GEW kritisiert Bundesbildungsministerium: "UN-Berichterstatter werden nur Leuchttürme gezeigt"
"Als untypisch" für das Bildungswesen in Deutschland hat die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) die Zusammenstellung der Bildungseinrichtungen für den Besuch des UN-Sonderberichterstatters Munoz in Deutschland kritisiert. "Das Bundesbildungsministerium hat nur Vorzeigeeinrichtungen und pädagogische Leuchttürme ausgewählt. Einen realistischen Eindruck von den Nöten und Sorgen der Schulen, die mit dem Problem der ungleichen Bildungschancen besonders zu kämpfen haben, kann man dort nicht bekommen", sagte die stellvertretende GEW-Vorsitzende Marianne Demmer heute in Frankfurt a.M.. Die ausgewählten Einrichtungen stünden "für gerade einmal rund zehn Prozent der Schulen in Deutschland".
15.02.2006 Pressemeldung Gewerkschaft Erziehung und WissenschaftWer etwas über ungleiche Bildungschancen erfahren wolle, müsse "ganz normale" Haupt- und Sonderschulen für Lernbehinderte besuchen. Hier konzentrierten sich die Probleme teilweise so stark, dass die Lehrerinnen und Lehrer angesichts fehlender Mittel und personeller Unterstützung "oft genug mit ihrem pädagogischen Latein am Ende" sind, sagte Demmer.
Im Reiseprogramm fehlen nach Angaben der GEW Haupt- und Sonderschulen für Lernbehinderte. Ein Bogen werde auch um Ballungsräume wie das Ruhrgebiet mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Migrantenanteil gemacht. Zudem blieben die östlichen Bundesländer mit Ausnahme von Potsdam ausgespart.
Die für den UN-Besuch ausgewählten Schulen seien integrierte Gesamtschulen und Grundschulen, die sich bei der Integration von Migranten und Kindern mit Behinderungen besonders hervor getan haben. Mit "Interesse und einem leichten Grinsen", so die GEW-Vize-Vorsitzende, habe sie registriert, dass dem UN-Sonderbeobachter ausgerechnet integrierte Gesamtschulen und Ganztagsschulen präsentiert würden, die von konservativen Bildungspolitikern bislang "eher distanziert betrachtet, wenn nicht gar geschmäht" wurden. "Jetzt sollen integrierte Gesamtschulen offenbar das internationale Ansehen retten. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht, wenn der Besuch wieder weg ist", unterstrich Demmer.
Info:
Nach Informationen der Kultusministerkonferenz (KMK)
- nutzten im Schuljahr 2003/2004 10,9 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Primar- und Sekundarstufe I ein schulisches Ganztagsangebot (gebundene und offene Form). Auch hier ist das Bild in den Bundesländern außerordentlich unterschiedlich. Die Spanne reicht von zwei Prozent in Bayern bis 36 Prozent in Thüringen (siehe Schaubild).
- lernen in Deutschland ca. 12,9 Prozent der behinderten Kinder gemeinsam mit nicht behinderten. 87,1 Prozent werden in Sonderschulen sonderpädagogisch gefördert. Die Anteile schwanken jedoch zwischen den Bundesländern erheblich: von zwei Prozent in Sachsen-Anhalt bis 27 Prozent in Berlin.
Nach Angaben des ersten, im Auftrag der KMK erstellten Bildungsberichtes für Deutschland (2004) lernen ca. zehn Prozent der 15-Jährigen in Integrierten Gesamtschulen. Auch hier schwanken die Anteile zwischen Null Prozent in Sachsen, 0,5 Prozent in Baden-Württemberg, 0,3 Prozent in Bayern und 48,5 Prozent in Brandenburg.
Nach Angaben des deutschen PISA-Konsortiums besuchen in den alten Bundesländern (Flächenländer) bei den 15-Jährigen 50 Prozent der jungen Migranten eine Hauptschule, aber nur 28 Prozent der deutschen Kinder. In den Gymnasien kehrt sich das Verhältnis um: Nur 15 Prozent der jungen Migranten gehen zum Gymnasium, aber 31,8 Prozent der 15-jährigen Deutschen. Noch ungünstiger sieht das Verhältnis in der Hauptschule in Großstädten aus:
(Siehe Anlage im .pdf-Format).
Eine Auswertung der Angaben des Statistischen Bundesamtes zum Bereich Kinder- und Jugendhilfe 2002 (erschienen 2004; die Daten werden nur alle vier Jahre erhoben) ergibt einen durchschnittlichen Anteil integrativer Kindertageseinrichtungen von deutschlandweit 20,7 Prozent, wobei auch hier die Bundesländer weit auseinander liegen und die Werte von 7,4 Prozent in Rheinland-Pfalz bis 43,6 Prozent im unmittelbar benachbarten Hessen reichen.
Weitere Informationen finden Sie im Internet unter: www.gew.de
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