Filmbildung

Wenn bewegte Bilder bilden

(Heinfried Tacke) Der Film ist die Kunstform des 20. Jahrhunderts schlechthin. Seit die Bilder 1895 laufen lernten, ziehen sie die Menschen magisch an. Nur in der Schule spielen sie keine große Rolle. "Filmbildung", so wichtig sie wäre, dümpelt in einer didaktischen Grauzone vor sich hin – trotz vieler Möglichkeiten und Angebote.

07.03.2012 Artikel

Man kennt diese Szene zur Genüge: Ein Fernseher wird auf seinem rollenden Portal über die Korridore ins Klassenzimmer geschoben und hinterrücks folgt das kollegiale Lästern: "Ha, Kollege XY macht es sich wieder leicht im Unterricht." Der Makel, der dem Medium Film in der Schule anhaftet, ist meist immer der gleiche: Man zweifelt am lernenden Ernst. Filme sind wie Kino und ergo wie Popcorn. Die Bilder berieseln statt zu bilden. Das gängige Urteil überdeckt indessen die untergründige Scheu vor dem Aufwand, den ihr Einsatz der Schule abverlangt. Den flüchtigen Fluss der Bilder zu portionieren und die Kraft ihrer Suggestion zu durchdringen erfordert mehr als der Umgang mit Lektüre und Arbeitsblatt. "Filmbildung ist immer noch eine Sache von Einzeltätern", so das ernüchternde Fazit des Medienpädagogen Manfred Rüsel, der als Referent seit vielen Jahren Lehrern den gekonnten Einsatz von Filmen nahezubringen versucht.

Prägende Bildikonen und Seismographen

Diametral dazu steht die Aufmerksamkeit, die Kino- und Fernsehwelt in breiter Masse in der Gesellschaft, insbesondere bei den jungen Menschen, erfahren. Über die Hälfte der Kinobesucher sind statistisch unter dreißig Jahren. Die unter 20-Jährigen stellen mit 30 Prozent die Hauptgruppe. Fernsehserien und Filmhelden sind Gesprächsstoff in den Pausen. Einzelne Szenen und Dialoge prägen ganze Generationen. Die Filmwelt, nicht nur die aus den großen Studios von Hollywood, bringt damit eigene Bildikonen hervor, die längst zum festen Bestandteil der Kulturen der Welt geworden sind. Und die Filme fungieren wie Seismographen, die in eigener Dichte das Brodeln der Zeit in bewegende Bilder bannen. Sie in der Schule zum Thema zu machen, wäre insofern keineswegs eine bloße Anbiederung ans Erleben der Schüler. Die Welt in ihren aktuellen Abbildern und Geschichten schlüpfte mit durch die Schulpforten.

Filme enthalten die Welt und ihre brüchigen Werte

So dienen sich nicht nur die üblichen Literaturverfilmungen an, Filme in den Unterricht zu integrieren. Filme in der Originalsprache sind modernes Sprachtraining. Viele andere Fragen, die in der Schule im Fokus der bildenden Beschäftigung stehen, finden sich in ihnen ebenso wieder: Behinderung, Umwelt, Geschichte, Neonazismus, Rassismus, Drogen, Familie, Freundschaft, Migration, fremde Kulturen, Gewalt, Krieg, Identität, Geschlechtsrollen, Musik, Märchen, Fabeln – die Liste ließe sich beliebig verlängern. Der Bezug zu den Inhalten im jeweiligen Fach stellt selten das Problem dar und wohl nur Mathematik- und Physiklehrkräfte schauen etwas eingeschränkter in die Röhre.

Didaktik der Filmanalyse: Die Entzauberung der Bildsprache

Filme analysieren zu lernen, findet so immer häufiger Eingang in Rahmenplänen und Schulbüchern, wenngleich sie meist nur als "Kann-Bestimmung" in die vorgegebenen Stoffpläne eingehen. "Bundesweit gibt es dafür noch keine einheitlichen Standards", bedauert Manfred Rüsel wie manch andere Medienpädagogen auch. Indessen sind das Material und Know-how zur Filmanalyse sehr ausgefeilt. Die filmsprachlichen Mittel wie Bildeinstellungen, Kameraführung, Licht, Farbe und Ton lassen sich bis ins kleinste Detail zerlegen. Sie besitzen ein eigenes Vokabular und lösen eine Faszination darüber aus, wie komplex die erzählerischen Mittel bewegter Bilder sind. Die Beschäftigung mit den Figuren, den Normen und Werten, den Themen und den Problemen, den gewählten Kulissen und Einflüssen der jeweiligen Kultur eröffnet so eine Tiefendimension, die ihre Befürworter auf eine Stufe mit Literaturklassikern stellen.

Weltweit beachtet: Das Schulprojekt der Berlinale

Diese Entzauberung der so flüchtigen wie wirkstarken Bilder hält auch Dr. Martin Ganguly für eine wichtige Aufgabe der Medienerziehung. Der auf Film und Theater spezialisierte Lehrerbildner an der TU Berlin sieht aber einen bildungsbürgerlichen Konservativismus am Werke: "Fürs Medium Film haben wir in den deutschen Schulen weniger ein offenes Verständnis als für andere Kunstformen. Dabei ist der Film das Gedächtnis des 20. Jahrhunderts." Ganguly steht indes Pate für ein Vorzeigeprojekt der Berlinale, das er vor zehn Jahren initiierte und das weltweit beachtet wird. Fünfzig Lehrerinnen und Lehrer aus Berliner Grund- und Oberschulen können direkt mit Projekten zu den Filmen in der Sparte "Generationen" teilnehmen. Schüler wie Lehrer lassen sich hier auf ganz neue Filme ein. Die Lehrer haben dafür das seltene Privileg, den Streifen zuvor in der Pressevorführung zu sehen. Doch um dieses einzigartige Festivalerlebnis geht es Ganguly, der den Projekten keinerlei inhaltlichen Vorschriften macht. Seine Erfahrung, von den Lehrern meist bekräftigt: "Die Schüler suchen von selbst ihren Bezug zu den Filmen. Daran muss man nur anknüpfen."

Lernort Kino: Bundesweite SchulKinoWochen

Vergleichbar angelegt sind die bundesweiten "SchulKinoWochen", die einmal im Jahr stattfinden. Auch sie haben zum Ziel, das Medium Film stärker in den Blickpunkt einer zeitgerechten Bildung zu rücken. Wer Sorge trägt um deren Aufarbeitung, dem wird weithin geholfen: Die Fülle didaktischer Materialien zur Filmanalyse ist riesig. Einzelne Anbieter bieten gar DVDs von Filmen mit jeder Menge technischer Optionen, einzelne Sequenzen zu behandeln, inklusive einer DVD-ROM-Ebene mit weiteren Infos zum Thema, dem Film sowie vorbereiteten Arbeitsblättern. Das ist beinahe so bequem wie Popcorn futtern.

Kompakt

Filmanalyse gehört zur Medienerziehung und ist Bestandteil geforderter Kompetenzen in Rahmenplänen. Entgegen der gängigen Meinung und dem noch zurückhaltenden Einsatz in den Schulen eröffnet die Filmbildung jedoch ein reiches Spektrum. Jährlich stattfindende "SchulKinoWochen" und ein weltweit beachtetes Fortbildungsprojekt der Berlinale sind nur ausgewählte Beispiele dafür.

Erstveröffentlichung Klett Themendienst Schule Wissen Bildung Februar 2012 | Nr. 56


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