Mehr Bildung weniger Kriminalität
(red/pm) Bessere Bildung führt zu deutlich weniger Verbrechen in Deutschland. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Autoren Horst Entorf und Philip Sieger von der Universität Frankfurt/Main weisen darin erstmals für Deutschland einen kausalen Zusammenhang zwischen unzureichender Bildung und Kriminalität nach.
11.11.2010 ArtikelDemnach würde die Zahl an Gewalt- und Eigentumsdelikten deutlich sinken, könnte die Zahl der Schulabgänger ohne Hauptschulabschluss halbiert werden. Hochgerechnet auf das vergangene Jahr hätte es in diesem Fall rund 420 Fälle von Mord und Totschlag, 13.500 Raubüberfälle und 320.000 Diebstähle weniger gegeben, so die Forscher.
Anhand von ökonometrischen Analysen auf der Grundlage von Mikro- und Paneldaten zeigen die Autoren der Studie, dass das häufige Zusammenfallen von fehlendem Hauptschulabschluss und kriminellem Verhalten kein Zufall ist. Unzureichende Bildung ist eine der Ursachen für Straffälligkeit und Kriminalität. Natürlich spielen auch andere Faktoren wie beispielsweise Vorstrafen im Eltern¬haus eine Rolle für kriminelles Verhalten – auch das zeigt die Studie. Anders als bei der Bildung kann die Gesellschaft aber auf diese Faktoren kaum Einfluss nehmen.
Maßnahmen, die den Anteil an Jugendlichen ohne Schulabschluss halbieren, könnten Opfern und Angehörigen vielfaches persönliches Leid ersparen, das Zusammenleben würde friedlicher und sicherer. Der Gesellschaft blieben aber auch enorme Folgekosten durch Kriminalität erspart: Laut konservativer Berechnungen der Forscher machen diese Folgekosten rund 1,42 Milliarden Euro pro Jahr aus. Von verbesserten Bildungschancen würden die drei Stadtstaaten Bremen, Hamburg und Berlin am stärksten profitieren: Sie haben aktuell die höchsten Kosten für Kriminalität pro Ein¬wohner. Aber auch in den anderen Bundesländern ergäben sich deutliche Einsparungen, so die Studie.
Zu viele Schüler scheitern
"Unser Bildungssystem lässt viel zu viele Schüler scheitern", so Dr. Jörg Dräger von der Bertelsmann Stiftung. "Das hat für die ganze Gesellschaft drama¬tische Folgen, zum Beispiel mehr Kriminalität, hohe Transferzahlungen oder soziale Konflikte." Jugendliche brauchen eine Perspektive für ihr weiteres Leben. Aufgabe der Bildungspolitik müsse es sein, allen Jugendlichen die Möglichkeit zu einem erfolgreichen Berufsleben und zur sozialen Teilhabe in der Gesellschaft zu eröffnen. Sein Fazit: "Wir dürfen Schulabgänger ohne Abschluss nicht stigmatisieren, wir müssen ihnen helfen."
Förderschulsystem aufgeben
Nach wie vor verlassen Jahr für Jahr Zehntausende Jugendliche die Schule ohne Hauptschulab¬schluss – im Sommer 2009 waren es mehr als 58.000 junge Menschen. Ein Viertel von ihnen kommt aus Hauptschulen, mehr als die Hälfte stammt aus Förderschulen. Die Zahl der Schulab¬gänger ohne Abschluss lasse sich daher nur halbieren, wenn das bisherige Förderschulsystem weitgehend aufgegeben werde, so Dräger: "Alle Bundesländer und Schulformen müssen deshalb die Weichen zügig und konsequent in Richtung inklusives Schulsystem stellen." Vor allem Schulen in sozialen Brennpunkten benötigten sofortige Unterstützung durch ein Sonderprogramm – mehr finanzielle Mittel, die besten Lehrer. So könne eine neue Lernkultur ent¬stehen, die individuelle Förderung und rechtzeitiges Handeln gegen Schulverweigerung möglich macht. Denn, "wer rechtzeitig in Bildung investiert, spart nicht zuletzt bei Strafverfolgung und Strafvollzug."
Verpflichtung zum Berufsabschluss
Dräger sieht dabei nach dem Schulabschluss die Berufsausbildung "als weiteren entscheidenden Schritt zu fairen Bildungschancen: Jeder Jugendliche sollte das Recht auf einen Ausbildungsplatz, aber auch die Verpflichtung zu einem Berufsabschluss haben." Erst dadurch werde die Perspek-tivlosigkeit vieler junger Menschen überwunden.
Weiterführende Links
- Projekt Folgekosten unzureichender Bildung
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