Erst Handwerker, dann Wissenschaftler?
Durchlässigkeit - das ist eines der Lieblingswörter in der aktuellen deutschen Bildungsdiskussion. Der Wechsel zwischen einzelnen Schularten etwa soll ebenso möglich sein wie der Übergang von der Berufsausbildung in die Hochschule. Andere Länder machen schon lange vor, wie das funktionieren kann. Doch wie sieht die bundesdeutsche Realität aus – gibt es den erfolgreichen Weg vom Lehrling über den Meister zum Studenten?
21.12.2007 ArtikelMit 358 704 Studienanfängern startete das Wintersemester 2004/2005 in Deutschland. Die meisten dieser Erstsemester besaßen eine traditionelle Hochschulzugangsberechtigung, also Abitur oder Fachabitur. Einige aber schafften den Weg in die Alma Mater auch ohne die sogenannte Hochschulreife. Doch wie viele waren es? Das wollte die Kultusministerkonferenz von den einzelnen Bundesländern wissen. Die Antworten waren nicht immer aufschlussreich. Nicht alle Bundesländer führen offensichtlich Buch darüber, etliche hatten keine aktuellen Zahlen zur Hand. Rechnet man allerdings die Ergebnisse der einzelnen Bundesländer, die ihre Zahlen offenbarten, hoch, so ist das Ergebnis ernüchternd. So meldete Baden-Württemberg 56 Studienanfänger an seinen Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen, die den Hochschulzugang über ihre berufliche Qualifikation erreicht hatten, in Bayern waren es 25 – hier allerdings ausschließlich an Fachhochschulen, im Saarland 14, in Sachsen 35 und in Thüringen 5. Eine recht magere Ausbeute, gemessen an der Gesamtzahl der Erstsemester.
Vorreiter Frankreich
Hier gibt es also Nachholbedarf. Das haben auch die Teilnehmer der Vernetzungskonferenz der ANKOM (Anrechnung beruflicher Kompetenzen auf Hochschulstudiengänge) im März 2007 festgestellt: "Europäische Nachbarn wie Großbritannien, Frankreich oder Skandinavien sind der Entwicklung in Deutschland voraus", hieß es auf der Tagung BMBF-Initiative. In Frankreich etwa hat man bereits vor 15 Jahren begonnen, den Weg zur Hochschule für Berufstätige zu ebnen - begleitet von einem nationalen Gesetz und einer aufwändigen Werbekampagne. Dort werden mittlerweile sogar bestimmte in Ausbildung und Beruf erlangte Kompetenzen als Bachelor anerkannt.
Zwölf Hochschulen entwickeln seit 2005 im bundesdeutschen Projekt ANKOM Modelle verschiedener Anrechnungsverfahren. Am 6. und 7. Dezember 2007 findet in Bonn die Präsentation der ersten Ergebnisse statt. Im kommenden Jahr geht es dann um die Generalisierbarkeit dieser Verfahren.
Kultusminister suchen gemeinsame Basis
Das entspricht auch den Intentionen des Innovationskreises berufliche Bildung. Im Juli 2007 stellten die Experten dieses vom Bundesbildungsministerium berufenen Gremiums insgesamt zehn Leitlinien zur beruflichen Bildung vor. Darin appellieren sie unter anderem an die Hochschulen, Studiengänge zu entwickeln, die die Qualifikationen beruflicher Bildung einbeziehen. Die Kultusministerkonferenz, so heißt es in dem Abschlussbericht, werde dieses Thema mit dem Ziel beraten, länderübergreifend zu einer gemeinsamen Basis zu kommen, die allerdings länderspezifisch erweiterbar sei – schließlich haben wir ein föderalistisches Bildungssystem.
Wenigstens eine gemeinsame Basis aber ist dringend notwendig, denn beruflich qualifizierte Bewerber ohne Abitur können zwar jetzt schon in allen Bundesländern studieren, einheitliche Regelungen dafür gibt es allerdings keine. Und die Hürden liegen mitunter recht hoch. Neben Probestudium, Kontaktstudium und persönlichen Bewerbungsgesprächen gibt es auch prüfungsähnliche Eignungsverfahren. Oft kann außerdem auch nur ein bestimmtes Fach, passend zur beruflichen Qualifikation, studiert werden und die Türen zu einzelnen Studiengängen wie Medizin oder Lehramt bleiben diesen Studieninteressierten in so manchen Bundesländern komplett verschlossen.
Im Oktober erst hat auch der Bundesminister für Wirtschaft und Technologie, Michael Glos, an die Länder und Hochschulen appelliert, das Bildungssystem entsprechend den Leitlinien des Innovationskreises berufliche Bildung durchlässiger zu gestalten. Die "völlig unterschiedlichen und Mobilität hemmenden Regelungen für den Hochschulzugang von Absolventen der beruflicher Bildung" müssten dringend vereinheitlicht werden. Um den steigenden Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht zu werden und den Übergang in die Informations- und Wissensgesellschaft zu ermöglichen, müsse schnell reagiert werden. Vielleicht hilft dabei auch ein Blick über die Landesgrenzen.
Dazu auf der didacta 2008 in Stuttgart
- Das BIBB Forum auf der didacta 2008, in Halle 7, bietet Informationen, Vorträge und Ge- spräche zu aktuellen Fragen und Perspektiven der beruflichen Aus- und Weiterbildung.
Der Beitrag "Erst Handwerker, dann Wissenschaftler?" ist abgedruckt im Themendienst 1 zur didacta 2008
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