Wettbewerbe in Konkurrenz
(ht) Deutschland sucht seine Superstars – auch in der Bildungslandschaft. Woran erkennt man die Besten unter den Wettbewerben? Wie können Schulen mit den Herausforderungen des Vergleiches wachsen?
15.06.2007 ArtikelDie Kultusministerien registrieren allein über 150 Schülerwettbewerbe in Deutschland. Darin nicht eingerechnet ist eine stattliche Dunkelziffer. Die Postfächer der Schulen quellen vor Ausschreibungen über. Keine einfache Situation für Schule wie Lehrer. "Zum Glück gibt´s einen Papierkorb, mit dem wir die Spreu vom Weizen trennen", meint Ferdinand Scherf, stellvertretender Schulleiter des Rabanus Magnus Gymnasium in Mainz, sehr pragmatisch. Das Gymnasium gilt als wettbewerbserfahren wie kein zweites in Deutschland. Neun Mal stellte es bereits Bundessieger im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten. Um auch an vielen weiteren Ausschreibungen teilnehmen zu können, leistet die Schule sich dafür einen eigenen Beauftragten. Er animiert Kollegium wie Schüler. "Wettbewerbe", so Scherf, "tragen neue Herausforderungen für die Schüler wie für uns Lehrer in die Schule hinein."
Die Crux mit dem Zeitaufwand
Doch Scherf lässt keinen Zweifel daran, dass dies mit erheblichem Zeitaufwand neben dem normalen Schulgeschäft verbunden ist. Mit Sorge sieht er die immer knappere Freizeit der Schüler angesichts eines Turboabiturs in zwölf Jahren. Kollege Ullrich Dellbrügger aus Soest fügt hinzu: "In Nordrhein-Westfalen gilt jetzt die Vorgabe, dass keine Stunde Unterricht mehr ausfallen darf." Der Schock durch PISA zeitigt auch diese Wirkung. Es engt das zusätzliche Engagement der Schulen deutlich ein.
Vorsicht vor PR-Maschen
Umso mehr drängt sich die Frage auf, welche Wettbewerbe den Schülern und Schulen nutzen und wie sie diese erkennen. Eine Ausschreibung ist schnell formuliert, und gewinnen möchte gerne jeder. Inzwischen entdecken viele Firmen, wie werbewirksam das Engagement in der Bildung sein kann. Ganze PR-Agenturen sind damit betraut, neue Wettbewerbe ins Leben zu rufen. Nicht selten verfolgen sie den alleinigen Zweck, Kunden zu gewinnen. Dr. Wolf Schmidt von der Körber-Stiftung, die den bundesweiten Geschichtswettbewerb durchführt, gibt dafür eine schlichte Erklärung: "Die Wettbewerbe für Schüler sind in Deutschland eine großartige Erfolgsgeschichte. Das haben auch die bemerkt, die nun aufspringen und sie nur für einen billigen PR-Trick nutzen."
Was sind gute Wettbewerbe?
Nicht zuletzt wegen dieser Entwicklung schlossen sich die renommierten Wettbewerbe in Deutschland zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammen. Die Interessenvertretung will damit die Qualitätsstandards für pädagogisch sinnvolle Wettbewerbe hochhalten. Daran wirkt Sven Tetzlaff federführend mit. Sein Votum fällt eindeutig aus: "Gute Wettbewerbe eröffnen den Teilnehmern wichtige und erfahrungsreiche Lernprozesse. Dazu braucht es ein pädagogisches Konzept und die nachhaltige Unterstützung durch die Ausrichter. Es darf nicht reichen, ein Plakat zu drucken und die Sieger auf ein Treppchen zu platzieren." Bei einer wissenschaftlichen Tagung der Gemeinschaft wurden diese Ansprüche unlängst weiter konkretisiert. Zwei Typen von Schülerwettbewerben lassen sich dafür unterscheiden. Leistungswettbewerbe versuchen, vor allem Hochbegabte speziell zu fördern. Motivierende Wettbewerbe animieren dagegen Schulen und Schüler, sich mit Themen zu befassen, die sonst eher zu kurz kommen. Beispiele für Letzteres sind Ausschreibungen wie "Kinder zum Olymp" oder der "Prix des Lycéens". Sie führen die jungen Menschen an wertvolle Bildungserfahrungen heran, die von Familie, Gesellschaft oder Schule sonst nicht geboten werden.
