"Beim Übergang in den Beruf entscheidet sich das Lebensglück"
(red) Mit Beginn des Jahres 2012 hat der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) die Präsidentschaft der Kultusministerkonferenz übernommen. Die Bildungspolitik wird auch 2012 für Diskussionsstoff und Schlagzeilen sorgen. Wir wollten von Ties Rabe wissen, welche bildungspolitischen Hürden die KMK in diesem Jahr nehmen will.
23.01.2012 ArtikelHerr Rabe, Sie wollen den Übergang von der Schule in den Beruf zum Schwerpunktthema Ihrer Amtszeit als KMK-Präsident machen. Wo liegen denn dort gegenwärtig die größten Probleme und wie sollten sie angegangen werden?
Ties Rabe: Ein Problem dieses Themas ist, dass es niemand in seiner Bedeutung so richtig ernst nimmt. Wir diskutieren mit großem Temperament darüber, ob die Rechtschreibleistung der 15jährigen Schülerinnen und Schüler angemessen ist, aber da, wo sich wirklich das Lebensglück entscheidet, nämlich beim Übergang von der Schule in den Beruf, ist die öffentliche Konzentration sehr gering. Das muss sich ändern. Einerseits brauchen wir für die leistungsstarken Auszubildenden dringend attraktivere Angebote, dazu zählt beispielsweise die Möglichkeit, das Abitur während der beruflichen Ausbildung nachzumachen. Das ist keine neue Idee, aber sie muss umgesetzt werden.
Und dann geht es um die leistungsschwächeren Schülerinnen und Schüler. Hier müssen wir dringend das Durcheinander der verschiedenen Überbrückungsmaßnahmen zugunsten weniger dann auch funktionierender Maßnahmen umschichten. Es hat dabei wenig Sinn, die Schülerinnen und Schüler, die es schon in der Schule schwer gehabt habe, weiterhin in schulische Maßnahmen zu bringen. Viel besser ist es, wenn diese Anschlussmaßnahmen einen klaren Praxisbezug haben. Denn dann werden häufig solche Schülerinnen und Schüler "wachgeküsst", die im schulischen Teil der Ausbildung ihre Schwierigkeiten haben, aber in der Praxis der Betriebe plötzlich merken: "Ich bin hier anders gefordert, ich kann neu anfangen." Diese Praxisorientierung müssen wir durchsetzen.
Sprachförderung: "Ich warne davor, einfach so weiterzumachen"
Eine Reaktion auf die ersten PISA-Ergebnisse war die Sprachförderung für Kindergartenkinder. Eine Vielzahl unterschiedlicher Programme sollte vorhandene Defizite ausgleichen - doch die ersten Evaluationen zeigen enttäuschende Ergebnisse. Was wird die KMK zur Verbesserung beitragen?Ties Rabe: Das Ziel ist klar: Wir wollen dazu beitragen, dass Schülerinnen und Schüler mit guten Deutsch-Kenntnissen in die Schule kommen. Wir haben deshalb viel Geld in die Hand genommen, wir haben Lehrerinnen und Lehrer eingesetzt, um den Sprachstand der Kinder vor dem Eintritt in die Schule zu verbessern. Und das klappt recht gut, aber es ist nicht nachhaltig. Und wir kennen die Wirkmechanismen schlecht. Das heißt, dass wir uns mit diesem Thema jetzt noch intensiver beschäftigen müssen. Die Bundesregierung hat versprochen, dies zu unterstützen. Ich warne allerdings davor, einfach so weiterzumachen. Vielmehr muss man jetzt sorgfältig prüfen, welche Maßnahmen auch die entsprechenden Fortschritte bringen. Das müssen wir in den nächsten Monaten hinkriegen.
