Lübeck: Arme Kinder stehen nicht länger abseits
(imi). Ungewöhnlich, aber machbar: In Lübeck entscheiden Erzieherinnen und Lehrer über die Verwendung von Geldern, mit denen Kinder aus armen Elternhäusern unterstützt werden. Jede Kita, jede Schule kann über ein eigenes Konto verfügen,um etwa das Mittagessen zu bezuschussen oder die Teilnahme an einem Ausflug zu gewährleisten.
01.04.2011 ArtikelMöglich macht dies ein Fonds, in den jährlich rund zwei Millionen Euro fließen: der Lübecker Bildungsfonds. Stadt und Land sowie sechs Stiftungen haben sich geeinigt, ihre Gelder, die für die Förderung benachteiligter Kinder eingesetzt werden, zusammenzuführen. Nathalie Brüggen von der Possehl-Stiftung, aus deren Etat die größte Einzelsumme stammt, verhehlt nicht, wie stolz sie auf den gemeinsamen Kraftakt ist: "Es ist uns gelungen, Einzelinteressen einem übergeordnetem gemeinsamen Interesse unterzuordnen und eine Verantwortungsgemeinschaft zu bilden."
"Das erste Mal eine effiziente Maßnahme"
Dreh- und Angelpunkt der Unterstützungsleistungen sind die Orte, an denen sich Kinder und Jugendliche ganz selbstverständlich aufhalten. Die Initiatoren gingen davon aus, dass Erzieherinnen und Lehrer in Kita und Schule die Familien am besten kennen und den direkten Draht zu den Kindern haben. Dazu Knut Klinner, langjähriger Schulleiter der Schule Roter Hahn: "Wir mussten uns zunächst daran gewöhnen, dass wir tatsächlich selber über die finanzielle Unterstützung entscheiden können. Das erste Mal, seit ich Schulleiter bin, wurde eine effiziente Maßnahme getroffen."
Das sieht auch seine Kollegin Inge Stemmer von der Domschule so: "Wir möchten den Bildungsfonds nicht mehr missen", fasst sie ihr Resümee zusammen. "Wir sind ja viel näher dran an den Kindern und ihren Familien und können deshalb effektiv dort helfen, wo wir einen Bedarf sehen." Von 250 Kindern, die die Domschule besuchen, werden 67 Kinder unterstützt. Insgesamt wird inzwischen jedes zehnte Kind in Lübeck durch den Bildungsfonds gefördert, insbesondere an Grundschulen und Kitas. Zuschüsse zum gemeinsamen Mittagessen und für Ausflüge stehen an der Spitze der Ausgaben.
"Aber wenn wir sehen, dass ein Kind eine besondere Begabung hat, dann suchen wir auch hier eine Möglichkeit, diese im Nachmittagsbereich zu fördern." Froh stimmt die Rektorin, zu erleben, dass arme Kinder nicht länger abseits stehen. Bundesweit bekanntes Beispiel für eine gelungen Förderung ist das Schachspiel-Talent Tigran, der die vierte Klasse der Domschule besucht und inzwischen bundesweit Preise sammelt. Der Sohn einer allein erziehenden Mutter fiel im Matheunterricht auf und konnte seine Begabung mit Unterstützung der Schule im nachmittäglichen Schachunterricht ausbauen.
Das Bildungssystem stärken
Von Anfang wollte man in Lübeck keine neuen Strukturen schaffen, sondern die Strukturen nutzen, die vorhanden sind – und man wollte so viele Akteure wie möglich mit ins Boot holen. "Mit dem Bildungsfonds stärken wir das vorhandene Bildungssystem, indem wir gemeinsam Vertrauen in die Kompetenzen der Akteure vor Ort – also Schulleiter, Lehrer, Sozialpädagogen, Erzieher, Sekretärinnen, Hausmeister – und in die Fähigkeiten der kommunalen Verwaltung setzen", so Projektleiterin Elke Woitke aus der Verwaltung der Hansestadt. Ihre Kollegin Angelika Kramm, zuständig für Controlling im Fachbereich Kultur und Bildung, ergänzt: "Wir haben uns bei der Mittelvergabe von den üblichen Strukturen bei der Gewährung von Sozialleistungen völlig gelöst. In Abstimmung mit unserem Rechnungsprüfungsamt reicht jetzt ein kurzer, schlichter Antrag von knapp einer Din-A4-Seite. Unterschrieben wird er von der Kita- oder Schulleitung."
Kaum mehr Verwaltungsaufwand
Stolz sind die Beteiligten auch auf den geringen Verwaltungsaufwand von 0,1 Prozent der Fördersumme. Stichwort Verwaltungsaufwand: Trotz des kurz gehaltenen Antrages müssen Schulen und Kitas Kapazitäten schaffen, um Gespräche mit den Eltern zu führen und den Antrag zu bewilligen. In der Domschule etwa wanderte diese Aufgabe von der Rektorin zur Konrektorin, weil sich der zusätzliche Aufwand mit Schulleitungsaufgaben kaum mehr vereinbaren lasse. Dennoch: Als ein "Modell für Deutschland" lobt die Ministerin für Soziales und Gesundheit in Mecklenburg-Vorpommern Manuela Schwesig den Fonds. Die erklärte Kritikerin von Chipkarte und Bildungsgutscheinen hält den Bildungsfonds für eine gelungene Alternative. Das sieht auch Nathalie Brüggen so, wenngleich allen Beteiligten klar ist, dass Lübeck mit seiner reichen Stiftungslandschaft besonders günstige Voraussetzungen hat – trotz einer hohen kommunalen Verschuldung. In anderen Kommunen könnte die Wirtschaft mit ins Boot geholt werden, überlegen die Lübecker, wenn sie darauf angesprochen werden, wie das Modell übertragen werden könnte. Der Fonds-Gedanke als solcher funktioniere jedoch nur, wenn sich alle Beteiligten offen für Veränderung zeigen. ‹
Kompakt
Jedes zehnte Kind in Lübeck wird durch den Bildungsfonds gefördert. Stadt, Land und sechs Stiftungen haben ihre Gelder zusammengeführt, um effektiv und unbürokratisch Kinder aus armen Familien zu unterstützen. Die zentrale Verantwortung liegt bei den Kitas und Schulen, die ein eigenes Konto führen, aus dem die benötigten Zuschüsse genommen und an die Leistungsträger (z. B. Catering für Mittagessen) überwiesen werden.
Erstveröffentlichung Klett Themendienst 02/2011
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