Eine Wettbewerbspädagogik als Markenzeichen
Als noch wichtiger erachten die Experten eine eigene Wettbewerbspädagogik. So darf man von guten Wettbewerben erwarten, dass sie ausgewiesene Pädagogen und Wissenschaftler an den Aufgaben und der Jury beteiligen. Zur Betreuung der Teilnehmer braucht es gut qualifiziertes wie ausreichendes Personal. Zudem sollte gelten: Preise haben vorrangig Förderaspekt. Im Idealfall unterstützen sie die zu Tage getretene Begabung dauerhaft und geben dem gezeigten Engagement eine weitere Perspektive. Und auch die Schulen sollen von der Teilnahme profitieren: durch Impulse für die eigene Arbeit und durch die öffentliche Anerkennung für die Förderung der Schüler.
Für all das finden sich in der Vereinigung viele Beispiele. Der Wettbewerb "Jugend forscht" vergibt Forschungspraktika und Auslandsstipendien, ermöglicht zudem Teilnahmen an internationalen Jugendmessen. Die Facholympiaden in Mathematik, Biologie, Chemie und Physik bereiten die Teilnehmer in Seminaren auf das bundesweite Finale und die internationale Ausscheidung vor. Der Wettbewerb "Jugend debattiert" trainiert bundesweit viele Klassen in der Kunst des Zuhörens und Argumentierens, bevor es ins mehrstufige Auswahlverfahren geht. Die Sieger erhalten auf jeder Stufe weitere Trainings. Und statt Geldgeschenken bekommen bei "Demokratisch Handeln" fast 50 Projekte eine viertägige Workshop-Tagung zur Belohnung. Andere Ausrichter bieten zusätzliche Jugendforen und Sommerakademien an.
Ferdinand Scherf hält derweil eine eigene Antwort parat, was einen guten Wettbewerb auszeichnet. Er zitiert dafür gern eine Schülerin: "Wettbewerbe sollten dem Schüler die Freiheit geben, seine eigenen Stärken darin zu betonen, sollten nicht kindisch aufgemacht sein, sollten gut bekannt sein, damit die Teilnehmerzahl hoch ist und der Ansporn damit höher, sollten auf einem fachlich hohen Niveau stattfinden, aber dennoch so geschaffen sein, dass sie während der Schulzeit machbar sind, sollten die Möglichkeit eröffnen, andere Menschen kennen zu lernen, um sich mit ihnen auszutauschen, sollten Gewinne ausschreiben, die den Schüler motivieren teilzunehmen, und sie sollten den Schüler anregen, über den Wettbewerb hinaus über die eigene Zukunft, Studium und Lebenseinstellung nachzudenken." Dem wussten auch die Experten bei der Tagung nichts hinzuzufügen.
Kompakt
Wettbewerbe werden oft und gerne ausgeschrieben. Gute Schulwettbewerbe sind indessen rar. Sie zeichnen sich durch pädagogische Konzepte, ein großes Bewerberfeld und ein nachhaltiges Engagement der Veranstalter aus. Ist die Qualität gewährleistet, profitieren die teilnehmenden Schulen auf jeden Fall.
Hintergrund
10 goldene Regeln: Gute Schülerwettbewerbe
- unterstützen besondere Begabungen
- fördern die persönliche Entwicklung der Schüler
- animieren zu zusätzlichem Engagement
- werden pädagogisch von Experten begleitet
- betreuen die Teilnehmer ausreichend
- sind nachhaltig in der Förderung
- geben Anregungen über den Wettbewerb hinaus
- vermitteln auch den Schulen und Lehrern wichtige Impulse
- sorgen für öffentliche Anerkennung
- und fördern vor allem gesellschaftlich bedeutsame Leistungen
Erstveröffentlichung: Klett Themendienst
Weiterführende Links
- Bundeswettbewerbe
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