Inklusion: "Jeder wünscht sich etwas anderes"
Zum Thema Inklusion hat die KMK die Empfehlungen verabschiedet. Diese wurde allerdings von Gewerkschaften, Verbänden und Behindertenorganisationen als unverbindlich und zu unklar kritisiert. Außerdem, so hieß es, stehe sie teilweise sogar im Widerspruch zur UN-Konvention. Wird die KMK das Thema als noch einmal auf die Tagesordnung setzen?Ties Rabe: Das Thema wird uns die nächsten Jahre kontinuierlich begleiten. Hier wünschen sich viele von der KMK klare Aussagen. Aber: Jeder wünscht sich etwas anderes. Und wenn die KMK vor diesem Hintergrund eine etwas weichere Formulierung findet, um einen Weg zu kennzeichnen, aber noch nicht sagt, wo die nächste Ampel steht und wo man den nächsten Zebrastreifen findet, dann sind alle auf Anhieb erst einmal erbost, weil das ja nicht so genau ist.
Aber auch die Öffentlichkeit und die Bildungsinteressierten sind nicht in der Lage, hier einen Konsens zu finden. Denn es gibt so unterschiedliche Voraussetzungen in den verschiedenen Bundesländern, dass man eigentlich nur beschreiben kann, wohin man will. Wir haben Bundesländer, die auf dem Weg zur Inklusion schon sehr, sehr weit sind, die beispielsweise in den ersten Schulklassen gar keine exklusive Beschulung mehr haben. Wir haben andere Bundesländer, in denen sehr viele Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs exklusiv in Sonder- oder Förderschulen geschult werden. Deswegen: Es ist richtig, ein Ziel zu formulieren, aber den Ländern ihr eigenes Tempo und ihre eigene Ausformung des Weges zuzugestehen. Das Ziel heißt eindeutig Inklusion.
Qualifikationsrahmen: "Wir müssen jetzt versuchen, einen Kompromiss zu finden"
Mit dem "Europäischen Qualifikationsrahmen" (EQR) will die EU die Bildungsabschlüsse in den Mitgliedstaaten vergleichbar machen. In Deutschland gibt es aber noch ein Problem: Die Kultusminister wollen im Deutschen Qualifikationsrahmen (DQR) das Abitur auf Stufe 5 und damit in der Regel höher einstufen als eine Berufsausbildung. Kammern, Verbände und Gewerkschaften hingegen plädieren vehement für eine Gleichstufung. Das für Dezember geplante Gespräch zwischen diesen Partnern hat nicht stattgefunden. Sehen Sie überhaupt noch einen möglichen Konsens und wie könnte der aussehen?Ties Rabe: Ich hatte gehofft, dass eine Lösung vor meiner Amtsperiode gefunden ist. Kultusminister und Wirtschaftsvertreter sind darin einig, dass die schulische und die berufliche Ausbildung einander entsprechen und auf gleichen Stufen verortet sein sollten. Wir als Kultusminister haben die schulische Bildung auf den Stufen 5, 4, 3 verortet, und hatten dies auch so für auch die berufliche Bildung vorgeschlagen. Das würde bedeuten, dass man die dreijährigen Berufsausbildungen differenziert. Einige kommen auf Stufe 4 und entsprechen damit der Fachhochschulreife, andere kommen auf Stufe 5 und entsprechen damit dem Abitur. Diese Differenzierung der verschiedenen Berufe ist von den Wirtschaftsverbänden komplett abgelehnt worden. Sie sagen, es ist, egal ob jemand Bäckereifachverkäufer oder Bankkaufmann wird, die Qualität der Bildung ist in beiden Berufsbildern gleich. Darüber kann man lange streiten, ob das richtig oder falsch ist, aber es ist die Position der Partner. Wir müssen jetzt versuchen, einen Kompromiss zu finden.
Ich darf übrigens sagen: Hier ist nicht nur die Kultusministerkonferenz in einer schwierigen Lage, alle europäischen Länder merken, dass dieses Achtstufen-System, das vom Bildungssystem in Großbritannien geprägt ist, auf viele Länder schlicht nicht richtig passt und es die schwierigsten und missverständlichsten Auswüchse hat. Es gibt viele Länder, die noch gar nichts vorgelegt haben und es gibt Länder, die mit ihrem Vorschlag gescheitert sind, wie die Niederlande beispielsweise, die genau das gleiche Problem hatten und von der EU-Kommission dann das Angebot bekommen haben, die Stufe 4+ zu erfinden. Oder Frankreich, das in diesem ganzen Dilemma gesagt hat, wir nehmen die schulische Bildung komplett raus.
