illusion verabschieden, dass sie attraktive Hauptschulen bekommt, die wenig kosten. "Nicht die Billigversion ist angesagt, sondern eine Schule, in die alle wollen. - Freiwillig!", so der VBE-Sprecher, und diese Schule gebe es nicht, ohne dass zuvor richtig viel Geld in die Hand genommen worden sei.
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