Diese Schwierigkeiten betreffen eigentlich alle europäischen Länder. Das ist eine typische EU-Idee. Gut gemeint, gut erfunden, aber sie scheitert an der Wirklichkeit und wir müssen jetzt gucken, wie wir das Beste daraus machen. Schulabschlüsse überall in Deutschland auf dem gleichen Leistungsniveau
Welche weiteren Aufgaben wird die KMK im kommenden Jahr anpacken müssen?
Ties Rabe: Viele haben den Verdacht, man lerne in einem Bundesland weniger als in einem anderen. Diesen Verdacht müssen wir ausräumen und uns darum kümmern, dass Schülerinnen und Schüler, die die Mittlere Reife, den Hauptschulabschluss oder das Abitur machen, wirklich überall auch auf dem gleichen Leistungsniveau stehen. Da sind wir in den letzten drei Jahren einen großen Schritt weitergekommen, weil wir insbesondere für den ersten Bildungsabschluss und für den Realschulabschluss klare Qualitätsstandards vereinbart haben.
Jetzt kommt der eigentlich spannende Punkt, das gleiche nämlich für das Abitur zu machen. Wir müssen gewährleisten, dass, egal ob man jetzt in München oder in Dortmund oder in Hamburg das Abitur macht, die Schülerinnen und Schüler überall das gleiche Leistungsniveau erreichen. Mit dieser Frage werden wir uns in diesem Jahr ernsthaft beschäftigen.
Dazu auf der didacta 2012
14. - 18. Februar 2012
Integration durch Bildung - Inklusion - Bildung für nachhaltige Entwicklung, Halle 23, Stand D46, Sonderschau des Niedersächsischen Kultusministeriums.
14. Februar 2012
Paradigmenwechsel in der europäischen und deutschen Bildungslandschaft: Wie weit ist der Deutsche Qualifikationsrahmen gediehen?, 14.02.2012, 13.30 - 14.15 Uhr, Halle 14, Stand G 58, Forum Wirtschaft und Weiterbildung
15. Februar 2012
Auf dem Schwerpunkt-Tag Mobilität in der beruflichen Bildung: Berufliche Kompetenzen europaweit lesbar und anerkannt - Wunsch oder Wirklichkeit?, Referentin: Karin Küßner , 15.02.2012, 13:00 - 13:45 Uhr, Halle 16, Stand G 14, Marktplatz Beruf ist Zukunft
16. Februar 2012
Endstation Zweigliedrigkeit? Wie der demografische Wandel den Schulfrieden erzwingt, Podiumsdiskussion mit Dr. Bernd Althusmann, Niedersächsischer Kultusminister, Sylvia Löhrmann, Ministerin für Schule und Weiterbildung des Landes NRW, Ties Rabe, Hamburger Schulsenator 16.02.2012, 12:30 – 13:45 Uhr, Halle 16, StandE24, Forum Bildung
Berufseinstiegsbegleitung - was sie beim Übergang von der Schule in den Beruf leistet, 16.02.2012, 15:30 - 16:30 Uhr, Halle 15, Stand D 30, Forum Ausbildung/Qualifikation
Anspruch und Wirklichkeit: Wie kann Inklusion gelingen? Podiumsdiskussion mit Udo Beckmann, VBE; Dr. Stefan Porwol, Niedersächsisches Kultusministerium; Dr. Gerd-Dietrich Schmidt, Duden Schulbuchverlag; Prof. Dr. Matthias von Saldern, Leuphana Universität Lüneburg; J.-Pascal Zimmer, Landeselternrat Niedersachsen; Moderation: Lothar Guckeisen, Deutschlandfunk,. 16.02.2012, 15:30 - 16:45 Uhr, Halle 16, Stand E24, Forum Bildung
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